musik Von Gott verbrüht
Man muss nur ganz fest wollen. In Kopfspielen hat Thees Uhlmann das schon ausprobiert. Wer es schafft, zehnmal die Zähne genau in dem Moment aufeinander schlagen zu lassen, da die weißen Mittelstreifen der Autobahn unter der Motorhaube verschwinden, bekommt garantiert keinen Streit. Und Wünsche sind seit 1999 in munterer Folge in Erfüllung gegangen: Erst wurde Uhlmann Roadie seiner Lieblingsband Tocotronic, sodann verfasste er Tour-Tagebücher über dieses verhuschte Leben mit seinen Heroen. Jetzt ist das dritte Album seiner eigenen Band Tomte erschienen. Die Kritik attestiert dem Sänger und Songwriter Qualitäten eines Textergotts. Wenn das kein verspätetes Tellerwäschermärchen aus der Hamburger Schule ist: Jetzt, wo die großen Diskursschleifen um eine neue, offensive Sprache im deutschen Pop schon wieder von gestern sind, wird emotional richtig rein gemacht. Von den Übereltern Tocotronic und deren Nöligkeit hat Uhlmann sich insoweit entfernt, als er noch einmal bei Adam und Eva anfängt: beim Guten und Echten im Rock, bei der verzweifelten Lebensfreude und der freudigen Verzweiflung und all den anderen Bruchstellen, die die Beobachtung des eigenen Werdens gebiert. Hinter all diesen Fenstern ist ein Coming-of-Age-Album geworden, das davon erzählt, wie das Leben so ist, wenn man nicht mehr 17 ist und in Cuxhaven Hardcore-Musik entdeckt. Seit fünf Jahren halte ich mein Herz in kochendes Wasser, doch es scheint nichts zu nützen, denn so abgebrüht bin ich noch lange nicht. Heiliger Bimbam, ist das ein Pathos! Und so poetisch. Thees Uhlmann singt Kalendersprüche für die Indie-Jugend. Er hat das Tocotronic-Tagebuch damit gespickt (Von HipHop lernen heißt enge Klamotten tragen), er packt sie serienweise in seine Songtexte. Die Themen: Leben retten, wos nur geht, über seine Grenzen reflektieren, Freunde umarmen, aber bitte nie ohne das richtige Gitarren-Schrumm-Schrumm (Grand Hotel van Cleef/Indigo). Beziehungen werden aber auch hanseatisch geknüpft. Tomte haben einen Song über einen Tocotronic-Tour-T-Shirt-Verkäufer gemacht, und Tocotronic nahmen für ihr letztes Album ein Stück auf, das man am liebsten gleich Tomte ins Stammbuch geschrieben hätte: Hi Freaks. Doch während Tocotronics charmante Slogans zu republikweiten Szene-Hits wurden, schmilzt die Welt bei Tomte auf Familienfotogröße zusammen. Im Hause Uhlmann raunt es mit religiösem Ernst: Schreit den Namen meiner Mutter, die mich hielt, schreit den Namen meines Vaters, der mich machte zu einem glühenden Verehrer der Sachen des Lichts. Von Gott verbrüht, der tiefsinnigste Titel, spielt mit dem Gedanken, für einen anderen sterben zu wollen, Endlich einmal ist ein Lied über Uhlmanns Beziehung zu seinem Hund. Mein Leben ist von Lust-Angst bestimmt, sagt Uhlmann. Es gibt so viele Dinge, die nach vier Jahren zerschlissen sind. Nur mein Hund ist da. Für diese Konstante in meinem Leben bin ich dankbar. Aber Goo, der Hund, der unschuldigerweise den Namen eines Sonic-Youth-Albums trägt, hats auch nicht leicht. Wenn er die Elbe riecht, wird er ganz unruhig und macht diese nervigen Fiepsgeräusche. Als Sample vielleicht auf dem nächsten Album erhältlich.
Von Bach bestaunt
In Frankreich entzückt er den Sonnenkönig, in Wien ehrt ihn der Kaiser, ab 1698 wirkt der Geiger Johann Paul von Westhoff im Range eines Kammersekretärs am Weimarer Hof. Da mag ein junger Kollege sein Spiel bestaunt haben Johann Sebastian Bach. Mehr noch, raunen manche, Westhoffs Sechs Solosuiten für Violine sollen Bach den Weg gewiesen haben. Werke von 1696, die erst 1971 in einer ungarischen Bibliothek ausgegraben wurden. Das Missing Link zu Bachs singulärem Sechserpack? Muss die Musikgeschichte umgeschrieben werden? Alles halb so wild. Anregend für Bach war die Geigerszene um 1700 ohnehin, in der etliche Solisten Schwierigstes beherrschten und komponierten. Aber was Bach gelang, schaffte keiner. Westhoff war zwar der Erste, der Suiten von Tanzsätzen gleich als Zyklus konzipierte, aber trotz fingerbrecherischer Mehrstimmigkeit bleibt das bei ihm kleinformatig, kurzatmig, von engem Horizont. Der Geiger Friedemann Amadeus Treiber hat jetzt Westhoffs Solosuiten brillant und stilsicher zum ersten Mal auf CD aufgenommen (Podium, WOW-019-2, zu bestellen unter Tel. 0721/686361). Beim Hören fallen exotische Stellen auf: Es gibt da unverhoffte Einbrüche geradezu romantischer Harmonik, dann wieder Quintenstrenge wie von Franz Ignaz Biber. Fast hält man es für möglich, dass die Musik ein Fake ist und vielleicht gerade deswegen nur von einem einzigen existierenden Druckexemplar in Ungarn geraunt wird. Was nicht stimmt: Es gibt, wovon das Booklet nichts weiß, noch ein Exemplar, im Brüsseler Konservatorium. Die Autorenschaft steht also außer Zweifel, und die Musikgeschichte bleibt, wie sie ist.
Vom House befreit
Jazz? Wer House und Techno liebt, schüttelt sich. Das ist Kopfmusik, die keinen Sog entfaltet. Umso größer die Überraschung, wenn sich nun ein anerkannter DJ den Klängen einer längst vergangenen Epoche zuwendet. Matthew Herbert aus London, der selten auf weniger als zwei Kontinenten gleichzeitig anzutreffen ist, hat für sein neues Album eine Big Band zusammengetrommelt: Trompeter, Saxofonisten, Posaunisten, eine Rhythmusgruppe und sogar Sängerinnen! Seine 20 Musiker multipliziert mit einem Altersschnitt von 45, so rechnet Herbert vor, das ergebe 900 Jahre musikalischer Erfahrung. Das Ensemble enthalte ungleich mehr Klang als eine randvolle Sample-CD mit 700 Megabyte. „Und“, fügt er hinzu, „es gibt ein Gefühl von Gemeinschaft, das in der elektronischen Musik fehlt.“ So weit ist es nun? Weg mit den Knöpfen und Kabeln, zurück zu Händen, Lippen und Lungen? Aber wie spielt man Computerklänge unplugged? Dafür hat auch Herbert noch keine Lösung gefunden; seit einiger Zeit propagiert er so viel Verzicht wie möglich. Als Futter für seinen Sampler verwendet er ausschließlich eigene Aufnahmen, bevorzugt von Geräuschen, die sich politisch deuten lassen, wie zum Beispiel das Zertreten einer Big-Mac-Schachtel.
The Matthew Herbert Big Band geht nun einen Schritt weiter: Für Goodbye Swingtime (accidental records/zomba) schrieb der klassisch geschulte Pianist Stücke, die er später am Computer verfremdet hat. Das Komponieren und Arrangieren dauerte Monate, das Einspielen Tage, das Bearbeiten Wochen. Its swingtime, der Albumtitel, verspricht da nicht zu viel, aber ebenso unverkennbar ist der Abschied von der guten alten Zeit: In die Balladenoberfläche wird fein geschnitten, und es finden digitale Rangierarbeiten mit mundgeblasenen Versatzstücken statt. Die Big Band spielte letzten Sommer auf dem Jazzfestival von Montreux, dem Publikum hat die Nicht-mehr-nur-Elektronik zugesagt. Ob der Nicht-mehr-nur-Jazz den Elektronikfreunden gefällt? Man wird hören.
Von Pollock gelernt
Welche Klänge gehören zu den wilden gestischen Leinwänden Jackson Pollocks? Seitdem Pollocks White Light die Hülle von Ornette Colemans epochaler Free-Jazz-LP zierte, schien das bündig beantwortet. Doch man könnte auch ganz anders sehen, ganz anders hören. So wie Morton Feldman, der einen Dokumentarfilm über Pollocks drip paintings mit zarten, statischen Celloklängen unterlegte. Oder so wie die New Yorker Sopransaxofonistin Jane Ira Bloom, die in der Musik ihres hervorragenden Quartetts beides verbindet; subtile Lyrik und gestische Wucht Ira Bloom meets Jackson Pollock: Chasing Paint (Arabesque Jazz 0158/Open Door). Ihre frei ausschwingenden, quirligen Linien wirken wie melodische Nachzeichnungen von Pollocks Tropf- und Sprühfiguren. Fred Hershs Klavierspiel kennt alle Farben zwischen lichtem Pastell und trübem Ton-im-Ton, zwischen zarten Impressionismen und freien Arabesken. Und Mark Dressers Bass sowie Bobby Prevites Schlagzeug haben, bei allem Filigran, genug Energie, um die Improvisationen in dichte Verwirbelungen zu katapultieren, haptisch greifbar wie die Farbklumpen einer Pollock-Leinwand. Eine ungewöhnliche Hommage und eine einzigartige Musik im Niemandsland zwischen Quartett-Mainstream und freiem Spiel.
Vom Reggae erlöst
Kaum eine Musik ist so unweigerlich mit standardisierten Vorstellungen verbunden wie der jamaikanische Reggae mit Rasta, Haschisch und Bacardi am Postkartenstrand. Umso mutiger ist es, wenn eine Berliner Band den sanft wiegenden Rhythmus und seine moderne, elektronische, „Dancehall“ genannte Variante betreibt, ohne auf die tradierten karibischen Klischees zurückzugreifen. Elf Mann stark, überführen Seeed auf ihrem zweiten Album Music Monks (Downbeat/EastWest) den freundlich stolpernden Offbeat in einen mitteleuropäischen Kontext, mischen englische mit deutschen Texten und verbieten sich alle Sunshine-Seligkeit.
Aus der Folklore vom anderen Ende der Welt wird so ein aktueller, urbaner Sound, der dennoch wärmt, Stoff für sommerliche Abende. Nebenherhören kann man ihn auch: als Soundtrack für die Erschöpfungsrituale, wie sie mitteleuropäische Erfolgsgewohnte pflegen, die sich dabei bislang vornehmlich von Techno oder House beschallen ließen. Da Seeed textlich kaum mehr als oberflächliches Gebrabbel anzubieten haben, dürfte die dem Tanz folgende Leere dann vermutlich wieder mit den altbekannten Klischees gefüllt werden. Bislang schafft es keine Musik so perfekt wie Reggae, seine Zuhörer auch ohne Zuhilfenahme weicher Drogen in einen Zustand friedlicher Verlullung zu wiegen.
- Datum 05.06.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie musik
- Quelle (c) DIE ZEIT 05.06.2003 Nr.24
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