RomanDer Schmerz ist da, um wehzutun

Der serbische Autor David Albahari ist eine atemberaubende Entdeckung von 

Von der Vergangenheit kann man zu viel oder zu wenig haben. Entweder sie lastet mit Bleigewichten auf der Gegenwart, oder sie ist nahezu verschwunden und die Freiheit grenzenlos. Für die Literatur heißt das: Literatur, die unter dem Eindruck einer übermächtigen Vergangenheit steht, ist unfrei. Und eine Literatur, die sich keiner Vergangenheit verpflichtet weiß, ist beweglich und disponibel. Grob gesagt, handelt es sich im ersten Fall um europäische, im zweiten um amerikanische Literatur.

Über die Freiheit und Erfindungskraft der jungen amerikanischen Literatur haben wir in den letzten Monaten viel gestaunt. Sie ist so ungebunden, dass sie sich eine beliebige europäische Vergangenheit aus literarischem Silikon erfinden kann. Sie tut das mit einer plaudernden Unverfrorenheit und Verspieltheit, die Bewunderung auslöst. Aber auch ungläubige Verblüffung. Denn noch immer gilt hier jenes Werk am meisten, das sein Geheimnis nicht ohne weiteres preisgibt. Das Unsagbare ist in Europa seit langem ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Topos großer Literatur. Er hält die Erinnerung daran wach, dass sich der Konflikt zwischen Individuum und Geschichte zugunsten der Geschichte zu entscheiden pflegt. Allein die europäische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts übersteigt das Fassungs- und Ausdrucksvermögen eines jeden, der sich ihr mit Ernst zuwendet. Deswegen fehlen einem europäischen Autor nicht selten die Worte, wo ein amerikanischer deren zu viele hat.

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David Albahari ist ein vor sieben Jahren nach Kanada emigrierter serbischer Jude. Er hat im kanadischen Exil bisher zwei außergewöhnliche Romane geschrieben, die den Blick zurück nach Europa und in die Zeit des Zweiten Weltkrieges werfen. Wie bei den jungen amerikanischen Autoren versucht hier ein Erzähler, die europäische Vergangenheit seiner Familie zu rekonstruieren und zu beschreiben. Doch was im amerikanischen Fall schmerzlos gelingt, ist im europäischen Original von Leid und Verzweiflung begleitet.

Im ersten Roman Mutterland ist von dem mutmaßlichen Scheitern des Buches ausführlich die Rede. In seinem kleinen Haus in Kanada plagen den Erzähler viele Ängste, von denen sein kanadischer Freund und Schriftstellerkollege Donald noch nie gehört hat. Er fürchtet sich vor der Stille beim Schreiben, vor der „Unvermeidbarkeit der Wahl, vor der Anordnung der Dinge im Weltall“. Offenbar steht der serbische Exilant in einer langen europäischen Tradition der Skepsis des philosophischen Zweifels. Im nordamerikanischen Teil der Welt hingegen, sagt Donald, bekämen die Zweifler kein Bein auf die Erde. Und kein Buch in den Buchhandel, darf man hinzufügen.

Verstört und vereinsamt, unverheiratet und überempfindlich sind die Erzähler Albaharis, wie es die Helden bei Fernando Pessoa oder Emanuel Bove vor ihnen waren. Mit diesen Junggesellen findet die Geschichte genealogisch ein Ende, das sie in ihrer Melancholie schon vorwegnehmen.

Das Buch Mutterland ist das Porträt der bosnischen Mutter des Erzählers, einer Jüdin, die ihren ersten Ehemann im Konzentrationslager und ihre Kinder bei einem Unfall verloren hat. Sie hat wieder geheiratet, wieder Kinder bekommen. „Der Schmerz ist da, um weh zu tun“, sagt sie am Ende ihres Lebens.

Der Sohn quält sich mit dem Gedanken, der Tragik dieses Lebens literarisch nicht antworten zu können. Er findet keine Bilder, er kann seiner Mutter den Trost einer angemessenen Fiktionalisierung, den Komfort einer literarischen Überhöhung nicht bieten. „Unsinn“, hätte seine Mutter auch gesagt, „es gibt keine universellen Bedeutungen, jeder ist nackt wie eine Pistole.“ Unnötig zu sagen, wie eindrücklich diese Unbeholfenheit, wie beeindruckend dieses karge Mutterporträt geraten ist, gerade weil es auf die große epische Robe verzichtet.

In seinem jüngsten Roman Götz und Meyer (beide Romane sind von Mirjana und Klaus Wittmann bravourös übersetzt worden) lässt David Albahari einen einsamen Erzähler zurückblicken auf zwei deutsche Gentlemen, Wilhelm Götz und Erwin Meyer, die zwischen 1942 und 1943 in Belgrad als Lastwagenfahrer tätig waren. Ihre Fracht waren Juden, die sie vom Lager auf dem Belgrader Messegelände an den Fuß des Avala-Berges brachten. Beim Einladen verteilten sie Bonbons an die Kleinsten. Auf freier Strecke hielten sie und leiteten die Auspuffgase ins Wageninnere. Das Ausladen der Leichen besorgten jüdische Häftlinge.

Auch diese Geschichte ist stärker als der, der sie erzählt. Der Belgrader Lehrer, dessen Vorfahren von Götz und Meyer chauffiert wurden, wird über der Erzählung verrückt. Er kann das Erzählte nicht bändigen, er kann es nicht einmal in Absätze unterteilen. Im Traum hält er Götz und Meyer an den Händen.

Es ist immer wieder behauptet worden, es mache keinen Unterschied, ob Literatur ihre Erfahrungen aus erster, zweiter oder zweiundzwanzigster Hand beziehe. An solchen atemberaubenden Büchern erkennt man, dass das nicht wahr ist.

David Albahari: Mutterland
A. d. Serb. v. Mirjana u. Klaus Wittmann; Eichborn, Frankfurt a.M. 2002; 170 S., 17,90 Euro

David Albahari: Götz und Meyer
A. d. Serb. v. Mirjana u. Klaus Wittmann; Eichborn, Frankfurt a.M. 2003; 155 S., 18,90 Euro

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