Seit elf Wochen sucht die U.S. Army im Irak nach den Bio- und Chemiewaffen, deretwegen dieser Krieg begonnen worden war. Gefunden hat sie bislang so gut wie nichts. Stattdessen gibt es fast täglich neue Meldungen von der Heimatfront der Koalitionsstaaten. Geheimdienstleute erklären frank und frei, die amerikanische Öffentlichkeit sei über Saddam Husseins Gefährlichkeit getäuscht worden. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld räumt ein, die Waffen seien möglicherweise schon vor dem Krieg vernichtet worden. Ohnehin seien sie, ergänzt sein Stellvertreter Paul Wolfowitz, als Kriegsgrund nicht so wichtig gewesen.

Was verbirgt Saddam Hussein? Das war die Frage von gestern, die Vorkriegsfrage, auch wenn glaubensfeste Kriegsbefürworter wie Tony Blair sich immer noch zuversichtlich geben, die geheimen Waffenkammern des Iraks würden bald entdeckt. Die Frage von heute lautet: Was verbergen George W. Bush und Tony Blair? Schon jetzt spricht viel dafür, dass die beiden die Welt getäuscht haben.

Hören wir noch einmal den amerikanischen Präsidenten. Also sprach George W. Bush am 17. März dieses Jahres, zwei Tage vor Abschuss der ersten Cruise Missiles, in seiner Rede an die Nation: "Geheimdienstinformationen, die diese und andere Regierungen zusammengetragen haben, lassen keinen Zweifel daran, dass das Regime des Iraks weiterhin einige der tödlichsten Waffen besitzt und verbirgt, die je entwickelt wurden."

Keinen Zweifel? Im Detail werden Anhörungen in Washington und London noch zu klären haben, welche Information welches Geheimdienstes fragwürdig, schlicht falsch oder womöglich doch zutreffend gewesen sein könnte. Im Großen und Ganzen aber lässt sich feststellen, dass die Kriegsbefürworter in einem entscheidenden Punkt nicht die Wahrheit gesagt haben: in der Frage nämlich, wie sicher sie sich ihrer Verdachtsmomente und Befürchtungen eigentlich sein konnten. Denn es gab sehr wohl begründete Zweifel an vielem, was Bush, Powell, Rumsfeld und Blair im Weltsicherheitsrat und daheim gegen Saddam Hussein anführten, um die eigenen Bürger und die zweifelnden Verbündeten auf Kriegskurs zu bringen. Doch die Zweifler, amerikanische wie britische Geheimdienstexperten, wurden totgeschwiegen. Nur solche Informationen sollten an die Öffentlichkeit gelangen, die ins Bild vom brandgefährlichen Weltbösewicht Saddam Hussein passten. – Schon sprechen ehemalige CIA-Mitarbeiter von "einem nachrichtendienstlichen Fiasko von monumentalen Ausmaßen".

Den Reigen der Enthüllungen eröffnete ein, allerdings anonymer, Vertreter des Secret Service, der gegenüber der BBC behauptete, auf Drängen von 10 Downing Street sei die Sprache des Berichts verschärft, eben "sexier" gemacht worden. Der Geheimdienst MI 6 hätte schon damals vor allem davon abgeraten, die These aufzustellen, der Irak könne binnen 45 Minuten biologische oder chemische Waffen einsetzen. Ian MacCarthy, Staatsminister im britischen Verteidigungsministerium, räumte inzwischen ein, dass diese Information, die im "Waffendossier" der Regierung vom September vergangenen Jahres enthalten und von Tony Blair im Vorwort aufgegriffen worden war, nur auf einer einzigen Quelle beruht habe und nicht – wie eigentlich beim Umgang mit geheimdienstlichen Erkenntnissen wünschenswert – durch andere Informationen bestätigt worden sei. Die Sunday Times schob nach: Um die Formulierung des Dossiers habe es damals ein intensives Gerangel gegeben. Alistair Campbell, Blairs Informationsdirektor, notorisch für seine hemdsärmelig-bulligen Methoden, habe vom Secret Service eine knackigere Sprache verlangt. Allerdings: Am Ende räumte der MI-6-Informant der BBC ein, dass der Report "in der Substanz" gestimmt und nichts Unrichtiges enthalten habe.

Weitere Beispiele? Da waren diese Aluminiumröhren, hochfeste Spezialrohre, die, glaubte man dem amerikanischen Präsidenten, einem fürchterlichen Zweck dienen konnten: der "Produktion von Kernwaffen". Das sagte Bush noch am 28. Januar dieses Jahres in seiner Rede zur Lage der Nation. In Wirklichkeit waren die Röhren dazu völlig ungeeignet. Sie konnten allenfalls beim Bau von Raketenwerfern Verwendung finden, und genau das, berichtet die Zeitschrift Newsweek, hatten Experten des Außenministeriums ihrem Chef Colin Powell auch mitgeteilt. Es passte nur nicht ins Bild.

Oder die Sache mit dem angeblichen Uran-Einkaufsversuch in Niger, auf die sich die USA gegenüber den Vereinten Nationen beriefen – gestützt auf so plump gefälschte Dokumente, dass ein Laie das mit einer kleinen Recherche im Internet hätte herausfinden können, wie ein Experte später kommentierte.

Wie war das möglich? Wollte Powell die Welt täuschen – oder wurde er getäuscht?