Innere Sicherheit Der Feind im Innern

Soldaten als Polizisten? Die deutsche Geschichte zeigt, warum wir auch weiterhin gut daran tun, die Aufgaben der Polizei von denen des Militärs strikt zu trennen

Was konservative Politiker schon des Längeren fordern, wird nun auch von der rot-grünen Bundesregierung nicht mehr rundweg abgelehnt: Die Möglichkeit, Bundeswehrsoldaten im Innern einzusetzen. Jüngster Auslöser dieser Debatte war im Januar der Irrflug eines Motorseglers über Frankfurt am Main – der psychisch gestörte Mann, der die Maschine gekapert hatte, drohte damit, sich in ein Hochhaus zu stürzen. Wie sollte reagiert werden? Es stellte sich heraus, dass es keine hinreichende Rechtsgrundlage für einen militärischen Eingriff gab, zum Beispiel, den Geisterflieger durch einen Abfangjäger abzuschießen.

Der Spuk dauerte nur Minuten. Aber sie reichten aus, um alten Begehrlichkeiten Auftrieb zu geben. Konnte, so wurde in konservativen Kreisen überlegt, das Erschrecken über den Frankfurter Zwischenfall dazu genutzt werden, die Debatte über einen starken Staat endlich voranzubringen? Jedenfalls erneuerten jetzt Wolfgang Schäuble (CDU) und Edmund Stoiber (CSU) ihre Forderung, die Verfassung zu ändern, um zur Abwehr terroristischer Gefahren die Bundeswehr auch im Innern einsetzen zu können.

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Das Grundgesetz indes entstand nicht aus abstrakten Prinzipien, sondern aus einer tiefgreifenden historischen Erfahrung heraus. Und man muss sich wohl diese Erfahrungen noch einmal vor Augen führen, bevor man darangeht, die Fundamente unserer Demokratie in solch einem entscheidenden Punkt zu verändern.

Eine Erfahrung war die fatale Rolle, die das preußisch-deutsche Militär hierzulande von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1945 gespielt hat – eine Rolle, die den amerikanischen Historiker Gordon A. Craig zu der generalisierenden Feststellung veranlasste, das Militär in Deutschland sei „ein Staat im Staate“ geworden, „der den sozialen Fortschritt und die Entwicklung liberaler demokratischer Institutionen verhinderte“. Der Grund für diese Fehlentwicklung lag vor allem in der Tatsache, dass eine klare Trennung zwischen polizeilichen und militärischen Aufgaben fehlte.

„…daß ich euch befehle, eure Eltern niederzuschießen!“

In der bürgerlich-demokratischen Erhebung von 1848/49 spielte die preußische Armee erstmals den Part der Gegenrevolution. Der monarchische Militärstaat wurde durch den Einsatz militärischer Gewalt restauriert. General Karl Gustav von Griesheim propagierte die Devise: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!“ Über Berlin wurde das Kriegsrecht verhängt und die Preußische Nationalversammlung, die parallel zum Frankfurter Paulskirchenparlament zusammengetreten war, gewaltsam aufgelöst.

Der Anspruch des Militärs, in innenpolitischen Angelegenheiten entscheidend mitzureden, sollte in den folgenden Jahrzehnten das Handeln der Offiziere bestimmen. So war es nur konsequent, dass die preußisch-deutsche Armee auch nach der Reichsgründung 1871 ihren Einfluss in der Innenpolitik geltend machte. Ziel war es, den Obrigkeitsstaat zu stabilisieren und die sozialrevolutionären und demokratischen Bestrebungen abzuwehren. War die Polizei bei der Wahrung der öffentlichen Sicherheit überfordert, hielt sich die Armee bereit, gegen die Opposition vorzugehen, die – den militärischen Denkkategorien folgend – als „Reichsfeind“ gebrandmarkt wurde. Im Visier der Armee befanden sich Sozialdemokraten, Linksliberale, auch Katholiken, Juden, Gewerkschafter und Pazifisten.

Diese Konfrontation entwickelte sich zu einem entscheidenden Konflikt der Kaiserzeit, der schließlich auch in die Kasernen getragen wurde. Entstammten doch viele Rekruten Elternhäusern, die aus der Sicht des adligen Offizierskorps eben jenen „Reichsfeinden“ zuzurechnen waren, die im Verdacht „revolutionärer Umtriebe“ standen. Welche Konsequenzen sich daraus ergeben konnten, machte Kaiser Wilhelm II. schon bald nach seiner Thronbesteigung deutlich. Den jungen Männern, die im November 1891 in einer Potsdamer Kaserne zur Vereidigung angetreten waren, forderte er etwas Ungeheuerliches ab: „Rekruten! … Ihr habt mir Treue geschworen, das – Kinder meiner Garde – heißt, Ihr seid jetzt Meine Soldaten, Ihr habt Euch Mir mit Leib und Leben ergeben; es gibt für Euch nur einen Feind, und der ist Mein Feind. Bei den jetzigen sozialistischen Umtrieben kann es vorkommen, dass Ich Euch befehle, Eure eigenen Verwandten, Brüder, ja Eltern niederzuschießen – was ja Gott verhüten möge – aber auch dann müsst Ihr Meine Befehle ohne Murren befolgen.“ Tatsächlich marschierten im Kaiserreich mehrfach Truppen gegen das Volk auf (wie zum Beispiel 1912 beim Bergarbeiterstreik an der Ruhr), ohne dass es allerdings zu größerem Blutvergießen kam.

Einen wichtigen Hebel zur Herrschaftssicherung bot das so genannte Belagerungszustandsrecht, ein preußisches Gesetz aus dem Jahre 1851, das im Kaiserreich fortlebte. Damit konnten die Regeln des Krieges auf Konflikte im Innern gleichsam übertragen werden. Es ermächtigte die Staatsführung, Bürgerrechte einzuschränken, Machtbefugnisse an militärische Behörden zu delegieren und gegebenenfalls auch Soldaten gegen Unruhestifter einzusetzen.

Leser-Kommentare
    • Rahab
    • 07.10.2008 um 11:57 Uhr

    ich sag jetzt nichts;-). ich empfehle nur einen blick in die seit gestern laufenden threads zum buneswehreinsatz im inneren und zu Noske ante portas. vielleicht mag ja Wolfram Wette da mitdiskutieren?!

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    Sehr geehrte Rahab,
    genau weil das Thema heftig diskutiert wird, sind wir ins virtuelle Archiv gestiegen, um diesen zeitlosen Text dazu zu bergen. Er ergänzt die aktuellen Gesichtspunkte der Benutzerartikel um einige geschichtliche Aspekte, die dort nicht genannt sind.
    Mit freundlichen Grüßen,

    Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

    Sehr geehrte Rahab,
    genau weil das Thema heftig diskutiert wird, sind wir ins virtuelle Archiv gestiegen, um diesen zeitlosen Text dazu zu bergen. Er ergänzt die aktuellen Gesichtspunkte der Benutzerartikel um einige geschichtliche Aspekte, die dort nicht genannt sind.
    Mit freundlichen Grüßen,

    Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

    • Rahab
    • 07.10.2008 um 11:58 Uhr

    hab ich doch beim bundeswehreinsatz ein weiches d vergessen...

  1. Sehr geehrte Rahab,
    genau weil das Thema heftig diskutiert wird, sind wir ins virtuelle Archiv gestiegen, um diesen zeitlosen Text dazu zu bergen. Er ergänzt die aktuellen Gesichtspunkte der Benutzerartikel um einige geschichtliche Aspekte, die dort nicht genannt sind.
    Mit freundlichen Grüßen,

    Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

    Antwort auf "ne, liebe redaktion,"
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    • Colon
    • 10.10.2008 um 10:27 Uhr

    Prima, Ihre Idee, nicht nur einfach dreißig Stichwortartikel verlinkt, als Anhang an einen kurzen neuen Artikel einzustellen, sondern Wettes historische, aber aktuelle Betrachtung zu drucken.

    Vielleicht ist das ja ein Anfang, noch stärker mit dem angehäuften ZEIT-Material aus dem eigenen Archiv zu arbeiten? Im Sinne des folgenden Gedankens?

    http://kommentare.zeit.de...

    Grüße und weiter so

    Christoph Leusch

    • Colon
    • 10.10.2008 um 10:27 Uhr

    Prima, Ihre Idee, nicht nur einfach dreißig Stichwortartikel verlinkt, als Anhang an einen kurzen neuen Artikel einzustellen, sondern Wettes historische, aber aktuelle Betrachtung zu drucken.

    Vielleicht ist das ja ein Anfang, noch stärker mit dem angehäuften ZEIT-Material aus dem eigenen Archiv zu arbeiten? Im Sinne des folgenden Gedankens?

    http://kommentare.zeit.de...

    Grüße und weiter so

    Christoph Leusch

    • Rahab
    • 07.10.2008 um 12:20 Uhr

    im letzten absatz des artikels steht das für heute entscheidende: nämlich die im übrigen sich einstellende vermischung der bedrohung von innen mit der durch von außen, im angesprochenen falle die internationalen migrantenströme und der internationale terrorismus. von da aus ist es für die 'brot und spiele'-bedürfnisse zum entsprechenden 'inneren feind' dann ja auch wieder nicht mehr so wahnsinnig weit...

    • Vadis
    • 07.10.2008 um 13:14 Uhr

    Geschichte zu sein. Und allzuschnell wird das geflügelte Wort angeführt, ob man denn aus ihr wieder mal nichts gelernt hätte.

    Die Ausführungen Herrn Wettes sind inhaltlich nicht zu kritisieren, ebensowenig der Gang ins virtuelle Archiv. Einen Vergleich zur heutigen weltpolitischen Lage in Zeiten asymetrischer Kriegsführung und terrorisierenden Dünkels halte ich aber erst einmal für fragwürdig. Im übrigen haben User hier bereits deutlich ihr "Unbehagen an der politischen Kultur", nämlich sich doch am liebsten mit Holzhammermethoden (deren Effektivität oder Sinngebung allerdings auch weltweit nicht zu belegen ist) sowohl der Probleme als auch der politisch reifen Verantwortung zu entledigen, bekundet. Und dieses Unbehagen, dessen bin ich mir sicher, resultiert gerade aus einem mehr oder weniger fundierten, aber doch einigermaßen verlässlichen Bewusstsein zu der nicht allzu fernen Vergangenheit unseres "Gemeinwesens".

    Größere Aufklärung erhoffte ich mir darüber, wie denn das Herumbasteln am GG unsererseits zu verhindern wäre und was überhaupt die monolithische Ausstrahlung des GG ausmachte, wo es sich doch scheinbar leicht(fertig) ändern lässt.

    Wie hieße Anlassgebung doch gleich auf Neudeutsch: "Catalyzing Events"

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    • Rahab
    • 07.10.2008 um 13:32 Uhr

    und auf kabinetts-beschluß usw. hin läßt sich das grundgesetz nicht ändern. das weiß auch das kabinett und der innenausschuß und der innenminister (der besonders - sollte zumindest so sein. falls er's vergessen hat, wird ihm kollege Otto gern privatim nachhilfe geben).

    aber innenpolitisch bekomme ich, wenn ich solches höre, natürlich ganz riesenhoch gespitzte ohren. das klingt nämlich z.b. nach 'fünfter kolonne'. beliebtes spiel nach dem motto: wie mache ich aus einem äußeren feind einen inneren? wobei der äußere auch nicht wirklich der feind sein muß. manchmal reicht aber so tun als ob aus.

    wie das geht, haben mir (natürlich immer nur ausschnittweise) z.b. die mandanten, darunter etliche chaldäische christen, aus dem Irak erzählt. wir könnten danach übrigens auch die polen fragen, die in den 60-gern (?schon solange her?) Polen via Israel verließen, verlassen mußten. damit will ich sagen, dass es beispiele zuhauf gibt, nicht nur in der eigenen jüngeren geschichte, auch in der unserer nachbarn.

    • Rahab
    • 07.10.2008 um 13:32 Uhr

    und auf kabinetts-beschluß usw. hin läßt sich das grundgesetz nicht ändern. das weiß auch das kabinett und der innenausschuß und der innenminister (der besonders - sollte zumindest so sein. falls er's vergessen hat, wird ihm kollege Otto gern privatim nachhilfe geben).

    aber innenpolitisch bekomme ich, wenn ich solches höre, natürlich ganz riesenhoch gespitzte ohren. das klingt nämlich z.b. nach 'fünfter kolonne'. beliebtes spiel nach dem motto: wie mache ich aus einem äußeren feind einen inneren? wobei der äußere auch nicht wirklich der feind sein muß. manchmal reicht aber so tun als ob aus.

    wie das geht, haben mir (natürlich immer nur ausschnittweise) z.b. die mandanten, darunter etliche chaldäische christen, aus dem Irak erzählt. wir könnten danach übrigens auch die polen fragen, die in den 60-gern (?schon solange her?) Polen via Israel verließen, verlassen mußten. damit will ich sagen, dass es beispiele zuhauf gibt, nicht nur in der eigenen jüngeren geschichte, auch in der unserer nachbarn.

  2. Man muss auch berücksichtigen, dass inzwischen der Traum vieler Konservativer aus der Wendezeit 1989/90 wie eine Seifenblase zerplatzt - er ist ausgeträumt. Jetzt gilt es für manche, zu verteidigen, was noch zu verteidigen ist. Notfalls mit Gewalt, notfalls lässt man Panzer auffahren. Und ist es nicht seltsam? Irgendwie unterscheidet man sich in nichts mehr von den alten Machthabern des real existierenden Sozialismus - von den Mielkes, den Breschnews, den Honeckers, den Ulbrichts etc.. Es geht nur noch darum, die eigene Macht und die eigenen Pfründe gegen zu Schmarotzern erklärten Bevölkerungsteilen zu verteidigen.

    • Rahab
    • 07.10.2008 um 13:32 Uhr

    und auf kabinetts-beschluß usw. hin läßt sich das grundgesetz nicht ändern. das weiß auch das kabinett und der innenausschuß und der innenminister (der besonders - sollte zumindest so sein. falls er's vergessen hat, wird ihm kollege Otto gern privatim nachhilfe geben).

    aber innenpolitisch bekomme ich, wenn ich solches höre, natürlich ganz riesenhoch gespitzte ohren. das klingt nämlich z.b. nach 'fünfter kolonne'. beliebtes spiel nach dem motto: wie mache ich aus einem äußeren feind einen inneren? wobei der äußere auch nicht wirklich der feind sein muß. manchmal reicht aber so tun als ob aus.

    wie das geht, haben mir (natürlich immer nur ausschnittweise) z.b. die mandanten, darunter etliche chaldäische christen, aus dem Irak erzählt. wir könnten danach übrigens auch die polen fragen, die in den 60-gern (?schon solange her?) Polen via Israel verließen, verlassen mußten. damit will ich sagen, dass es beispiele zuhauf gibt, nicht nur in der eigenen jüngeren geschichte, auch in der unserer nachbarn.

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    • Vadis
    • 07.10.2008 um 13:50 Uhr

    eine Religion, die unter Verdacht steht, den Staat ansich erobern zu wollen, gleich selbst zum Staat ohne Grenzen, alsdann zum Feind, behaupten allgemeine Kriegsbefindlichkeit und nehmen laut Genfer Konvention alle inländischen Religionsangehörigen in Sippenhaft. Oder so ähnlich.

    • Vadis
    • 07.10.2008 um 13:50 Uhr

    eine Religion, die unter Verdacht steht, den Staat ansich erobern zu wollen, gleich selbst zum Staat ohne Grenzen, alsdann zum Feind, behaupten allgemeine Kriegsbefindlichkeit und nehmen laut Genfer Konvention alle inländischen Religionsangehörigen in Sippenhaft. Oder so ähnlich.

    • Vadis
    • 07.10.2008 um 13:50 Uhr

    eine Religion, die unter Verdacht steht, den Staat ansich erobern zu wollen, gleich selbst zum Staat ohne Grenzen, alsdann zum Feind, behaupten allgemeine Kriegsbefindlichkeit und nehmen laut Genfer Konvention alle inländischen Religionsangehörigen in Sippenhaft. Oder so ähnlich.

    Antwort auf "so einfach "
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    Oder die neoliberalen Prediger des freien Marktes? Nur weil Sie von einer Religion sprechen, die... usw. Also, ganz ehrlich gesagt: Das wäre schon sehr ungewöhnlich. Sehr. Aber zeit wär's ja. Insofern haben Sie auch wieder recht.

    Oder die neoliberalen Prediger des freien Marktes? Nur weil Sie von einer Religion sprechen, die... usw. Also, ganz ehrlich gesagt: Das wäre schon sehr ungewöhnlich. Sehr. Aber zeit wär's ja. Insofern haben Sie auch wieder recht.

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