Nachruf Nichts mehr. Nur noch hören

Alles, was dem König bleibt, ist das Horchen. Er ist ein König ohne Reich, ein einsamer trauriger Prospero, dem alle Macht abhanden kam: Wer nichts mehr zu sagen hat, darf nur noch hören. So sitzt der König, der eigentlich ein Theaterdirektor ist, auf den Brettern, die nicht mehr seine Welt bedeuten, und lauscht dem großen Durcheinander des Lebens. Er horcht träumend und träumt horchend. Wenn er in sich hineinlauscht, klingt die Innenwelt wie eine Außenwelt, und wenn er nach außen hört, erscheint die Außenwelt als Innenwelt. Es mischen sich in seinem Kopf geschärfte Wahrnehmung und Halluzination, Weltekel und utopisches Sehnen: „Darin ein Ich, das ich nicht kenne. Es singt die Musik, die ich vergessen habe und die ich jetzt so gerne sänge.“

Der König in der „Musikalischen Aktion“ Un Re in ascolto („Ein König horcht“) von 1984 ist die spannendste Opernfigur, die Luciano Berio gemeinsam mit seinem Librettisten Italo Calvino schuf. Sie führt hinein ins labyrinthische Denken des italienischen Komponisten, in die kaleidoskopischen Strukturen seiner Musik, in der Wort, Klang und Bilder in immer neuen farbigen, schillernden Konstellationen zusammenkommen. „Ich bin besessen von der Idee“, hat er einmal gesagt, „dass man alles auch aus einer anderen Perspektive betrachten kann.“

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In seiner Oper La Vera Storia (die im letzten Jahr als deutsche Erstaufführung in Hamburg unter Ingo Metzmacher zu hören war) stellte er etwa Verdis verworrene Trovatore- Handlung in ein dramaturgisches Spiegelkabinett. In seinen Voci – Folksongs II für Viola und Ensemblebegleitung verwandelte er sich sizilianische Volkslieder an, deutete sie ins Instrumentale um und übermalte sie. Das spektakulärste Beispiel für das Zusammenschießen abenteuerlich divergenter Materialien in seiner Musik bleibt die Sinfonia aus dem Jahr 1968 – ein Collagenmeisterwerk, in dem Berio Texte von Lévi-Strauss und Martin Luther King unterbrachte, in das er die für ihren verjazzten Bach berühmt gewordenen Swingle Singers integrierte und im dritten Satz über dem zitierten Scherzo aus Mahlers zweiter Sinfonie schlaglichtartig Musikpartikel von Bach über Beethoven, Debussy, Schönberg bis zu Berg und Webern montierte. Die Komposition machte Berio weit über die Neue-Musik-Zirkel hinaus populär und brachte ihm unter den dogmatischen Avantgardisten den Ruf eines Abtrünnigen ein.

Mit der Aufzählung von adaptiertem kompositorischem Fremdmaterial allein – Berio negierte die musikalische Tradition nie und griff sie in seinem Œuvre immer ganz bewusst auf, schrieb sie konstruktiv fort – kann man ihn leicht als einen raffinierten Eklektiker porträtieren. Aber die Intelligenz im Umgang mit dem Material, seine verschachtelten Formstrukturen und ausgeklügelten Verarbeitungstechniken weisen ihn als einen mit allen Avantgardewassern gewaschenen Tonsetzer der Moderne aus. Berio blickte mit experimenteller Neugier nach vorn, als er nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten des Vokalen in der Musik suchte, in den sechziger Jahren auch inspiriert durch seine Ehe mit der begnadeten Sängerin Cathy Berberian.

Er brach die Semantik der Sprache auf, dehnte sie ins Gestische und Geräuschhafte und trieb sie durch seine assoziative Fantasie ins extrem Expressive. Nicht zufällig heißt eine (Cathy Berberian gewimete) Komposition Omaggio a Joyce: Der Ulysses von James Joyce war für Berio Musik im Medium der Sprache, das Buch der Bücher schlechthin. Auch die fünfzehnteilige, über fast vierzig Jahre hinweg komponierte Sequenza- Serie mit hochvirtuosen Stücken für Soloinstrumente steht für seinen avancierten Forschergeist: Maßstabsetzend hat er in ihnen Spieltechniken erweitert und Ausdrucksgrenzen überschritten. Für viele Instrumente gehören Berios Stücke längst zum Standardrepertoire des 20. Jahrhunderts. Und was für ein metiersicherer und stilsensibler Musiker im umfassenden Sinne er war, bewies er einmal mehr mit seinem letzten Werk, nämlich der Neukomposition des fragmentarischen Schlusses von Puccinis Turandot. Keinen Puccini-Fake lieferte er ab, sondern eine eigenständige Berio-Komposition, die sich gleichwohl dramaturgisch und musikalisch ideal in den gegebenen Kontext einfügte.

Letzte Woche ist Luciano Berio mit 77 Jahren in Rom an einem Krebsleiden gestorben. Eine Berio-Straße gibt es in seinem ligurischen Heimatort Onegalia bereits. Luciano Berio war das letzte und bedeutendste Glied in einer traditionsreichen Komponisten-Familiendynastie.

 
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