Zehn Sekunden braucht Axel Hunger, um eine Hoffnung zu zerstören. Ein kurzes Überfliegen des Anschreibens, einen Blick auf die Universität, einen zweiten auf die Zensuren – dann steht für den Duisburger Professor fest, ob der ausländische Bewerber in die engere Wahl kommt. In den allermeisten Fällen lautet sein Urteil "ungeeignet": aus der Traum vom kostenfreien Studium in Deutschland.

Mehr als 2000 Bewerbungen gehen jedes Jahr über Hungers Schreibtisch an der Ingenieurwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Duisburg. Die Interessenten kommen aus der ganzen Welt, und alle wollen mit einem deutschen Master oder Bachelor of Science ihren Lebenslauf schmücken. Dabei ist es noch nicht lange her, erinnert Hunger sich, "dass man froh war über jeden Studenten, der aus dem Ausland zu uns wollte". Heute benötigt der Dean for International Relations seiner Fakultät zehn Hilfskräfte, um die häufigen Absagen und wenigen Zusagen zu verschicken. Allein an diesem Tag muss Hunger wieder über 53 Kandidaten aus zwölf Ländern sein vorläufiges Urteil fällen. Doch nur fünf von ihnen schlägt er – versehen mit einer "VIP-Kennung" – seinen Professorenkollegen zur endgültigen Entscheidung vor. "Hervorragende Studenten sind selten unter den Bewerbern", sagt Axel Hunger.

Seit Ende der neunziger Jahre schießt die Zahl auswärtiger Interessenten an einem Studium in Deutschland steil in die Höhe. Allein aus China kamen 2001 weit über 70000 Einschreibewünsche, rund die Hälfte aller ausländischen Bewerbungen. An Universitäten wie Stuttgart, der Hochschule mit den meisten Chinesen in Deutschland, sind sie unübersehbar. Zur Mittagszeit sitzen sie meist abgesondert von ihren deutschen Kommilitonen um dampfende Reisschüsseln, die sie sich – da ihnen das Kantinenessen häufig zu teuer ist – in der Teeküche ihrer Institute selbst gekocht haben.

Mittlerweile jedoch droht die anfängliche Euphorie über die Internationalisierung der Hochschulen in Ernüchterung, gar Abwehr umzuschlagen. Da sind zum einen praktische Probleme: Zulassungsstellen können die Anfragen nicht mehr bewältigen, vielerorts fehlen Wohnplätze. Zum anderen fragt man sich an den Hochschulen zunehmend, ob die richtigen Gäste kommen. Streben tatsächlich künftige Eliten nach Deutschland? Oder werden die hiesigen Hochschulen nur zum Sammelplatz jener, die anderswo abgelehnt wurden – oder die in erster Linie ein besseres Leben im vermeintlichen Wohlstandsparadies suchen? Schon gebe es an einigen Universitäten eine "Haltet uns die vielen Ausländer vom Leib!"-Stimmung, stellt Ulrich Grothus, stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), besorgt fest.

In offiziellen Verlautbarungen ist von solchen Misstönen nichts zu hören. "Deutschland ist weltweit wieder ein attraktiver Studienstandort geworden!", jubelt Edelgard Bulmahn. Nach den USA und Großbritannien sei die Bundesrepublik heute das begehrteste Gastland für ausländische Akademiker. Wie so oft weiß die Bildungsministerin, wem die Hochschulen den Sympathieschub vor allem zu verdanken haben: der Politik der Bundesregierung – also nicht zuletzt der Ministerin selbst.

In der Tat hat keine Regierung zuvor so viel für die Imageverbesserung unserer Hochschulen im Ausland unternommen. Im Rahmen einer "Konzertierten Aktion Marketing" preisen Vertreter deutscher Universitäten auf Hochschulmessen und Studentenversammlungen das Studium in Germany an. Bundesmittel fließen in die Schaffung neuer englischsprachiger Studiengänge. Gleichzeitig stellen immer mehr Fakultäten ihr Studium auf international kompatible Bachelor- und Master-Abschlüsse um. Sogar die deutschen Beamten wurden angeregt, den begehrten Akademikern aus aller Welt Kundenservice zu bieten: Ein Preis für die freundlichste Ausländerbehörde soll den Staatsdienern Weltoffenheit nahe bringen.

Die globale Charmeoffensive zeigt Wirkung – auch deshalb, weil man die Zugangshürden zum Studium etwa bei den Deutschkenntnissen senkte. Mittlerweile bevölkern mehr als 200000 ausländische Studenten die Seminare und Vorlesungssäle – über 40 Prozent mehr als noch vor sechs Jahren. Fast jeder fünfte Studienanfänger hat heute einen ausländischen Pass.

Doch nun werden die Schattenseiten des Erfolgs sichtbar. Längst werden die Hochschulen des Andrangs nicht mehr Herr. Ein internes Papier des DAAD spricht von einer "extremen Überlastung der Verwaltungsstellen". Und DAAD-Generalsekretär Christian Bode räumt ein: "Eine sachgerechte Bearbeitung findet mancherorts nicht mehr statt." Wer sich etwa an der Universität Frankfurt bewirbt, muss teilweise mehr als ein halbes Jahr auf eine Antwort warten. Die Folge: Die wirklich hervorragenden Bewerber sind zu diesem Zeitpunkt längst woanders eingeschrieben. Andere Unterlagen werden in Frankfurt ohne große Prüfung zurückgeschickt. "Was können wir mit 800 Bewerbungen aus Bulgarien anfangen, wenn es nur 32 Studienplätze gibt?", fragt John Skillen von der Akademischen Auslandsstelle. Besonders frustrierend: Nur ein Fünftel der Bewerber, die eine Zulassung bekommen, erscheint auch zum Studium in Frankfurt.