Idole Die Helden-MaschineSeite 7/7

Es geht bei der Inszenierung nicht nur um die Frage, wer am besten vorbereitet ist, wessen Team am dienlichsten ist, ob schließlich der eine die Tour zum fünften, der andere sie zum zweiten Mal gewinnt; es geht nicht nur um die Frage, wer sein Talent am besten nutzt, welcher Wille am enthemmtesten ist, welcher Körper sich am längsten quälen lässt. Es geht vor allem um die Frage, ob der Heldenmythos durchhält. Das lädierte Knie, die Zwangspause, die Dopingsperre, das aktuelle Theater um den zahlungsunfähigen oder -unwilligen Sponsor Coast, die deshalb nicht erteilte Lizenz für die Asturienrundfahrt, der hektische Teamwechsel zu Bianchi in letzter Minute, Bürgschaften, Verträge, die erlösende Zulassung zur Tour de France: Sollte Ulle jetzt und gerade jetzt triumphieren, wird sich, darin sind sich die Eingeweihten einig, sein Mythos verewigen.

„Du bist jedenfalls eine Art Popstar.“

„Nee…“

„Die Autogramme, die Poster, die Fanpost, und die kreischenden Mädchen, wenn du losfährst…“

„Ja, das gibt’s schon.“

„Also?“

„Beim richtigen Popstar ist es 50:50. Bei mir ist es 90:10; 90 Prozent Sport, 10 Prozent nebenher.“

„Ziemlich viel für einen Sportler.“

„Ja, ist ziemlich viel, ja gut.“

„Hast du das Gefühl, etwas verpasst zu haben?“

„Nee. Ich hab ein total hektisches, intensives Leben, das reicht mir auch so. Ich bin glücklich so. Sicher gibt es vieles anders, aber die ruhige Zeit kommt noch früh genug.“

Im Tanzsaal des Hotels Linderhof in Erfurt ist die Hochzeit in vollem Gang. Jan Ullrich liegt noch auf der Massagebank. Am rechten Knie sieht man die Narbe. Wenn das Knie hält, haben die Auguren gesagt, kann er es wieder schaffen. Wenn das Knie durchhält, bleibt das Versprechen einer personifizierten Wiederauferstehung. Oder andersherum: In diesem sympathischen, ruhigen, bescheidenen Menschen wollen wir, narzisstisch gekränkte Opfer des Schicksals, unser verwundetes Selbstwertgefühl endlich wieder heilen. Der Mythos vom großen Sportheroen ist die letztverbliebene Erzählung, das Epos dieser Zeit. Jan Ullrich weiß, dass er es ist, der es weitererzählen muss.

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Helden
Der Mythos schlüpfte 1996. Der Mythos des Industriefeinmechanikers, des braven, liebenswürdigen, ehrlichen Wunderkindes, das sich, den Gegner, die Natur und die Geschichte besiegt hatte, ohne Skandal, ohne Allüren. Der Mythos „Ulle“ aus Rostock, der später in Berlin, Hamburg und Südbaden lebte. Der Mythos vom Ruhepuls 32 und 500 Watt Maximalleistung.
Als Jan „Ulle“ Ullrich bei der Tour de France 1996 Zweiter wurde und das Rennen, 23-jährig, im Jahr darauf als erster Deutscher überhaupt gewann, öffnete er den Raum für individuelle Euphorie, Kollektivberauschung und Übertreibungslyrik. Die sportbegeisterten Journalisten dankten ihm den eigenen Rausch, die steigende Eigenbedeutung und das dazugewonnene Sendevolumen mit Protektion und Überschwänglichkeit; und wie im Falle Boris Becker zehn Jahre zuvor begann eine ganze Sportart ins öffentliche Bewusstsein zu schießen, der Tagesrennzirkus erlebte bis dahin ungekannte Publizität und Zulauf, die Zahl der Jedermannsrennfahrer schwoll an, man sah begeisterte Freizeitradler auf ihrer Invasion der Republik in gelben oder magentafarbenen Trikots. Der neue Held bescherte der Deutschen Telekom den Ruf des erfolgreichsten Sportsponsors der Republik. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die Ullrich und sein Team dem Konzern verschafften, beziffert die Telekom auf 200 Millionen Euro Werbewert pro Jahr.

 
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