biowaffen Spiel den Milzbrand!
Mit Schminke täuschen Forscher in den USA Attacken mit B-Waffen vor. Doch die Ärzte erkennen Milzbrand, Pocken & Co. nicht
Ein Pockenpatient mit dem Gesicht voller Pusteln inmitten von Mikrobiologen, Virologen, Epidemiologen: Nirgendwo sonst hätte der Träger eines Killererregers eher erkannt und isoliert werden müssen als im Publikum des Jahrestreffens der amerikanischen Gesellschaft für Mikrobiologie mitten in Washington – sollte man meinen. Tatsächlich aber mischte sich eine Testperson vor gut zwei Wochen völlig unbehelligt unters Publikum, stand in der Pause am Wasserspender und plauschte angeregt mit den Fachleuten. Kein Einziger von ihnen kam auf sie zu, alarmiert hervorstoßend: „Gütiger Himmel, Sie haben die Pocken!“
Pocken gelten ähnlich wie Milzbranderreger als gefürchteter Primitivkampfstoff für einen Terrorangriff mit Biowaffen. Die Bundesregierung schafft gerade 100 Millionen Impfeinheiten an, um die Deutschen zu schützen, falls ein bin Laden die tödliche Seuche über die Republik bringen sollte. Die US-Amerikaner sind noch ein ganzes Stück sensibler. Als nach dem 11. September 2001 durch Briefe mit dem Milzbranderreger Anthrax fünf US-Bürger getötet wurden, befand sich das Land am Rande einer Hysterie. Das Versagen mehrerer Ärzte bei der Diagnose dieser Anthrax-Fälle brachte Gina Wesley von der Universität von Louisville in Kentucky auf eine sehr hemdsärmelige Idee: Schauspieler sollen medizinischem Personal Infektionen mit Milzbrand, Pocken oder Beulenpest vorspielen – des Schock- und des Lerneffekts wegen.
Bislang überwiegt der Schock. Denn weder an der medizinischen Fakultät in Louisville noch bei Weiterbildungsveranstaltungen, in Krankenhausnotaufnahmen, Arztpraxen oder eben auf dem erlesenen Washingtoner Mikrobiologenkongress lösten Wesleys Milzbrand-Mimen Alarm aus. Fast 2000 Ärzte, Medizinstudenten, Schwestern, Pfleger und Helfer wurden bislang mit den Symptomen von Pest, Pocken und Co. konfrontiert. „Und keiner hat sie erkannt“, fasst Wesley ihr niederschmetterndes Ergebnis zusammen. Sogar während spezieller Fortbildungsveranstaltungen zu Pockenangriffen blieben die Maskierten unbehelligt. „Die traditionelle Lehrmethode scheint alles andere als effektiv zu sein“, folgert Wesley. Mit 1,5 Millionen Dollar Forschungsgeldern der Behörde Centers for Disease Control (CDC, Zentrum für Seuchenkontrolle) konnte sie die Seuchenschulungen qua Schminke entwickeln, die inzwischen auch an zwei weiteren Hochschulen betrieben werden: in Lexington, Kentucky, und Austin, Texas. „Wir fangen an, damit in andere Bundesstaaten zu gehen“, freut sich Wesley, die schon als Medizinstudentin der Ausbruch des Killervirus Ebola in Westafrika faszinierte. „Es mag seltsam klingen, von einem Hobby zu sprechen“, sagt die Ärztin aus Kentucky, „aber ich interessiere mich schon seit Jahren für Bioterrorismus.“ Sie kann sich sogar US-weite Seuchensimulationen vorstellen, wohl wissend, dass die Unsummen kosten würden. „Der Preis der Unwissenheit wäre noch viel höher“, kontert sie. Die Förderung durch die CDC jedenfalls wurde bereits um zwei Jahre verlängert.
Goldene Zeiten für Maskenbildner: Jede Pockenpustel muss einzeln aufgeschminkt werden, aus Schminkmasse modelliert und mit glänzendem Glyzerin gefüllt – damit sie voll und frisch erscheint. Mehrere Stunden dauert diese Prozedur, die Maskenbildnerin Michelle Thompson in zwei Monaten entwickelt hat. Sie brachte zwar Theatererfahrung mit, als sie zu den Milzbrand-Mimen stieß: Knochenbrüche, Platzwunden, Schnitte konnte sie täuschend ähnlich nachbilden. Für das Makeup der Biowaffenopfer allerdings gab es keine Vorlagen. Seuchenspezialisten der CDC mussten immer wieder beurteilen: „Sieht so wirklich Milzbrand aus? Sind das die Symptome einer Beulenpest?“ Mikrobiologen, die sich mit den Erregern beschäftigten, wurden zusätzlich als Augenzeugen befragt. „Für Pocken allerdings, die seit über 50 Jahren nicht mehr in den Vereinigten Staaten aufgetreten sind, hatten wir niemanden, der die Symptome aus erster Hand kannte“, sagt Wesley.
So muss nun eine Injektion Vanillepudding als Eiterersatz in großen Pestbeulen herhalten, aufgeplatzte Milzbrandwunden bestehen aus Kunststoff-Gel und geronnenem Theaterblut.
Der nächste Horror, den Wesleys Team vor Augen führt, hat seine Heimat in Hollywood. Kevin Carter, der in der Filmstadt Spezialeffekte zu Spielfilmproduktionen wie Hellraiser (frei ab 18) beisteuert, schuf die Requisite für eine lebensechte Ebola-Maskerade: eine Kontaktlinse, die täuschend ähnlich die geplatzten Blutgefäße im Auge zeigt, wie sie typisch für den Erreger sind, der aus den inneren Organen seiner Opfer Brei macht. In die Tränenkanäle gespritztes Theaterblut komplettiert den Eindruck, der Patient löse sich von innen heraus auf. Ein Schrecken, der dokumentiert werden soll: „Wir planen, unsere falschen Patienten heimlich auf Video aufzunehmen“, sagt Wesley. Dann wäre der Hysterie um Terror und Seuchenanschläge auch noch ein veritables Horrorvideo entsprungen.
- Datum 05.06.2003 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 05.06.2003 Nr.24
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