momente der entscheidung, folge 15.Fräulein Gretel von der Quelle

Ihr „Lädle“ war der Grundstein für einen Weltkonzern – wie Grete Schickedanz ein kleines deutsches Wirtschaftswunder schuf von 

Eine Frau in den besten Jahren. Ein rundes Gesicht, sorgfältig frisiertes Haar und ein offenes Lächeln. Dazu blaue Augen, die Zuversicht und Tatkraft ausstrahlen und vorzüglich zu der glänzenden blauen Bluse mit der schlichten zweireihigen Perlenkette passen. So pflegte die "Versandhauskönigin" Grete Schickedanz (1911 bis 1994) die "lieben Kundinnen und Kunden" aus ihrem Quelle-Katalog anzulächeln. So führte sie Millionen Menschen durch die Konsumwelten ihres Versandhausimperiums. Mit dieser Frau an der Seite fand jeder etwas Passendes in dem Mega-Sortiment, das die ganze Breite des Lebens repräsentierte – vom Babyschnuller bis zum Fertighaus. Wenn der Quelle-Katalog die Bibel der Wohlstandsgesellschaft war, dann war Grete Schickedanz ihre Prophetin.

Jedenfalls war sie für viele die geborene Unternehmerin. Doch als Unternehmer kommt man nicht zur Welt. Auch Grete Lachner nicht, das schüchterne Lehrmädel aus Dambach bei Fürth. Dort, wo später einmal das schlossähnliche Anwesen der Unternehmerfamilie Schickedanz stehen sollte, wächst sie in ärmlichen Verhältnissen auf. Als sie im Dezember 1927, erst 15-jährig, eine Anstellung in Gustav Schickedanz’ "Großwarenhandel mit Kurzwaren" erhält, bedeutet das für sie und ihre Familie erstmals die Aussicht auf ein etwas besseres Leben. Die Erfahrung der Armut prägt später das unternehmerische Handeln der Chefin. Ihr Gespür für das, was die einfachen Leute brauchen, die bis heute das Gros der Quelle-Kunden ausmachen, rührt aus der Zeit, als ihr eigener Monatslohn kärgliche 21 Reichmark beträgt, von denen sie den größten Teil den Eltern gibt. Auch ihr viel gerühmtes Verständnis für die Anliegen der Quelle-Beschäftigten hat in der Armutserfahrung seine Wurzeln.

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Kindergärtnerin wollte sie werden, Karriere hatte sie nie im Sinn. Aber dann wächst sie langsam hinein in die Welt der Kaufleute, in der ihr Lehrherr Gustav Schickedanz zu Hause ist und in dessen immer länger werdendem Schatten sie zunächst verharrt. Im selben Jahr, als das "Fräulein Gretel" ihren Lehrvertrag unterschreibt, gründet Gustav Schickedanz neben dem Großhandel das "Versandhaus Quelle" in Fürth. Seine Geschäftsidee ist genial: Er will nicht nur Zwischenhändler beliefern, sondern auch die Endverbraucher – und zwar zu ähnlich günstigen Preisen. Vernünftige Ware zum Schnäppchenpreis und per Postversand bis in die entlegensten Winkel des Reiches: Nicht weniger als die Demokratisierung des Konsums hat sich Schickedanz auf die Fahnen geschrieben.

1929, im Jahr der Weltwirtschaftskrise, trifft Schickedanz dann ein schwerer Schlag. Bei einem Autounfall sterben seine Frau Anna, sein kleiner Sohn Leo und der 72-jährige Vater des Unternehmers. Schickedanz verliert den Lebensmut. Seine Schwester Liesl übernimmt die Führung, bis der Chef aus seiner Depression herausfindet. Grete kümmert sich um das Schickedanz-Töchterchen Louise, das den Unfall überlebte. Unterdessen floriert das Geschäft. 1932 sind die "illustrierten Preislisten", Vorläufer des Quelle-Katalogs, bereits ein Bestseller mit einer Auflage von 150000 Stück. 1935 legt Schickedanz mit dem Kauf der Vereinigten Papierwerke in Nürnberg und Heroldsberg den Grundstein zur Entwicklung eines Großunternehmens. 1936, knapp zehn Jahre nach Gründung seines Versandunternehmens, hat die Quelle schon 500 Mitarbeiter und mehr als eine Million Kunden. Grete Lachner begleitet den Chef oft auf Geschäftsreisen und ist eine Stütze der Firma geworden. Vor allem im Textileinkauf, der bis zu ihrem Tod ihre Domäne bleiben soll, beweist sie untrügliches Gespür. 1942 heiratet Gustav Schickedanz sein früheres Lehrmädchen.

Vielleicht wäre Grete Schickedanz nie ganz aus dem Schatten ihres Mannes herausgetreten. Vielleicht hätte sie sich als Frau nie in der Männerwelt der Wirtschaftsbosse Gehör und Achtung verschaffen können, wenn die verworrenen Zeitläufte es nicht von ihr gefordert hätten. Unter den amerikanischen Besatzern sind Gustav Schickedanz zunächst seine unternehmerischen Hände gebunden. Als ehemaliges NSDAP-Mitglied und nationalsozialistischer Stadtrat in Fürth erhält er Berufsverbot. Sein in weiten Teilen zerbombtes Firmenimperium wird bis auf weiteres beschlagnahmt. Das ist die Stunde der Schickedanz. Grete beschließt, ganz von vorn anzufangen. In Hersbruck bei Nürnberg eröffnet sie das "Lädle", ein kleines Textilgeschäft, das sich später als Nukleus des Quelle-Konzerns erweisen wird. Sie nimmt Kontakt zu ihren früheren Lieferanten auf, und nachdem der Landrat und der Flüchtlingskommissar ihr auf dauerndes Drängen hin einen klapprigen Fünftonner samt Chauffeur genehmigen, geht sie erstmals allein auf Geschäftsreisen. Höchstpersönlich holpert sie durch das zerbombte Land und sammelt alles an Waren ein, was sie finden kann. Wo immer sie auftaucht, stößt sie auf Wohlwollen. Die meisten ihrer Lieferanten stehen selbst vor dem Nichts, aber der Name Schickedanz ist ihnen in bester Erinnerung. Oft ist es weit nach Mitternacht, bis der Kleinlaster nach Hersbruck zurückrollt und die Ware abgeladen ist. Grete Schickedanz macht jetzt, was sie am besten kann: prüfen, verhandeln, einkaufen. Der Verkauf läuft von allein – Hemden, Hosen, Unterwäsche werden dem "Engel von Hersbruck" von der ausgehungerten und heruntergekommenen Bevölkerung aus der Hand gerissen.

Das schüchterne Lehrmädel ist zur durchsetzungsfreudigen Geschäftsfrau herangewachsen, die kein Hindernis scheut. Als ihr Lädle von den Behörden geschlossen wird, wendet sie sich an den bayerischen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Der Fürther, später die Vaterfigur des Wirtschaftswunders, wird von der unnachgiebigen Schickedanz mit zur US-Militärregierung nach München geschleppt. Dort soll er sich für die heimische Firma einsetzen. Der Chef der zuständigen Property Control erliegt indes ihrem Charme: "I'll see what I can do for you." Eine Woche später ist das Lädle wieder offen.

Während Gustav Schickedanz als Hilfsarbeiter Bäume rodet und seiner Frau nur ein paar gute Ratschläge geben darf, legt Grete den Grundstein für den Neubeginn der Quelle und den Aufbau zum Weltkonzern. Als ihr Mann 1949 rehabilitiert wird und in sein Unternehmen zurückkehrt, hat sich Grete emanzipiert: Die Arbeitsteilung, die sich seit der "Stunde null" herausgebildet hat, bleibt erhalten. Der schöngeistige Gustav, der Rilke liebt und holländische Meister sammelt, ist Denker und Ideengeber. Die tatkräftige Grete setzt die guten Ideen um. Diese beinahe symbiotische Konstellation macht Grete und Gustav Schickedanz zum Traumpaar der Wirtschaftswunderjahre. Nach der moralischen Katastrophe der Nazizeit flößen sie der Nation wieder Vertrauen ein. Über persönliches Charisma verfügen beide reichlich. Grete und Gustav werden von der Belegschaft verehrt, von Lieferanten geachtet und von Kunden bewundert. Sie stehen für Bodenständigkeit, christlichen Glauben und Fleiß. Und ihr Familienunternehmen wird zum ökonomischen Leitbild der bundesdeutschen Nachkriegszeit. Dazu gesellt sich bei Grete Schickedanz weiblicher Charme. "Man konnte ihr schlecht etwas versagen", erinnert sich ihr langjähriger Vertrauter Herbert Bittlinger.

Im Jahre 1977 wird die Firma 50 Jahre alt – und Gustav Schickedanz stirbt. Nach Jahren stupenden Wachstums hat die Quelle ihren Zenit erreicht. Aus dem kleinen Kurzwarengeschäft ist das größte Versandhaus Europas geworden. 1981 erreicht es einen Umsatz von zehn Milliarden Mark. Grete und Gustav haben einen verschachtelten Konzern geschaffen mit Niederlassungen in vielen europäischen Ländern, mit eigenen Warenhäusern, mit der größten Fotokette der Welt, Quelle-Reisen und Augenoptik-Filialen. Dazu kommen diverse Industriebeteiligungen; auch bei Banken und Versicherungen mischt Quelle mit. Ihre Handelskontakte reichen in die ganze Welt. In Osteuropa und Asien, vor allem in China, dem kommenden Boomland der Textilwirtschaft, leistet Grete Schickedanz Pinonierarbeit in Sachen Globalisierung.

Nach dem Tod des Patriarchen wird sein Büro nicht angetastet. "In seinem Sinne" will Grete Schickedanz zusammen mit ihren Schwiegersöhnen Hans Dedi und Wolfgang Bühler die Quelle in die Zukunft führen. Doch die Treue zur Tradition führt das Unternehmen in die roten Zahlen. In dem Bestreben, Kontinuität zu wahren, verschläft die Führung gesellschaftliche und ökonomische Veränderungen. Grete Schickedanz muss sich Entscheidungsschwäche und übergroße Ehrfurcht vor dem Erbe ihres Mannes vorwerfen lassen.

Längst hat sich der einstige Verkäufermarkt in einen Käufermarkt verwandelt, ist die von der Quelle gepflegte Verteilermentalität obsolet geworden. In einem weithin mit Konsumgütern gesättigten Markt werden mühsam errungene Positionen wertlos – wie diejenige als Marktführer für Elektrogeräte. Jetzt zählt weniger der behäbige Universalanbieter als der Trendsetter. Zwar ist Erzkonkurrent Neckermann schon lange abgehängt, aber der wendige, auch in den USA höchst erfolgreich Otto Versand aus Hamburg lässt die Fürther hinter sich.

Hin- und hergerissen zwischen der Wahrung des Althergebrachten und dem Zwang zur Erneuerung, trifft Grete Schickedanz mutige Entscheidungen. Die Unternehmensberater von McKinsey entrümpeln ihren Konzern. Erstmals gibt es Massenentlassungen. Grete räumt den Chefsessel und macht Platz einem Chef, der nicht zur Familie gehört, wahrt jedoch als Vorsitzende des Verwaltungsrates und stellvertretende Vorsitzende der Konzernholding ihren Einfluss. In den folgenden Jahren werden Warenhäuser verkauft und Industriebeteiligungen veräußert. Dennoch: Als Profitquelle hat der Konzern weiterhin Nachholbedarf. 1999 fusioniert die Quelle mit Karstadt. Eine neue Ära mit ungewissem Ausgang beginnt.

Mit der Wiedervereinigung stellt sich der Unternehmerin Grete Schickedanz noch einmal eine Herausforderung. In Leipzig investiert sie Milliarden in den Bau eines zweiten Großversandhauses. Noch einmal kann sie Pionierarbeit leisten und Millionen Konsumenten mit dem Notwendigen beglücken. 1994 stirbt Grete Schickedanz.

"Man kann nicht Geschäfte betreiben, in die man sich verliebt hat", soll Konkurrent Michael Otto einmal gesagt haben. Hatte er Unrecht? Grete Schickedanz, das jedenfalls ist sicher, liebte ihre Quelle.

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