genossenschaftenDie besseren Kapitalisten

In ganz Europa beweisen Genossenschaften derzeit, wie erfolgreich demokratisch geführte Unternehmen sein können von Thomas Hammer

Zentrale der Handelsgenossenschaft Migros in Zürich

Foto: Migros-Genossenschafts-Bund

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Eine Genossenschaft ist das perfekte Netzwerk. Einzelne Personen oder Kleinunternehmen schließen sich zusammen, bündeln ihre Interessen und teilen die so erzielten Vorteile unter sich auf. Als Einkaufsverband zum Beispiel können sie dann wie ein Großkunde auftreten und Mengenrabatte aushandeln. Rund 132000 genossenschaftliche Unternehmen gibt es in der Europäischen Union, getragen von mehr als 80 Millionen Mitgliedern.

Im Ausland sind die Gemeinschaftsunternehmen weit verbreitet: So befinden sich in Spanien viele Schulen in der Trägerschaft von Bildungsgenossenschaften, über die sowohl Eltern als auch Lehrer den Schulbetrieb beeinflussen können. In Italien bieten soziale Genossenschaften behinderten Menschen oder ehemaligen Strafgefangenen neue Arbeitsplätze. Eine besonders exponierte Stellung in der Wirtschaft haben die Genossen in der Schweiz. Nicht nur, weil dort die Raiffeisenbank-Gruppe der drittgrößte Anbieter von Bankdienstleistungen ist. Mit jeweils rund zwei Millionen Mitgliedern und Umsätzen in zweistelliger Milliardenhöhe sind die genossenschaftlichen Handelskonzerne Coop und Migros Marktführer im Einzelhandel.

Hierzulande ist die starke Gemeinschaft zwar ebenfalls verbreitet. Dennoch habe sie „ein Imageproblem“, sagt Heino Weller, Geschäftsführer des Forschungsinstituts für Genossenschaftswesen an der Universität Nürnberg-Erlangen. Oft werden mit ihr die Überbleibsel des Kommunismus wie landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften in der DDR assoziiert, darüber hinaus sind den Deutschen allenfalls noch landwirtschaftliche Erzeugergemeinschaften oder genossenschaftliche Banken bekannt.

Die unterschiedlichen Ausprägungen innerhalb Europas – von sozial orientierten Organisationen bis zur Gemeinschaft für die Bündelung wirtschaftlicher Interessen – zeigen, dass hinter einer Genossenschaft sehr unterschiedliche Ideen und Wertvorstellungen stehen können. „Die Genossenschaft ist nicht nur ein Unternehmenstyp, sondern ein gesellschaftliches Mikrosystem von ganz besonderer, auch kultureller Sensibilität“, berichtet der Wirtschaftswissenschaftler Eberhard Dülfer von der Universität Marburg in einer Studie zum europäischen Genossenschaftswesen.

Das Paradebeispiel dafür liefert der schweizerische Handelskonzern Migros, der im Jahr 1925 von Gottlieb Duttweiler als Aktiengesellschaft gegründet wurde. Sechzehn Jahre später wandelte er die Firma in eine Genossenschaft um und schenkte die Anteile seinen Kunden. Damit wurden jedoch auch soziale und ethische Werte in die Statuten des Unternehmens eingebunden, die bis heute Bestand haben. So gibt es bei Migros weder Alkohol noch Zigaretten, und ein Prozent des Umsatzes im Großhandel kommt kulturellen und sozialen Projekten zugute – das sind jährlich immerhin gut 100 Millionen Franken. „Wir müssen wachsender eigener materieller Macht stets noch größere soziale und kulturelle Leistungen zur Seite stellen“, schrieb Duttweiler in die Statuten der Migros- Genossenschaft.

Billige Kredite für Mitglieder

In Deutschland konzentriert sich der Großteil der genossenschaftlichen Szene auf wenige Wirtschaftsbereiche. So sind im landwirtschaftlichen Sektor zahlreiche Erzeuger- und Vermarktungsgenossenschaften aktiv, deren Mitglieder zumeist aus dem Kreis der Landwirte stammen. Im Groß- und Einzelhandel haben sich ebenfalls einige bedeutende Genossenschaften wie Edeka, Rewe, die Sportartikelkette Intersport oder der Spielwaren-Handelsverbund Vedes etabliert. Dass diese Unternehmen meist nicht als Genossenschaft bekannt sind, liegt daran, dass mit Ausnahme der Coop- und Konsum-Verbrauchermärkte nur Ladenbesitzer zum Teilhaberkreis zählen und nicht etwa Kunden.

Die mitgliederstärkste Fraktion stellen die Genossenschaftsbanken, zu denen sowohl die Volks- und Raiffeisenbanken wie auch Sparda- und PSD-Banken zählen. Doch gerade dort ist vom genossenschaftlichen Idealismus vielerorts nur noch wenig übrig geblieben. „Bei vielen Volksbanken und Raiffeisenbanken wird die Mitgliedschaft als Instrument der Kundenbindung vernachlässigt“, bemängelt Weller. Die ursprüngliche Idee der finanziellen Selbsthilfe ist in den Hintergrund gerückt, im Wettbewerb mit anderen Bankengruppen sorgt die Rechtsform allein nur für wenig Profil. Mit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft sind einige Volksbanken wie die Volksbank in Stuttgart oder die Vereinigten Volksbanken Böblingen oder Cochem sogar bewusst von der genossenschaftlichen Unternehmensform abgerückt.

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