Film Zurück auf Los!Seite 2/2

Eine weitere, auf den ersten Blick recht unbedeutende Zahl wurde im neuen Entwurf verändert, doch hat sie die wahrscheinlich fatalsten Auswirkungen: Es handelt sich um die völlig paradoxe Heraufsetzung der so genannten Besucherschwelle von 100000 auf 150000. Die Festivalteilnahmen und Preise kann man nämlich in den Wind schießen, wenn ein Film zusammen mit allen angerechneten Punkten insgesamt unter 150000 Besuchern bleibt. Erst ab dieser Zahl wird er überhaupt die sogenannte Referenzfilmförderung in Anspruch nehmen können und sich für seinen Erfolg aus den FFA-Töpfen belohnen lassen. Die Erhöhung mobilisiert nun die Branche gegen die Gesetzesnovelle, sorgt in Fachblättern wie Tageszeitungen für Kopfschütteln und reduziert die kulturelle Stoßrichtung auf ein Lippenbekenntnis.

Gerade die Produzenten, die in den letzten Jahren die ästhetisch interessantesten deutschen Filme auf den Weg gebracht haben und denen das neue Gesetz eigentlich Rückendeckung geben sollte, laufen Sturm gegen die Heraufsetzung. Stefan Arndt von der Berliner Firma X-Filme (Good Bye, Lenin!) plädiert für eine probeweise Festsetzung der Besucherschwelle auf null und sieht darüber hinaus noch erheblichen Diskussionsbedarf. Peter Rommel (Nachtgestalten, Halbe Treppe) spricht von einer „Ausgrenzung des engagierten Films, bei der gerade das Neue und Gewagte auf der Strecke bleibt“. „Kleinere innovative Firmen“, so Rommel, „können ihrem Stil und ihren Regisseuren nur treu bleiben, wenn sie für ihre durchaus realistischen Zuschauerzahlen nicht vom Gesetz bestraft werden.“ Für Florian Koerner, dessen Firma Schramm-Film in den letzten Jahren neben Christian Petzolds Die innere Sicherheit einige der wichtigsten deutschen Filme produzierte, die unter dem Begriff Berliner Schule eine eigene Ästhetik prägten, ist die neue Besucherschwelle „ein Knüppel zwischen die Beine“.

Dem neuen Entwurf liegt ein zu kommerzielles Filmverständnis zugrunde. Statt das Geld zu den Kreativen zu bringen, soll unter den Produzenten erst einmal aufgeräumt werden, etwa indem Filme mit über einer Million Zuschauern nun einen noch größeren Anteil des Etats absahnen können. Hin zum Hit – eine ähnliche Denkart steckt hinter dem von Weiss unterstützten Plan, den Deutschen Filmpreis – eigentlich ein Kulturförderpreis – demnächst per Mehrheitsentscheid durch die Mitglieder einer noch zu gründenden Filmakademie vergeben zu lassen. Eine halbseidene Lobbyistenidee, deren Vertretern es in erster Linie um die Kontrolle der staatlichen Preismillionen geht.

Im Gesetzentwurf jedenfalls sind es nur einige Zahlen, die den Umschlag von einem Instrument fortschrittlicher Filmförderung zum konservativen Zauderertext bewirken. Statt endlich die kreative Brechstange anzulegen, werden die altmodischen Vorgaben der Filmförderungsanstalt weiter verfestigt. Um hier etwa Geld für ein neues Filmprojekt zu beantragen, muss die Produktionsfirma nach wie vor 15 Prozent an Eigenmitteln nachweisen – dabei scheint man noch von einem Zigarre rauchenden Produzententypus auszugehen, der erst mal ein Bündel Geldscheine auf den Tisch knallt. Doch die Branche hat sich verändert. In Zeiten, wo kleinen Klitschen mit Fernsehkoproduktionen wunderbares Kino gelingt, sind solche Vorgaben schlichtweg altväterlich. Eine flexiblere Regelung würde die in ihren Ohrensesseln eingerosteten Gremien der Filmförderungsanstalt endlich zwingen, Firmen und Projekte näher anzuschauen, statt sich hinter einem Zahlenbollwerk zu verschanzen.

Aber noch ist nichts verloren! Das neue Gesetz steht erst vor der Verabschiedung, lässt noch Änderungen zu. Vor unserem inneren Auge sehen wir schon die Kulturstaatsministerin Christina Weiss, wie sie das Tipex-Fläschchen in die Hand nimmt und die fatalen Zahlen noch ein wenig retuschiert. Wie sie mit zwei, drei Änderungen die jahrelangen Gespräche des Bündnisses für den Film zu einem souveränen Abschluss führt und ein Gesetz hinlegt, das diese Filmlandschaft wirklich braucht. Es geht hier nämlich nicht um Finanzpölsterchen für ein paar durchgeknallte Low-Budget-Heinis. Es geht um Produzenten, die an das, was sie ins Kino bringen, glauben und dafür eine vernünftige Arbeitsgrundlage verdient haben. Um die besten und mutigsten Filme, die dieses Land in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Nicht weniger als eine lebendige Kinokultur steht auf dem Spiel.

 
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