Neue Krimis
Nirgendwo sind die Verbrechen so bizarr wie in Österreich. Das ist eine Einsicht, die auch in Bad Nauheim Geltung hat. Dort haust die Anthropologin Dr. Franka Friedland bei ihren steinreichen Eltern. Als eine zahnstocherdürre Frau bei ihr klingelt, um Frankas abwesenden Vater zu sprechen, ist das Verbrechen schon da. Tags drauf wird die Leiche der Besucherin aus einer Frankfurter Baugrube gezogen. Franka fühlt sich für das Schicksal der Unbekannten verantwortlich, ebenso wie für den skelettierten Schädel, der aus einer Mülltrennungsanlage direkt auf ihren Labortisch gelangt ist. Es sind eher Papierschnipselchen und Eingebungen als detektivische Deduktion, die Franka nach Wien führen, wo sie auf eine Verschwörung von historischen Dimensionen stößt. Ich sage nur: Sissi. Irgendwie stehen die Nachfahren der Leibärzte, Kammerzofen und Gesellschafterinnen der 1898 ermordeten, zahnstocherdürren Kaiserin von Österreich auch hundert Jahre später auf geheimnisvolle Weise miteinander in Kontakt. Gerüchte tauchen auf aus der Tiefe der Geschichte: Sissi habe noch eine vierte, illegitime Tochter bekommen; auch habe ihr Mörder, der Anarchist Lucheni, auf höheren Befehl gehandelt. Unverdrossen spürt Franka, mit Mutterwitz und gesunder Abneigung gegen romantische Liebesverstrickungen, allen Kolportagespuren nach. Sie wird entführt, wieder freigelassen und kriegt letztlich alles raus, sogar den Namen von Sissis Psychiater. Haarsträubend!
Krystyna Kuhn: Die vierte Tochter
Piper, München 2003; 284 S., 13,00 Euro
Gut, dass Krystyna Kuhn den Stab der in Wien gestarteten Scherz-Staffel bereits übernommen hat. Denn Wolf Haas gibt auf. Jetzt, wo’s am schönsten ist, hat er mit Das ewige Leben – nomen nix omen! – seinen letzten Roman um den Kommissar Brenner vorgelegt, eine Auftragsarbeit für die Europäische Kulturhauptstadt Graz. Das – der Auftrag – hat damit zu tun, dass Brenner aus Puntigam stammt. Das ist ein Stadtteil von Graz, und zwar ein schlechter, proletarischer, wo zudem noch das Irrenhaus steht. Weshalb jeder „Puntigam links“ sagt, wenn einer bekloppt ist, weil „Landesnervenklinik Sigmund Freud, sprich Puntigam links, weil Autobahnabfahrt Puntigam und dann links.“ Capito? „Lustig samma, Puntigamer“ steht zwar auf jedem Bierfilz, gilt aber nicht für Brenner. Kaum ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt, um geruhsam die Beamtenpension zu verzehren: schon Kugel im Kopf. Alle denken, er hat Selbstmord versucht, nur er weiß, dass nicht. „Selbstmordneid Volkssport Nummer eins.“ Irgendwie torkelt er dann los, die Kugel immer noch im Kopf, in Richtung Arnold-Schwarzenegger-Stadion und Mur, um den Killer zu finden, und klärt auf diesem Weg die neidvolle Frühgeschichte der Grazer Polizei und seines Verschwindens aus der Steiermark vor zig Jahren, und dann ist Schluss. Wir bleiben traurig zurück und winken dem letzten Brenner-Krimi nach.
Wolf Haas: Das ewige Leben
Hoffmann & Campe, Hamburg 2003; 222 S., 17,90 Euro
Auch als Hörbuch: 3 Audio-CDs, einzigartig gelesen vom Autor, 22,90 Euro
Bleibt doch der Polt, denken Sie. Wolf Haas’ Ruhm hat die Wahrnehmung Alfred Komareks überdeckt, aber nun kommt Polterabend, der vierte Band mit dem Gendarmerieinspektor aus dem Weinviertel. Aus der Pressmaschine des Bauern Fürnkranz trieft nicht Most, sondern Blut. Der Lutzer Ferdl liegt darin, ein dorfbekannter Hallodri. Polt hat’s nie leicht: Als Dorfbewohner lebt man per se nicht unter Verdächtigen. Er sei „ein Mensch, der ab und zu einem Gendarmen ähnlich schaut, wenn es sein muss. Oder ein Gendarm, der ein Mensch ist, wenn’s grad gut passt“, wie der Fürnkranz sagt. Polt will das Verschwiegene nicht aus den Leuten herausprügeln. Also setzt er sich in ihre Stube, isst ein Brot, trinkt einen Wein, wartet halt, bis sie von selber sprechen. Das passt seinem neuen Chef gar nicht. Das Mauscheln in Weinkellern ohne Protokoll und Zeugen ist keine moderne Polizeiarbeit. Umso verwunderlicher, und das ist der Gestaltungskunst Komareks gedankt, dass der Polt herausfindet, was zwischen den Menschen hier und im Tschechischen geschah vor mehr als 20 Jahren und heuer in dieser guten Eisweinsaison.
Alfred Komarek: Polterabend
Haymon, Innsbruck 2003; 192 S., 17,90 Euro
Noch weiter zurück greift Robert Wilson. Sein mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneter Roman Tod in Lissabon setzt 1941 in Berlin ein, Das verdeckte Gesicht 1940 in London mit den Bombardements durch Görings Luftwaffe. Später, in Lissabon, lernen sich Rose, die für die Engländer spioniert, und Voss kennen. Voss, Mann des Widerstands und der Abwehr, soll bei den Briten die Chancen für einen Separatfrieden eruieren. Es gelingt den beiden nicht, ihre Liebe geheim zu halten: Voss wird verhaftet, vermutlich getötet. Rose arbeitet bis in die siebziger Jahre für den Geheimdienst, erneut schickt man sie hinter feindliche Linien: Sie soll einen Überläufer aus Ost-Berlin schleusen. Dort trifft sie Voss wieder, abermals in ein riskantes Doppelspiel verstrickt. Das verdeckte Gesicht ist ein Schmuckstück britischer Geheimdienstliteratur, raffiniert wie von Le Carré, bösartig wie von Ted Allbeury, mit wunderbar kühl entworfenen Personen und einer fein gezeichneten Liebesgeschichte. Wer wissen will, wie kalt der Kalte Krieg war, muss Wilson lesen.
Robert Wilson: Das verdeckte Gesicht
aus dem Englischen von Kristian Lutze; Goldmann Taschenbuch, München 2003; 566 S., 9,90 Euro
- Datum
- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 05.06.2003 Nr.24
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