NaturgeschichteDer Vulvastein lügt!

Stephen J. Gould und seine letzte Vision vom Glück der Forschenden von Hans-Volkmar Findeisen

Eine Gruppe von Fossilien sieht dem weiblichen Geschlecht verdammt ähnlich. Die Umgangssprache nannte sie ehedem Frauensteine, Muttersteine oder Vulvasteine. Auch die Vertreter der im 16. Jahrhundert im Entstehen begriffenen neuzeitlichen Paläontologie "konnten über ein derart anregendes Objekt unmöglich hinwegsehen". Ein Begriff von Erdgeschichte entstand allerdings erst in der Zeit der Französischen Revolution, und so erschienen die Versteinerungen nicht als Relikte organischen Lebens, sondern als anorganische Schöpfungen. Erst den Nachgeborenen war es vorbehalten, das Rätsel aufzuklären: Bei den denkwürdigen Gebilden, deren Spalt an eine Vulva erinnert, handelte es sich um Negativabdrücke einer Vertiefung in der Schale von so genannten Armfüßern, mit den Muscheln eng verwandten Tieren.

Auch der Geologe und Zoologe Stephen Jay Gould erlag dem Zauber der Versteinerungen. Er teilte sein Büro in Harvard mit "ungefähr 100000" Fundstücken, die das Fundament seiner Beschäftigung mit Evolution und Erdgeschichte geworden sind. Gould starb im Mai 2002. Kurz vor seinem Tod erschien sein wissenschaftliches Lebenswerk, ein kiloschweres Konvolut mit dem Titel The Structure of Evolutionary Theory, im Kern eine Geschichte der Evolutionsgeschichte und ein Nachruf auf ihren größten Kopf Charles Darwin. Darwin hielt er für einen ebenso genialen wie buchhalterischen "Langweiler", Gould verlangte, sein Denkgebäude einer gründlichen Renovierung zu unterziehen und die zeitgemäß rassistische Vorstellung von Linearität und Selektion als Strukturprinzip der Naturgeschichte durch das Prinzip des Zufalls zu ersetzen.

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Gould war ein begnadeter Geschichtenerzähler, in den USA so populär, dass er selbst in den Comics der Simpsons agierte. Bereits den Tod vor Augen, veröffentlichte er 2000 als letztes populäres Werk die Lügensteine, denen 23 Kolumnen in Natural History, Rezensionen, Miszellaneen aus der Geschichte des naturwissenschaftlichen Denkens zugrunde liegen. Es ist die Erzählung von dem gutgläubigen und eitlen Johann Bartholomäus Adam Beringer aus Würzburg, dem neidische Kollegen sensationelle Bodenfunde von Spinnen mitsamt Netz, Eidechsen mit Haut oder kopulierenden Fröschen unterschoben, um mit den Fake-Fossilien seine Karriere zu Fall zu bringen. Gould führt dies Beispiel nicht zufällig ins Feld. Sie belegen, dass der Gehörnte sich nicht als solcher zu fühlen brauchte, sondern durchaus logisch dachte – im Rahmen der herrschenden Denkansätze.

Was macht das Spiegelgefecht mit der ziemlich trockenen Materie des Naturgeschichtlers so publikumswirksam? Goulds Zaubermittel ist, so erläutert er im Vorwort, eine von ihm beanspruchte Form des biografischen Essays. Er präsentiert die Naturwissenschaft aus dem Blickwinkel der Kulturwissenschaft und schlägt, erfahren und ungemein belesen, zwischen ihnen unzählige Brücken. Der von Gelassenheit getragene Rückblick auf das eigene streitbare Forscherleben wird zur Versöhnungsbilanz mit dem Fach. Alles Leben erscheint wie die in Menschenhirnen entwickelten Bilder zufällig und relativ. Gould erinnert an Francis Bacon, einen der Ersten, der die Gefahr der gelehrten "Götzenbilder" (idola) hatte kommen sehen. Zu denen gehören freilich auch die idola des Marktes und des Theaters.

Sein programmatisches Credo ist eine nicht sparsam aufgetragene Moral. Gerade Goulds letzte Geschichte über die sechs alten christlichen Konfessionen, die sich das Biotop der Jerusalemer Grabeskirche teilen, versinnbildlicht eine Welt, in der nicht das naturwissenschaftliche "Konkurrenzausschlussprinzip" waltet, sondern eine Forschungslandschaft Raum gewinnt, in der "Herz und Verstand" walten und Aquarianer, Biologen, Kleingärtner und Dinoforscher glückliche Lerngemeinschaften bilden, um das Geheimnis der Vulvasteine zu ergründen. In ihr will man, kein Zweifel, gern wohnen.

π Stephen Jay Gould: Die Lügensteine von Marrakesch

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