Reise Das Nichts zwischen den Dingen

Klaus Böldl fährt nach Island und schreibt eine fulminante Reisereportage

Dass man den Ort der Poesie auch zu Fuß erreichen kann, bezeugen die zahllosen literarischen Wanderungen von Petrarca bis Peter Handke. Reisende sind es, die in der schweigenden Dingwelt Zeichen und Wunder entdecken, ästhetische Bedeutsamkeit und metaphysische Verheißung. Reisen und Kunst sind verwandt; die Fremde führt zur Verfremdung, die Wahrnehmung des Anderen zu einer anderen Wahrnehmung. Weil sich die Fremde in der Globalisierung keineswegs auflöst, findet sich der romantische Entdeckerimpuls auch in der Gegenwartsliteratur.

Der Münchner Autor Klaus Böldl ist nicht der Einzige, den die Kenntnis einer abgelegenen Weltgegend zum Dichter macht. Anders aber als etwa der Sinologe und Übersetzer Hans Peter Hoffmann, der jüngst in seinem wunderbaren Erstling Der Nichtstuer die chinesische Kultur in einer ironischen Fiktion ganz ins Hiesige transformierte, folgt der Skandinavist Böldl der Natur in der Tradition von Novalis bis Stifter, wo Beschreibung und Beschwörung eins werden.

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Die Reaktionen auf seinen ersten Roman Studie in Kristallbildung, der nach Grönland, und den zweiten, Südlich von Abisko, der nach Lappland führte, waren geteilt; was hier als konservativ-kontemplative Prosa gefeiert wurde, galt dort als bloßer Kunstvorsatz. Diesmal verzichtet Böldl auf die Fiktion und verbindet einen konventionellen Reisebericht mit träumerischen Reflexionen und Ausflügen in die historische Sagenwelt, betritt also das Terrain seiner nordischen Poesielandschaft gleichsam mit einem stützenden Spazierstock. So bleibt Bodenhaftung auch dann, wenn er mit der Fähre oder dem Flugzeug unterwegs ist. Sein Ausgangspunkt ist ein Appartement am Flughafen von Reykjavík, der „Tür in das nordatlantische Hinterzimmer der Welt“. Der seltsame Aufenthaltsort am Stadtrand vermittelt ihm eine „sonst selten erfahrbare Weltgesättigtheit“, das „Gefühl einer an Dezenz freilich kaum zu überbietenden Weltteilnahme“.

Frauen im Sommernebel auf der Landstraße

Dabei befindet sich der einsame Beobachter, dessen Daseinsgefühl sich so gravitätisch äußert, fast außerhalb der Welt, auch als er in eins der kleinen Flugzeuge steigt und von Island auf die Färöer-Inseln fliegt: „Nur Reisen an der Peripherie entlang sind in diesem überhaupt nur aus Rändern bestehenden Kosmos denkbar.“ Zwei Kapitel auf den kleinen Nordatlantik-Inseln werden von zweien auf der großen eingerahmt. Und noch an diesen Rändern ist es das Randständige, Flüchtige, dem Böldl seine Konzentration schenkt, etwa den wenigen Menschen, denen er in mondkargen Regionen begegnet. Da filzt ein Beamter mit kupferroten Haaren und Brauen sein Gepäck, „die grauen Augen so wäßrig, daß ich Angst hatte, es werde aus ihnen auf meine Hemden und Pullover tropfen“. Und als ein Sommernebel den Horizont verschluckt, wirken zwei Frauen auf der Straße „wie aus dem Leben geschnitten und auf ein weißes Blatt Papier geklebt“.

Weit mehr also als nur „Kunstvorsatz“: Innerhalb einer Sprachlandschaft, die der Autor dem Relief der Wirklichkeit minutiös, mit dem Eifer eines plastischen Künstlers anschmiegt, leuchten solche sparsam verwendeten Bilder buchstäblich ein. Dies ist kein Feuerwerk von Eindrücken, keine Show der Superlative, sondern der Versuch, das sperrige Element der Sprache für die Nuancen von Licht und Farben, die Vielfalt der Erscheinungen von Wolken, Meer, Himmel, Fels und Gras biegsam und geschmeidig zu machen. Mit nüchterner, fast pedantischer Umständlichkeit tastet Böldl in gedehnten Sätzen die Leere, die Stille und die Ereignislosigkeit ab, umstellt Steilküsten und Gletscher, Bootsschuppen und Ufersteine mit ausgesuchten Adjektiven und dosiert diese wiederum mit (leider allzu vielen) Einschränkungen und Relativierungen.

Eine kühle Vermessungstechnik ist da am Werk und eine altväterliche Sprachreife, die, auch wenn sie manch weiche Stelle hat (von der „letztendlichen Unterlegenheit des Menschen“ ist da die Rede oder von einem „Gefühl gedämpften Halblichts“), von weither an die schöne Sorgfalt eines Raabe oder Keller erinnert.

In diesen Duktus, der Erzählen und Beschreiben gemächlich verschränkt, fügen sich die alten Reiseberichte und Sagen, die ohne jedes Raunen assoziiert werden, zwanglos ein. Ob Sandbänke, Tankstellen, Trolle oder Wiedergänger, da gibt einer Kunde von dem, was durch seine offenen Sinne die Existenz berührt, einer durchdringenden Realität auf der Landkarte, der Netzhaut und der Membran der Gedanken: „Am späten Vormittag hatte die Sonne an Kraft gewonnen, die milchigen Hochnebel binnen einer halben Stunde auszulösen, und alles war in jene nordatlantische Überdeutlichkeit gerückt, von der man aus der Erinnerung nicht mehr sagen kann, was den stärkeren Eindruck gemacht hat: die vor Wirklichkeit strotzenden Dinge oder das wie selten sonst wahrnehmbare Nichts zwischen diesen Dingen, in das man ja irgendwann eingehen wird.“

π Klaus Böldl: Die fernen Inseln

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003; 158 S., 16,90 ¤

 
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