Essay Wie deutsch solls denn sein?Seite 3/3
Das Schöne an einer wahrhaften deutsch-jüdischen Normalität wäre auch, dass dann Nichtjuden ihrem jüdischen Gesprächspartner nicht mehr zwanghaft versichern müssten, sie hätten jüdische Vorfahren oder Widerstandskämpfer in ihrer Familie gehabt. Bezeichnungen wie „jüdisches Kapital, „jüdischer Geist“, „jüdischer Einfluss“ und „jüdische Intelligenz“ wären aus dem Sprachschatz verschwunden, weil man begriffen hätte, dass sie in Vorurteilsstrukturen verhaftet sind. Nichtjuden würden dann andererseits auch keine Juden mehr brauchen, damit sie bestimmte eigene öffentliche Aussagen oder Aktionen mit ihrer „jüdischen Autorität“ absichern. Es würden sich dafür auch keine Juden mehr hergeben. Überhaupt bedürfte es keiner Feststellung mehr, ob eine herausragende Persönlichkeit der Zeitgeschichte oder der Vergangenheit jüdisch sei. Juden hätten es ihrerseits nicht mehr nötig, mit dem betonten Hinweis auf ihr Jüdischsein ein Gefühl der Unterlegenheit auszugleichen.
Wäre das Verhältnis von Juden und Nichtjuden in Deutschland normal, würden Juden weder als Individuen noch als Kollektiv für die Politik Israels, des World Jewish Congress oder anderer jüdischer Organisationen haftbar gemacht. Es wäre dann allgemein bekannt, dass Juden, urkundlich belegt, seit über 1700 Jahren in Deutschland leben und somit länger in diesem Land ansässig sind als viele der deutschen Stämme, die erst im Zuge der Ende des 3. Jahrhunderts einsetzenden Völkerwanderung hierher kamen. Es bedürfte dann keiner institutionalisierten christlich-jüdischen Dialoge mehr; Juden wie Nichtjuden würden die „Würde des Unterschieds“ gleichermaßen achten.
Und worauf liefe das alles hinaus? Darauf, dass „deutsch-jüdische Normalität“ kein Thema mehr wäre.
Davon aber sind wir noch weit entfernt – nicht zuletzt deshalb, weil gegenwärtige deutsch-jüdische „Normalität“ einem fragilen, hoch sensiblen Regelkreis ähnelt, in dem Ursache und Wirkung schwer zu unterscheiden sind. Wenn überhaupt, kann eine befriedigende deutsch-jüdische Normalität auf Dauer nur durch tätiges Miteinander entstehen. Normalität entgleitet immer dann, wenn man sie zu beschwören versucht. Sie stellt sich umso eher ein, je weniger sie eingefordert und je mehr sie gemeinsam gelebt wird. Nach allem, was geschah, ist es durchaus normal, dass deutsch-jüdische „Normalität“ noch nicht normal ist. Bis auf weiteres sind mir spontane Fragen nach „meinem Land“, „meiner Heimat“ und „meinem Botschafter“ allemal lieber als eine gut gemeinte, aber an der Wirklichkeit vorbeigehende Einebnung vorhandener Unterschiede zwischen Deutschen und Juden.
- Datum 05.06.2003 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 05.06.2003 Nr.24
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



