Er kommt zum Frühstück in die Küche, nur ein Kaffee, dann rennt Alberto Méndez die Treppe zum Schlafzimmer wieder hinauf. Er sprintet, obwohl er es nicht eilig hat, er fliegt die Stufen hinauf, obwohl er oben, im ersten Stock seines Hauses, nichts zu tun hat. Er will nur seinen Oberschenkel testen. Der Schmerz ist noch da. Er dreht sich um und schleicht die Treppe hinunter, die er eben noch hinaufjagte.

Der Trainer wird ihm wieder nicht glauben. Er ahnt es, was heißt ahnen, er weiß es, und der Gedanke schmerzt ihn fast noch mehr als die verdammten Adduktoren, die er sich gestern im Training zerrte. Er lässt sich auf einen Stuhl fallen. "Die erwarten von mir, dass ich spiele", sagt er. "Ich kann dem Trainer sagen, es geht nicht, aber dann höre ich nur: Du Egoist, du denkst nur an dich, nicht an den Verein, natürlich kannst du spielen, du musst halt auf die Zähne beißen." Er muss los, wer um 10.15 Uhr, eine Viertelstunde vor Trainingsbeginn, nicht am Stadion ist, muss fünf Euro Strafe zahlen, er schafft die Strecke in drei Minuten in seinem Porsche Boxter, dem einzigen in der ganzen Stadt. Als er aussteigt, ahnt Méndez, dass es kein guter Tag werden wird: die befürchtete Konfrontation mit dem Trainer, die Vorstellung, wieder mit Schmerzen spielen zu müssen, die Schmerzen. Alles.

Davon ist selten die Rede, wenn vom Profifußball gesprochen wird: dass auch der Traumberuf seinen Alltag hat. Jeden Tag kicken dürfen, von Zehntausenden bejubelt werden, Millionen verdienen, das ist Profifußball – in den Tagträumen von Hobbykickern, und für einen von ihnen wurde der Traum wahr. Der Nürnberger Alberto Méndez, ein Sohn spanischer Einwanderer, war 1997 die verrückteste Fußballgeschichte des Sommers. Arsenal London, einer der zehn besten Klubs der Welt, bezahlte dem fränkischen Amateurverein SC Feucht 600000 Mark Ablöse, um einen 22-jährigen Betriebswirtschaftsstudenten und Freizeitfußballer aus der fünften Liga zu verpflichten. "Entschuldigung, aber ich verstehe das nicht: Warum wollen Sie mich?", fragte Méndez Arsenals legendären Trainer Arsène Wenger bei den Vertragsverhandlungen und unterschrieb dann schnell, ohne das Papier ganz durchzulesen; noch Tage später entdeckte er darin die verblüffendsten Details, wie etwa 6000 Euro Umzugsgeld. Es war ein Sechsjahresvertrag, in diesem Frühsommer wäre er zu Ende. Aber Méndez ist längst nicht mehr in London. In seinem ersten Jahr wurde er Englischer Meister und Pokalsieger, später an den griechischen Spitzenklub AEK Athen ausgeliehen, dann an die deutsche Mutter aller Außenseiter, die Spielvereinigung Unterhaching. Seit zwei Sommern spielt er für den Racing Club de Ferrol, Zweite Liga, in Spanien. Er ist 28, noch immer ein feiner Mittelfeldspieler – und Fußball jetzt ein ganz normaler Beruf. Manchmal, wie an diesem Freitag, eine lausige Angelegenheit.

Die Sonne scheint, aber darauf ist kein Verlass in Galicien, der wetterwendischen Provinz im Nordwesten Spaniens. Es kann im nächsten Moment regnen. Und im übernächsten schütten. Während die Spieler in Ferrol um den Platz joggen, ballt der Ersatztorwart ab und an die Faust, um Wasser abzulassen. Literweise, so scheint es, fließt der Regen dann aus seinen Torwarthandschuhen. Zwei Teenagermädchen, die aussehen, als ob sie um diese Uhrzeit in der Schule sein sollten, sind die einzigen Zuschauerinnen. Von den vorangegangenen 18 Ligaspielen hat Racing ein einziges gewonnen und ist auf den vorletzten Platz der Tabelle abgerutscht. Auf Anweisung des Präsidenten pilgerte die gesamte Mannschaft zur Statue der Jungfrau von Chamorro, um die Stadtheilige um Hilfe zu bitten, doch es half nichts. Der Trainer, Luis César, wird weiterhin von allen Seiten kritisiert und schreit seinerseits ständig die Spieler an, sie sollten den verfluchten Ball verdammt noch mal einfach nach vorne schlagen. Auf der Tribüne keifen sich während der Heimspiele die Fans und die Ehefrauen der Spieler an. "Hässliche Wochen", sagt Méndez. Er trabt im hinteren Drittel der mittlerweile klatschnassen Gruppe, in diesem schleppenden Laufstil, der so typisch für technisch begabte Fußballer ist. Als wollten sie so ihre Verachtung für körperliche Anstrengung ausdrücken. Abrupt bleibt er stehen.

Diese Schmerzen, hör auf, du machst dich nur kaputt, lauf weiter, du musst am Sonntag spielen, es glaubt dir sowieso keiner, aber es tut höllisch weh, aber was die Leute dann reden werden, es geht nicht mehr. Seit er am Tag zuvor das Stechen im rechten Oberschenkelansatz spürte, kreisen die Gedanken. Und jetzt bricht er das Training ab, aber im Kopf dreht sich alles weiter. Die werden dich zwingen zu spielen, wenn du mit Zerrung spielst, kannst du nachher fünf Wochen nicht mehr laufen… "Ich will das nicht mehr, mit Verletzungen spielen, ich habe das schon zu oft mitgemacht", sagt Méndez, als er wenig später zur Untersuchung ins Krankenhaus fährt. Aber er klingt, als wisse er bereits, er wird es diesmal wieder tun. Es gibt immer etwas, das wichtiger erscheint als die Gesundheit eines Spielers. Am Sonntag gegen Numancia, einen Rivalen im Abstiegskampf, dürfen sie nicht verlieren. Sie brauchen ihn.

Danach hatte er sich gesehnt: gebraucht zu werden. Endlich in einer Mannschaft zu spielen, wo sie auf ihn mehr als auf die meisten zählen. Gestern erst hielt er an der Autobahnauffahrt an, um die Straßengebühr zu bezahlen, kurbelte das Fenster runter und erschrak – so enthusiastisch begrüßte ihn der Mann im Kassenhäuschen: "Alberto Méndez! Du warst am vergangenen Sonntag der beste Spieler!"

Sie mögen ihn in Ferrol, weil sie hier selten einen so ballsicheren Fußballer hatten, vielleicht auch, weil er ein sanfter, freundlicher Mensch ist. Ihm ist noch nie irgendwer blöd gekommen. Aber das ändert nichts daran, dass er, wenn er in diesen schweren Wochen durch die kleine Hafenstadt läuft, oft den Gedanken hat: Es könnte dir gleich jemand blöd kommen. "Die Fans oder der Trainer müssen gar nichts sagen, du siehst dich trotzdem immer unter Druck, ihnen etwas geben zu müssen." Tore, Siege, große Spiele. Und Racing hat vier Monate lang kein einziges Mal gewonnen. "Du spürst die Leute auf dir draufhängen." Sein Handy klingelt. "Wie, der Fisch?", fragt er, "ich bin auf dem Weg ins Krankenhaus." Ein Angestellter des Klubs ist dran, Méndez habe die Sonderprämie für sein Tor vom vergangenen Sonntag nicht abgeholt: ein paar Kilo frische Meeresfrüchte.