Europa Reise zum wahren Kern
Was bedeutet heute Europa? Weit mehr als eine Allianz zwischen Frankreich und Deutschland. Wer die EU darauf beschränkt, nimmt ihr die Zukunft
Evian
Petersburg, Krakau, Evian – auf sämtlichen Bühnen, auf denen in jüngster Zeit Europa, Amerika und Russland auftraten, wurde suggeriert, die alten Beziehungen würden frisch aufpoliert oder Freundschaften neu begründet. Sogar die Bundesrepublik und ihr Kanzler, der bei George Bush in auserwählter Ungnade steht, bekam ein bisschen vom Glanz ab. Auf der pragmatischen Ebene geht es pragmatisch weiter, lautet die Botschaft.
Dennoch: Es geht der Verdacht um, die Einheit Europas gelte inzwischen manchen Vordenkern in Washington, aber auch in Europa, einschließlich Deutschland, als gleichsam antiamerikanisches Projekt. In diesem Sinne ist die Intervention der Philosophen Jürgen Habermas und Jacques Derrida in der FAZ zu verstehen. In einem gemeinsamen Plädoyer (formuliert von dem deutschen Philosophen der Moderne, gegengezeichnet von dem französischen Antipoden, dem Denker der Postmoderne) werben sie für ein außenpolitisches „Kerneuropa“, weil Europa sonst auseinander zu fallen drohe.
Bedrohte Einheit? Mit einem Avantgarde-Europa dagegenhalten? Man sei doch wieder im Gespräch, Chirac, Blair, Schröder mit Bush in Evian, sagen Diplomaten im Auswärtigen Amt. Die außenpolitische Klasse sitzt tatsächlich wieder zusammen, was auch in Berlin mit Stoßseufzern der Erleichterung zur Kenntnis genommen wird. Powell klopft Fischer auf den Rücken! Bush und Schröder mehrere Stunden lang geschäftsmäßig an einem Tisch im Hotel Royal, man spricht über Afrika, Aids, Nordkorea, Iran, Agrarsubventionen oder die Rezession, die nirgendwo heraufziehe. Man braucht uns!
In Evian war keiner unglücklicher als Tony Blair
Hoch über dem Genfer See, unter dem sommerlichen Nachthimmel, hat Schröder Mutmaßungen über die bedrohte „Einheit“ und „Integration“ zu relativieren versucht – gemessen an der Sprachlosigkeit, die herrschte, war der Gipfel auch ein Schritt nach vorn. Eine Botschaft zwischen den Zeilen konnte man dennoch herauslesen: Europa und Amerika, so der Kanzler zum Gipfel-Abschluss, „müssen an einem möglichst einheitlichen Europa interessiert sein…“ „Ich will mir nicht vorstellen“, so Schröder weiter, „dass es ein Interesse von irgendjemandem geben könne, den Prozess der Integration zu stoppen…“ Auch wenn „der eine oder andere“ in altes und neues Europa trenne, Bestand werde das nicht haben – Pfeifen im Dunkeln, hoch über Evian?
Eine Strategie im Blick auf die Welt hat Paris, wie sich auch beim Gipfel zeigte. Nicht aber Berlin, das im Schatten bleibt. Als Linie zeichnet sich gleichwohl ab: Der deutsch-französische Schulterschluss soll keinesfalls aufgelöst werden, auch wenn man es eine Politik des Gegengewichts nicht nennen will. Nur, wenn die Liaison auf ein „kontinentales“ Europa hinausliefe, auf einen ganz neuen Kern, also eine Koalition Paris, Moskau, Berlin – dann wäre eine Grenze erreicht. Gleichwohl: Frankreich und Deutschland als Kern eines Europas, das schon die Basis des Nachkriegseuropas war, diesen Kern kann man sich auch gut als mentales, politisches, pragmatisches Fundament des künftigen, erweiterten Europa vorstsellen.
Das wahre Wunder Europas, heißt es seit langem, sei letztlich die deutsch-französische Versöhnung. An der Stelle berühren sich Realpolitik und Europa-Entwurf. Bloß: Ein „französisches“ Europa, das die Allianz mit Deutschland als zivilisatorisches Projekt betrachtet? So haben wir nicht gewettet!, bekamen die Teilnehmer des Deutsch-Polnischen Forums in Berlin kürzlich von entrüsteten Warschauer Politikern zu hören. Ungewöhnlich aggressiv klang das, geradezu feindselig – Frankreich als der Verführer, der zuerst die Deutschen unter seine Fittiche nimmt, Europa aus der Allianz mit Amerika lockt und dann die neuen Europäer zur Peripherie degradiert. Polen als „zweite Klasse“!
- Datum 05.06.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05.06.2003 Nr.24
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