Lebenszeichen (35) Stress im Oberstübchen
Harald Martenstein steigt zu den jungen Leuten ins Dachgebälk
Vor ein paar Tagen hat der Postbote das Buch Generation Golf zwei von Florian Illies gebracht. Generation Golf ist ja damals der Giga-Bestseller gewesen. Es geht um die Dreißigjährigen und dass man sein Lebensgefühl über Markennamen definiert und gegen die 68er ist und all das. Der Verlag schreibt über Generation Golf zwei: »Börsencrash, Arbeitslosigkeit, Angst … am stärksten betroffen sind die Jungen. Über Nacht stehen viele vor dem Nichts und müssen sich Gedanken darüber machen, ob sie ihre luxuriösen Dachgeschosswohnungen in Berlin-Mitte verkaufen sollen. Aus der Generation Fun ist die Generation Fear geworden. Beiliegend eine Print-on- Demand-Ausgabe.«
Die Generation Golf steht vor dem Nichts, weil sie darüber nachdenken muss, ob sie vielleicht aus ihren luxuriösen Dachgeschossen in Berlin-Mitte ausziehen sollte. Generation Golf zwei erscheint offiziell erst am 10. Juli, vorher darf man über das Buch eigentlich noch nichts schreiben. Zufällig war am gleichen Tag ein Verleger am Telefon. Er hatte die Print-on-Demand-Ausgabe auch gekriegt und sagte: »Generation Golf zwei, der Titel ist so frech, dass er fast wieder gut ist.« Weil das Buch erfolgreich war, kommt jetzt Teil zwei. Falls Teil zwei ebenfalls Erfolg hat, bringen sie Teil drei, dann Teil vier und so weiter. Im dritten Teil erobert sich die Generation Fear, das heißt die ehemalige Generation Fun, ihre Dachgeschosse zurück und nennt sich Generation Getback. Im vierten Teil verlieren sie die Dachgeschosse dann wieder. Das Lebensdrama der Generation Golf spielt sich offenbar zu großen Teilen im Dachgebälk ab. Es ist ähnlich wie bei den Fledermäusen.
Das andere deutsche Jugendbuch, von dem es Teil zwei und Teil drei gibt, heißt Winnetou . Winnetou und sein Stamm standen vor dem Nichts, weil sie aus ihren Jagdgründen in Amerika-Mitte vertrieben wurden. Am stärksten betroffen sind nämlich gar nicht die Jungen. Am stärksten betroffen sind immer noch die Indianer.
Dann habe ich im Internet nachgeschaut, wie viele Teile vom Schulmädchenreport es eigentlich gibt. Dreizehn. Wussten Sie, dass im ersten Teil, Was Eltern nicht für möglich halten, Jutta Speidel die Hauptrolle gespielt hat? In Teil 10, Irgendwann fängt jede an, 1976, sowie in Teil 11, Probieren geht über Studieren, 1977, spielt Heiner Lauterbach mit. Oder, in einem anderen Teil, Lisa Fitz. Der Schulmädchenreport war eigentlich die Talentschmiede des deutschen Films. Das wurde damals aber nicht anerkannt. Die Generation Schulmädchenreport hat es auch nicht immer leicht gehabt.
Generation Golf zwei fängt mit zwei Absätzen über Nutella an. Bei Winnetou waren Bärentatzen die Delikatesse, bei der Generation Golf ist es Nutella. Bei meiner Generation ist es Grafschafter Goldsaft, ein zähflüssiger Zuckerrübensirup in einem gelben Pappeimer. Es gibt noch immer Grafschafter Goldsaft, sogar im fast gleichen Pappeimer. Inzwischen wird aber eine ganze Goldsaft-Produktpalette angeboten, mit Mini-Eimern für den Single und dem praktischen Goldsaft-Spender mit Anti-Klecker-Automatik. Nachts hört man bei uns unterm Dach manchmal ein Knispeln, ich denke mal, es ist die Generation Golf, wie sie in ihren Fledermausanzügen auf den Dachbalken sitzt und ins Nichts starrt und ihre Nutella-Gläser ausschleckt. Dann hebe ich meinen Goldsaft-Becher und rufe: »Prost! Und haltet die Ohren steif!«
- Datum 05.06.2003 - 14:00 Uhr
- Serie Lebenszeichen
- Quelle (c) DIE ZEIT 05.06.2003 Nr.24
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