KlassikLärm im Hause Bach

Paul Mc Creeshs strohige "Matthäuspassion" von Wolfram Goertz

Wenn unter den Mietern des vielgeschossigen Hauses Bach der Name Joshua Rifkin fällt, steigt der Lärmpegel im Treppenhaus. Rifkin, der Amerikaner, streitet für die These, dass Bachs Chormusik solistisch zu besetzen sei, und führt seitdem in Theorie und Praxis einen fast militanten Beweisangriff auf die Zinnen der Tradition, die auf einem großen Choraufgebot in Passions– und Kantatenaufführungen beharrt. Rifkins Aufnahme der machte die Bach-Gemeinde zum babylonisch verwirrten Debattierclub. Der Dirigent und Musikforscher Andrew Parrott schob Rifkins Credo mit dem eher spekulativen Buch einen weiteren (problematischen) wissenschaftlichen Beweis hinterher.

Jetzt kann das Ringen und Richten weitergehen. Der Engländer Paul McCreesh hat seiner Einspielung der Matthäuspassion die Regeln Rifkins und Parrotts wie eine Gebrauchsanweisung eingelesen. Statt eines Massen- oder Kammerchors verwendet er pro Stimme ein Mensch. Das habe Bach, der strenge Minimalist, zur Sicherung höchster Qualität so gewollt, sagt McCreesh. Waren das wirklich Bachs Utopien, wenn er nachts im Bette lag? Träumte er nicht doch von erlesenen Ensembles mit mindestens drei Sängern pro Stimme (wegen des höheren Mischungsgrades und wegen überlanger, nur chorisch zu bewältigender Atemspannen)? Diese Möglichkeit verneint Mc-Creesh und erklärt sie für unhistorisch. Andererseits bestellt er statt historisch korrekter Knaben reife Damen in die Sopran- und Altstimmen. Begründung: Sie verstünden besser und könnten "emotionaler" ausdrücken, was sie singen.

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Das ist nicht die einzige Unschärfe der Aufnahme. Zwar ist der Honoraretat durch die Ausdünnung der Gruppen geschont worden, gewiss aber ist ein Hallbeauftragter zu entlohnen, der den Magerklang durch akustische, schier kathedralische Duplikation wieder aufgeplustert hat. Auf dass die Matthäuspassion endlich dramatisch werde, wirft die Rezitativ-Orgel häufig ein grelles Mixtur-Register in den Klang. Zu solch vordergründiger Aufrüstung zählen auch peinliche Akzente und opernhafter Dehnungskitsch auf angeblich zentralen Worten ("und erhängete sich selbst" oder "der Landpfleger sehr verwunderte "). Schon der Eingangschor zickt in beträchtlichem Tempo einher, da stimmen zudem weder die interne Balance im Chor noch in den Orchestergruppen. Jeweils zwei Violinen pro Stimme – das sorgt für strohigen, unrunden Klang. Und ziemlich keuchend wickelt Mc-Creesh manche Arie ab, etwa Gebt mir meinen Jesum wieder. Bis auf den fabelhaften Mezzo Magdalena Kozená, die ergreifend scheue Sopranistin Deborah York und den Evangelisten Mark Padmore sind die Chorsolisten, aus deren Reihen natürlich sämtliche Arien, Dialoge und sogar die Christus-Partie bestritten werden, ein wenig überfordert; eine Plage ist das hohle Timbre von Susan Bickley (Alt II). Im Gegenzug rächt sich das solistische Prinzip ausgerechnet in den Chorsätzen, weil Solisten eben keine erfahrenen Chorsänger sind; hier klappern Schlusskonsonanten mitunter heillos durch den Raum. Und in den Spottchören tönen die acht Vokalisten dermaßen ungeschlacht, als sollten sie eine Hundertschaft ersetzen.

Außer Frage steht, dass McCreeshs dramaturgisches Konzept die Rezitative, Choräle, Ariosi, Arien und Chorsätze bisweilen einleuchtend vernetzt, und selbstverständlich verfügen die Gabrieli Players über feine Musici. Aber die Gesinnung macht die Musik, und die ist oft zwanghaft auf Effekt, auf Kurzweil getrimmt. Das Werk soll seine vermeintlichen Längen verlieren, hier verliert es seine betrachtende Weite. Immerhin darf sich der knauserige Kunde freuen: Diese Matthäuspassion kommt mit zwei CDs aus.

J.S. Bach: Matthäuspassion

York, Gooding, Kozená, Bickley, Padmore, Gilchrist, Harvey, Loges, Gabrieli Players, Paul McCreesh (DGG Archiv 2 CD 474 200)

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