Liberalismus Das zerbrechliche Gut der Freiheit
Ralf Dahrendorf denkt über die globalen Herausforderungen unserer Zeit nach
Gewiss, die Freiheit hat heute mächtige Fürsprecher. Aber ist es deshalb wirklich gut um sie bestellt? In Zeiten, da sich idealistische amerikanische Geostrategen voller Tatendrang an die Arbeit machen, im Namen der Freiheit die zügige Runderneuerung ganzer Weltgegenden, uralter Kulturen und hergebrachter Religionen ins Werk zu setzen (Ronald D. Asmus, Nr. 11/03), scheinen tiefe Zweifel angebracht. So wird es nicht gehen – aber wie dann? Wenige Denker nur können die Frage nach den Voraussetzungen und Problemen einer Politik der Freiheit unter den Bedingungen globaler Krisen und Umbrüche mit so viel intellektueller Autorität aufwerfen wie der große liberale Soziologe und Freiheitspolitiker Ralf Dahrendorf. Sein neuestes Buch nennt er den „Versuch, ein paar Schneisen des Verständnisses durch die Wirrnis der Welt am Beginn des 21. Jahrhunderts zu legen“.
Genau das tut Dahrendorf tatsächlich – so knapp, so präzise formuliert und so eindringlich, wie es derzeit wohl keinem zweiten Autor deutscher Sprache gelingt. Wer Dahrendorfs Argumentation folgt, der begreift, weshalb die Ordnungsmuster, Institutionen und Organisationen des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr funktionieren, während zugleich nicht einmal im Ansatz schon zutage läge, welche einigermaßen stabilen Strukturen auf sie folgen könnten. Was bedeuten Globalisierung und Ende der Arbeitsgesellschaft, Terrorismus und Krieg für die zukünftige Ordnung der menschlichen Dinge? Zeiten des Wandels seien immer Zeiten der Auflösung, schreibt Dahrendorf. Auf nationaler wie auf internationaler Ebene, politisch wie ökonomisch, gesellschaftlich wie kulturell befinden wir uns heute auf unerforschtem Terrain, ja in einer „haltlosen Welt“. Das schaffe Verunsicherung und Desorientierung, Anomie und die Sehnsucht nach autoritären Lösungen – widrige Zeiten für die Freiheit.
Aber deshalb resignieren? Als „unverbesserlicher Aufklärer“ zwingt sich Dahrendorf, selbst angesichts vielfach abträglicher Umstände, der optimistischen Tradition seines sozialen Liberalismus treu zu bleiben: „Der Kompass, der den Weg durch diese noch unkartierte Landschaft weisen soll, ist auf Freiheit gestellt“, insistiert er tapfer, „sie ist die Leitidee allen Fortschritts der menschlichen Dinge.“ Für sich genommen, mag das zunächst etwas wie eine Mischung aus Glaubensbekenntnis, Pfeifen im Walde und George W. Bush klingen. Doch anders als etwa der amerikanische Präsident kann Ralf Dahrendorf sehr handfest benennen, was Freiheit als regulative Idee der Politik gerade heute bedeuten muss: „Der oberste Zweck ist die Ausweitung der Lebens-chancen der Erfolgreichen auf alle anderen“, schreibt er. „Freiheit darf kein Privileg werden, und das heißt, dass es ein Gebot der Politik der Freiheit ist, mehr Menschen, prinzipiell allen Menschen die Anrechte und das Angebot zu verschaffen, die wir selber schon genießen.“
Aber genau dieses Ziel sei es doch, das sie im Irak und darüber hinaus in der arabischen Welt verfolgten – so könnten die enthusiastischen Sofortbefreier amerikanischer Provenienz darauf erwidern. Sie unterlägen einem Irrtum ums Ganze. Im Unterschied nämlich zu den gefährlich naiven Hurra-Freiheitskämpfern des frühen 21. Jahrhunderts macht sich Ralf Dahrendorf mit guten Gründen keinerlei Illusionen darüber, wie voraussetzungsvoll und langwierig alle Prozesse der Modernisierung, Demokratisierung und Emanzipation stets gewesen sind – und immer bleiben werden: „Der erste Schritt in die Moderne ist in aller Regel ein Schritt in neues Elend“, warnt er. „Das, was wir so leichthin Entwicklung nennen, ist also ein Prozess, der für viele zunächst Entwurzelung bedeutet.“
Und es steht nirgendwo geschrieben, dass dieser Prozess mit historischer Notwendigkeit am Ende in die gewünschte Richtung verläuft. „Nur mit großer Vorsicht sollten wir je behaupten, andere seien noch nicht dort angekommen, wo wir uns befinden. Möglicherweise werden sie nie dort ankommen. Möglicherweise werden alle unsere Errungenschaften wieder zerstört, durch äußere Feinde oder durch das selbstmörderische Potential unseres Tuns.“
Ralf Dahrendorf weiß, dass die Politik der Freiheit im 21. Jahrhundert vielleicht mehr denn je Einsicht und Fantasie, Geduld und Beharrlichkeit erfordern wird „und vor allem nimmermüde Versuche der Verbesserung menschlicher Wohlfahrt“. Er weiß zugleich, dass alles auch ganz anders kommen kann. Im Bewusstsein ihrer Zerbrechlichkeit und schieren historischen Unwahrscheinlichkeit hält Dahrendorf beharrlich am Ziel der Freiheit fest. Es könnte sein, dass in dieser bedachtsamen Entschlossenheit heute weit mehr Heroismus liegt als in den hitzigen Gebärden allzu selbstgewisser Freiheitsapostel auf beiden Seiten des Atlantiks.
Ralf Dahrendorf: Auf der Suche nach einer neuen Ordnung Eine Politik der Freiheit für das 21. Jahrhundert; C. H. Beck Verlag, München 2003; 156 S., 14,90 ¤Auf der Suche nach einer neuen OrdnungSachbuchEine Politik der Freiheit für das 21. JahrhundertRalf DahrendorfBuchC. H. Beck Verlag2003München14,90156- Datum 05.06.2003 - 14:00 Uhr
- Serie politisches buch
- Quelle (c) DIE ZEIT 05.06.2003 Nr.24
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