Herr R. ist starker Raucher und, wenn er im Freien raucht, oft in der Verlegenheit, sich einer Kippe entledigen zu müssen. Für die meisten Raucher dieser Welt wäre das keine Verlegenheit, sondern eine Situation, die eine Reflexhandlung auslöst. Kippe aufs Trottoir werfen, mit der Schuhspitze kurz drauftreten oder Kippe zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen und wegschnipsen. Herr R. wirft nicht, und er schnipst nicht. Er steht am Rand des Tartiniplatzes von Piran, der schönsten im venezianischen Stil erbauten Stadt an der slowenischen Adriaküste, und teilt seine Aufmerksamkeit in zwei Portionen. Die größere widmet er einer Plauderei mit ein paar Touristen, die kleinere der Suche nach einem Abfalleimer. Sein Blick fällt auf drei akkurat nebeneinander gereihte Müllcontainer. Alle drei sind sowohl in slowenischer als auch in italienischer Sprache beschriftet. Auf dem einen steht: "papir/carta" , auf dem zweiten "stelko/vetro" , auf dem dritten "ostali odpadki/altri rifiuti" . Dies dürfte Restmüll bedeuten, und der entsprechende Container dürfte der richtige Ort für die Endlagerung abgerauchter Zigaretten sein. Herr R. macht eine entschuldigende Geste, geht zum Container und zieht an dessen Deckel. Er ist verschlossen, und Herr R. steht mit der Kippe in der Hand da. Was wird er tun? Den Stummel, der inzwischen erkaltet ist, eben doch einfach fallen lassen? Oder ihn pedantisch irgendwie bei sich verstauen?

Kein Sorgenkind der EU

Aber nein, sagt Herr R. ein paar Tage später, er fände es weder absurd noch kränkend, wenn man sein Land mit der Schweiz vergleiche. Er selbst habe allerdings schon manchmal gedacht, die Slowenen seien charakterlich die heimlichen Cousins und Cousinen der Schwaben, wegen ihrer wirtschaftlichen Emsigkeit und ihres Hanges, ein eigenes, und sei es noch so kleines, noch so langwierig erbautes Haus zu besitzen – was 84 Prozent der zwei Millionen zählenden Bevölkerung Sloweniens auch tun. "Wissen Sie", platzt es aus Herrn R. heraus, den der Schweiz-Vergleich erfreut und belebt, "was uns immer so furchtbar geärgert hat, das war das Wort Balkan. Wenn wir hörten: Slowenien, das Balkanland. Slowenien hat mit dem Balkan nichts zu tun! In keiner Hinsicht! Wir gehören zu Europa. Sie brauchen doch nur auf die Landkarte zu schauen!"

Der Ärger wird sich demnächst endgültig erledigt haben. Slowenien, ehemals die nördlichste Teilrepublik Jugoslawiens, fünf Autostunden von München, eine Stunde von Klagenfurt entfernt und in Sichtweite von Triest, wird im kommenden Jahr der EU beitreten und in dieser sicher nicht die Rolle eines Sorgenkindes einnehmen. Es ist das reichste Land unter den Beitrittskandidaten. Mit einer Wachstumsrate von rund fünf Prozent überflügelt es bereits jetzige EU-Mitglieder. Im Geschäft mit Deutschland besitzt Slowenien zum Beispiel eine positive Handelsbilanz von 20 Prozent. Exportiert werden vor allem Autoteile, Autoelektronik und Haushaltsgeräte. Wer einen Mixer, einen Herd, eine Spülmaschine der Marke Gorenje in der Küche hat, besitzt ein Gerät aus slowenischer Produktion.

Die Tourismusbranche arbeitet entschlossen daran, ein Produkt namens Urlaub anzubieten, das nicht das billigste ist (teurer als beim südlichen Nachbarn Kroatien beispielsweise), dafür aber die mittleren und höheren Standards des modernen Wellnessprogramms erfüllt, mit Sport und Wandern, Sauna und Massage, Beauty-Center und überdachten Wasserlandschaften. "Wir müssen", heißt es aus dem Mund von Touristikmanagern, "das Objekt neu definieren", wenn es um das Lifting eines alten slowenischen Kur- oder Skiorts oder eines Thermalbads geht. In den vergangenen zwölf Jahren, seit Slowenien ein selbstständiger Staat oder, wie der Schweizer Ethnoanalytiker Paul Parin es nennt, zum ersten Mal in der Geschichte "sein eigener Arbeitgeber" ist, wurden vier von fünf Hotels renoviert und umgekrempelt. Der Rest soll folgen. Und er wird es auch. Selbst die Abflusssiphons unter den Waschbecken blitzen.

Im Schwimmbad des Hotels Metropol in der Küstenstadt Portoro≈ überwacht ein Bademeister die Einhaltung der Hygienevorschriften. Er wird sehr streng, wenn er den Eindruck hat, ein Gast hätte sich ohne gründliche Dusche in den Salzwasserpool begeben. Er schnellt zum Beckenrand und winkt den Kandidaten aus dem Wasser. Er folgt nicht dem Impuls kleinlicher Machtausübung. Sondern seiner Überzeugung, den Zustand des Orts, den er hütet, vor Missachtung bewahren zu müssen. Slowenen bleiben bei Rot an der Ampel stehen, ob ein Auto kommt oder nicht. Sie trennen Müll, auch auf Straßen und öffentlichen Plätzen, sie falten Pappkartons auseinander, ordnen sie zu flachen Stapeln und legen sie erst dann in den Papiercontainer. Sie sind wie Herr R., der seine Zigarettenkippe einfach eine Weile mit sich spazieren führt, bis er an einem Abfalleimer vorbeikommt. Und Slowenen halten diese natürliche, unaufdringliche Ordnung der Dinge auch dort ein, wo sie nicht unbedingt ins Auge fällt. Es ist fraglich, ob Herr R. die Kippe auf die Straße werfen würde, wenn er mitten in der Nacht mutterseelenallein unterwegs wäre.

Slowenien ist ein schier unüberbietbar sauberes, besser gesagt: ein gepflegtes Land. Es ist eine Sauberkeit, die eine Art Anstand im Bereich des Sachlichen ausdrückt, eine Pflege der Gegenstände, deren Zeichen man auf Schritt und Tritt begegnet. Auf dem Tisch einer Bauerngaststätte am Rand des Karsts liegt eine Tischdecke mit Blumenmuster, gebügelt und gestärkt. Sie ist weder besonders dekorativ noch betont rustikal. Sie fällt auch erst auf den dritten Blick auf oder gar nicht. Sie ist nichts weiter als angemessen.

Ein anderes, vielleicht das schönste Beispiel: Unmittelbar vor der Grenze zu Kroatien und ein paar Kilometer südlich von Portoro≈ liegen Salinen, ein Areal aus flachen, schlammigen Wasserbecken, in denen jahrhundertelang Salz gewonnen wurde. Die Salinenarbeiter früherer Zeit lebten auf diesem Gebiet und bewohnten mit ihren Familien hüttenähnliche, zwischen den Becken verstreute Häuser. Heute sind sie Ruinen. Zwei der einstigen Häuschen jedoch wurden als Museum eingerichtet. Im oberen Stockwerk des einen befindet sich die historische Wohnungseinrichtung einer Familie: ein Schlafzimmer mit erstaunlich niedrigem Ehebett, eine Stube mit Kinderbett, eine Wohnküche mit Tisch, Stühlen, Geschirr, zahlreichen Tonkrügen, Weidenkörben und einem eingemauerten Herd. Vom oberen Querbalken des Küche und Elternschlafraum trennenden Türrahmens hängt ein kleines Vogelbauer, so hoch, dass man, ohne den Kopf einzuziehen, unter ihm hin und her gehen kann. So unscheinbar, dass es nur bemerkt wird, wenn man zufällig zur Decke schaut. Und leichter als den Käfig selbst könnte man seine daumengroßen Insassen übersehen. Zwei Vögel, Schnabel an Schnabel, aber keine ausgestopften Viecher vom Inszenierungsjahrmarkt, sondern zwei Silhouetten aus dünnem, die Kontur der Vögel nachzeichnendem Draht. Nichts weiter als Andeutungen, die genügen, um das Gestell als Vogelbauer zu konkretisieren.