Durch die letzte geöffnete Tür fällt noch ein später Abendlichtstrahl in den Saal. Staubpartikel flirren durchs Vestibül, sodass die Szene wirkt wie auf einem alten Gemälde: Schwere Stunde – in Öl. Das Münchner Prinzregententheater konserviert die Welt von gestern – und auch seine Leid- und Leitmotive. Was von dieser diffus sich mitteilenden Stimmung mag der junge Mann spüren, der hier auf seinen Auftritt wartet?

Wie er heraustritt jedenfalls, das runde Gesicht unter den üppigen schwarzen Haarstacheln ein einziges versammeltes Strahlen, scheint er ganz und gar nicht aufgeregt. Und warum auch? Der gebürtige Chinese Lang Lang ist 23 Jahre alt. Er spielt seit 20 Jahren Klavier, von Anfang an in seiner Heimatstadt am Shen-Yang-Konservatorium unter professoraler Aufsicht. Ein Rohdiamant also, geschliffen wird er am berühmten Curtis Institute in Philadelphia. Ein Alleskönner, hört man, und es gibt einige Geschichten aus Amerika über den Wahnsinn des Zauberers Lang Lang, die klingen, als habe Heinrich Heine noch einmal Paganini getroffen. "Endlich aber", steht in den Florentinischen Nächten, "kam eine dunkle Gestalt zum Vorschein, die der Unterwelt entstiegen zu sein schien." Es ist aber alles ganz anders – und von Dämonie, Hexerei und Tod und Teufel weit entfernt.

Als Lang Lang in München zum ersten Mal den Ausgang sucht, findet er sich (der Suchscheinwerfer hat anderswo zu tun) im Dunkeln wieder – vor der grauen Kassettenwand. Er tastet eine Weile. Ruhig auch jetzt, sehr ruhig sogar, als suche er eigentlich nur nach einer geheimen Stelle im Holz, wie es sie in fantastischen Romanen gibt. Dann geht, wie von selbst, eine Tür auf. Die Konzentrationsphase vor dem Beginn des Konzerts ist kurz. Keine großen Verrenkungen. Kein Räuspern. Keine Show. Einmal nur streichen die Hände parallel über den Stoff der gepunkteten Seidenbluse, die Lang-Lang zur Smokinghose trägt. Dann ist er so weit: Hier kommt die Musik. Hier kommt die Sonne.

„Heute erschein’ ich zum ersten Mal in der großen Welt mit den Variationen!“, notiert Robert Schumann 1831 in seinem Tagebuch, als Thème sur le nom Abegg geschrieben ist, und kein Zweifel: Mit dem Opus 1 soll auch, was Lang Lang anbetrifft, direkt der stürmische Beweis geführt werden, dass der junge Mann am Amt ist und dass er was kann, und wie! In acht Takten explodiert da anfangs des Stücks eine kleine Sekunde in Höhe und Breite wie ein Knallkörper. Wie spielt man das? Als Feuerwerk? Spektakelnd? Oder doch, schließlich ist ein wenig Angeberei bei Schumann dabei, sogar ein bisschen denunziatorisch?

Lang Lang nun – und das ist nicht nur am Anfang der ersten Begegnung mit ihm eine Überraschung, sondern immer wieder – erfasst im Moment die Absicht des einzelnen Stückes, verkörpert also gewissermaßen seine Aura: Er hört vom Einzelnen auf das Gesamte. Schumanns Handstreich bekommt eine historische Dimension. Der Pianist gibt gleichzeitig das Werk und seine Geschichte.

"In Lang Langs Erzählungen höre ich die Stimme der menschlichen Seele", sagt der Komponist und Landsmann Tan Dun, und man kann dann merken, was Tan Dun meint, wenn er behauptet, dass Lang Lang bereits jetzt mehr sei als nur ein außergewöhnlicher Pianist, der er zweifellos ist; konzertiert hat er bereits unter Zubin Mehta, Mariss Jansons und James Levine. Auf seiner Europa-Tournee, die ihn noch in Dutzende von Städten führen wird, spielt Lang Lang ausdauernd ein Stück des 20 Jahre älteren Tan Dun. Ebenfalls eine Anfängerübung, die keine Anfängerübung ist; auch dies ein Opus 1. Tan Dun komponierte Eight Memories in Watercolor, als er ans Pekinger Konservatorium wechselte; da war er 20. Lang Lang erschien dort mit neun.

Schubert – auch eine Nagelprobe: Mit fast grimmiger Entschlossenheit geht er in der Wanderer-Fantasie (D760) los und greift sie sich als großen Brocken, der virtuos hin und her gewälzt wird. Erst durch den Sturm des ersten Satzes, dann durch die Seelenlandschaft des Adagio, endlich die Fuge – aber Lang Lang hat es nicht eilig, dorthin zu kommen. Alles hat seine Zeit, nur ist es eben kein mechanisches Timing bei ihm. Woher immer er das weiß, wie immer er das spürt: Er fühlt genau den Schmerz, der sich hier ausdrückt, und wie um damit allein zu sein, deckt Lang Lang ein paarmal die Tastatur mit dem Oberkörper fast ganz ab. So freigebig, wie er später Chopins Des-Dur-Nocturne als Kuss kommuniziert und die Transkription des Schumann-Liedes Du meine Seele, du mein Herz als einzige große Umarmung mitteilt, so entschieden kapselt er Schubert ab. Aber auch das ist ein Ereignis.

Obwohl die Deutsche Grammophon ihren neuen Exklusivkünstler Lang Lang in den nächsten Wochen mit dem Reißer aller Reißer, dem Tschaikowski-bMoll-Klavierkonzert (und Mendelssohns g-Moll-Klavierkonzert; Daniel Barenboim dirigiert das Chicago Symphony Orchestra), auf den Markt marschieren lässt, ist Lang Lang weit davon entfernt, als Reinkarnation (etwa von Horowitz) zu erscheinen. Selbst in der Ekstase nämlich macht Lang Lang noch jederzeit den Eindruck, als habe er die Dinge locker und geistreich in der Hand, das heißt, er probiert nichts gegen das Stück auf eigene Faust. Seine Genialität kommt aus dem Gefühl. Er ist eins mit dem, was er tut.