Kriminalistik Der Stimme auf der Spur
Hermann Künzel jagt Entführer, Erpresser und Terroristen nach Gehör
Krimis liest Hermann Künzel nicht. „Wenn Sie die Wirklichkeit kennen, kommen die Ihnen so unwahrscheinlich vor. Die wahren Krimis finden Sie in meinem Gewerbe.“ Der Professor für Phonetik an der Universität Marburg hat geholfen, viele der spektakulärsten Kriminalfälle der jüngeren deutschen Geschichte aufzuklären: die Reemtsma-Entführung, den Polizistenmord in Holzminden, die Erpressung des Lebensmittel-Herstellers Nestlé. Der Immobilienspekulant Jürgen Schneider wurde mit Künzels Hilfe gefasst, und auch dem Kaufhauserpresser Arno Funke alias Dagobert war er auf der Spur.
Der 53-Jährige ist Pionier auf dem Gebiet der forensischen Phonetik, einer Disziplin, in der man in Deutschland gerade mal ein Dutzend Experten findet. Fast 20 Jahre lang leitete er beim Bundeskriminalamt (BKA) die Abteilung für Sprecher-Erkennung, die er selbst aufgebaut hat. Tag für Tag waren er und sein Team damit beschäftigt, akustisches Material zu analysieren: Telefonaufzeichnungen von Erpressern, Anrufe mutmaßlicher Gewalttäter bei der Polizei oder Tonspuren von Voice-Recordern, die nach einem Flugzeugabsturz geborgen wurden. Als Künzel vor vier Jahren dem Ruf nach Marburg folgte, ließ ihn die Kriminalistik nicht los. Als Gutachter vor Gericht bearbeitet er heute rund ein Dutzend Fälle im Jahr. Nur die wichtigsten, wie er betont, aber doch die ganze Palette von Brandstiftung bis Mord. „Das Einzige, was ich nicht mehr habe, sind Flugzeugabstürze“, sagt er, „das ist bedauerlich.“
Phonetiker widmen sich ihrem Fach traditionell mit Leidenschaft. Während der letzten Semesterferien hat sich der Sprachdetektiv nicht einen Tag frei genommen – zu viele Gerichtstermine und dann noch dieser Fall, den er für einen ausländischen Nachrichtendienst bearbeiten musste. Künzel sieht sich in der Pflicht. Wenn es gelte, einen Justizirrtum aufzudecken, könne er nicht nein sagen. Beklemmende Fälle wie Kindesentführungen versucht er mit professioneller Distanz zu bewältigen. „Das ist wie beim Arzt. Wenn der nicht von dem Menschen abstrahiert, dem er gleich die Gallenblase aus dem Bauch schneiden muss, weil er ihm helfen will, dann kann er den Job nicht machen.“
Verräterische Heiserkeit
Das Marburger Büro von Künzel liegt in einem Betonbau, in dem die Geisteswissenschaften zu Hause sind. Genauso gut hätte man ihn bei den Naturwissenschaften unterbringen können, denn die Phonetik ist ein klassisches Brückenfach, angesiedelt irgendwo zwischen Philologie und Medizin, Akustik und Ingenieurwissenschaften. Wer hier reüssieren will, muss eine Art Universalgelehrter sein – Sprache beherrschen, Kenntnisse in Physiologie, Physik, Elektronik und Statistik besitzen. „Dieses Fach hat zwar eine rein geisteswissenschaftliche Fragestellung: Was macht sprachliche Kommunikation aus? Aber alle Methoden, die man in der Forschung heute braucht, sind naturwissenschaftlich oder medizinisch“, sagt Künzel. Er selbst hat vor seiner Zeit beim BKA an medizinischen Anwendungen der phonetischen Forschung gearbeitet. Für Menschen mit Lippen-Gaumen-Spalte entwickelte er ein Trainingsprogramm, durch das sie ihre Artikulationsprobleme überwinden können.
Künzel, der sich in seiner knappen Freizeit beim Spiel mit Modelleisenbahnen entspannt, war stets an praktischen Anwendungen der Forschung interessiert. Genau der richtige Mann also für das BKA. Als er seine Arbeit dort 1980 begann, steckte die forensische Phonetik noch in den Anfängen. In den USA hatte man lange Zeit auf die Methode der so genannten Voiceprints gesetzt. Ähnlich dem Fingerabdruck sollten sie helfen, einen Menschen zweifelsfrei zu identifizieren. Beim Voiceprint werden die Muster von Frequenzen und Lautstärken visuell abgebildet. Noch bis Ende der neunziger Jahre waren die so genannten Spektrogramme in manchen US-Bundesstaaten als Beweismittel vor Gericht anerkannt. Dabei fand man schon in den siebziger Jahren heraus, dass sie zahlreiche Justizirrtümer verschuldet haben. Die Entwickler hatten unter anderem nicht bedacht, dass ein Voiceprint nicht nur die Sprechweise eines Menschen abbildet, sondern auch die Umstände der Übertragung. Wenn zwei Sprachsignale mit demselben Störfaktor aufgezeichnet werden, bekommt man leicht den Eindruck, es handele sich um denselben Sprecher – dabei ist es womöglich nur dasselbe Telefon.
Statt auf Voiceprints zu setzen, entwickelte Künzel ein Bündel von Verfahren, die zusammengenommen verlässlichere Rückschlüsse auf Täter zulassen. So ließ er repräsentative Daten über Stimmton-Höhen sammeln. Aus diesen Daten lässt sich ableiten, in welcher Stimmlage Männer oder Frauen gewöhnlich sprechen. Die mittlere Frequenz einer Frauenstimme liegt bei 205 Hertz. Die häufigste Frequenz bei Männern liegt bei 118 Hertz. Ein gesuchter Verbrecher mit durchschnittlicher Stimmlage würde sich also nicht verraten. Anders lag der Fall Anfang der neunziger Jahre bei Dietmar Jüschke. Er hatte in Holzminden zusammen mit seinem Bruder zwei Polizisten in einen Hinterhalt gelockt und ermordet. Seine Stimme hat eine mittlere Frequenz von 179 Hertz – so hoch spricht unter 2000 Männern vielleicht einer.
- Datum 27.12.2007 - 02:49 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05.06.2003 Nr.24
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