Was war und ob das Leben ist

Virginia Woolf, Tagebuch Nr. 4 oder: Seelenbalance

So kennen sie alle: Virginia Woolf als Mädchen, den Kopf geneigt, die Augenlider schwer von Seele, eine Früh-Diana, als Postkarte oder Poster erhältlich. Oder: Die Erfolgsautorin vor dem Objektiv von Man Ray – Samtjackett, Lippenstift, ein Ring am kleinen Finger, sehr dekadent. Virginia Woolf, kostbar-zerbrechlich wie altes Wegdwood, ein Klassiker von Anna Freud. Das Betrachten von Autoren ist eine Unsitte, über die man sich ereifern könnte, wäre man ihr nicht selbst verfallen. Was sagt schon ein Gesicht, möchte man sich entgegenhalten, über die Güte eines Romans! Wofür steht eine Nase, was hat eine anrührende Kinnlinie mit der Tragfähigkeit eines Satzes zu tun? Wie gerne man sie fragen würde, was könnte sie antworten, bei solcher Zudringlichkeit?

Sie war eine äußerst private Person. Sie konnte sich kaum dazu bringen, einem traurigen Freund, T. S. Eliot übrigens, den Arm um die Schulter zu legen, „keine sehr leidenschaftliche Liebkosung, aber das beste, was ich kann“, schrieb sie zerknirscht. Sie zog sich, wieder und wieder, aus London zurück aufs Land, um in der Stille nach jenen flüchtigen Momenten zu fischen, die sie in ihren Romanen – Die Fahrt zum Leuchtturm oder Die Wellen – zu schwebenden Texten verwob, die Leser süchtig machen können, die als experimentell gelten und gleichzeitig ein Massenpublikum anziehen. Ihr selbst gewählter Tod wie ihr Leben üben große Faszination aus, sind erzählbar als romantische Frauenvita, die hinter schweren Draperien in einem viktorianischen Boudoir begann und sich im Dunkel der Wasserstrudel des Flusses Ouse verliert, aber sich doch im scharfen Licht des 20.Jahrhunderts entfaltet haben, in den Wagnissen der Moderne, solchen des Schreibens, des Denkens, auch der Liebe. „Bloomsbury“ ist das Logo dafür; es steht für Intellektualität und Snobismus, Exzentrik und Homoerotik, die der Freundeskreis um die Woolf-Schwestern, Vanessa und Virginia, ausgelassen kultivierte. Leserinnen suchen bei Woolf gern eine tragische Geschichte von Versagung und Wahnsinn, wahlweise weiblicher Befreiung vom Hausfrauenjoch, und nach all jenen Bedeutungsschnitzeln hascht noch die aufsehenerregende Verfilmung The Hours, der Kinohit dieses Frühjahrs. Wie verführerisch, alle diese Klischees bei der Lektüre jener Bände zu vergessen, die der S. Fischer Verlag mithilfe des Frankfurter Anglisten Klaus Reichert in stoischer Ruhe veröffentlicht, Jahr für Jahr zusammenfügt zu einer grandiosen Ausgabe, die Romane, die Schriften zur Literatur und Gesellschaft, die Tagebücher, nun schon Band 4.

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Er umfasst die Jahre 1931 bis 1935. Die Autorin steht vor ihrem 50. Geburtstag. Die Jahre davor, 1925 bis 1930, waren vielleicht die produktivsten der Autorin, in dieser Zeit entstanden die genannten Romane, sie hatte sich in eine Affäre mit der Schriftstellerin und Gartenkünstlerin Vita Sackville-West gewagt. Nun treffen wir sie als eine der gerühmten Autorinnen Englands. Zugleich eine der bedeutendsten Literaturkritikerinnen! Vorbei die demütigenden Kalkulationen vor dem Kauf neuer Schuhe. Sie schließt, am Samstag, dem 17. Februar 1931, ab mit The Waves, das als ihr mutigstes Werk gilt: „Jedenfalls ist es geschafft; & ich sitze hier die letzten 15 Minuten in einem Zustand der Glorie & Ruhe, & ein paar Tränen…“

Stolz und Rührung, sogar ein wenig mehr Gelassenheit. Nie begegnete man so oft wie auf diesen Seiten der Vergewisserung, dass man doch so glücklich sei, welches Glück es sei, so leben zu können, wie glücklich die Ehe mit Leonard sei, „Ich muß Nessa fragen, warum wir so glücklich sind“. Das hält immerhin für einige Stunden, an einigen Tagen.

Tagebücher atmen die Aura des Authentischen. Ein Tag und ein Tag und noch ein Tag werden festgehalten, immer erforschend, „was war und wie es war & ob das Leben bedeutet“, wie sie einmal schreibt. Sie macht das für sich, legt Notizen an, so heißt es, die später als Vorlage dienen könnten für ihre Memoiren, manchmal sind es nur Kritzeleien, um die neue Feder einzuüben, oder Ablenkmanöver, um der Härte der eigentlichen Arbeit auszuweichen, in diesen Jahren ist das die endlose Revision vieler Fassungen des Romans The Years (als Die Jahre schon bei S. Fischer erschienen). Ob so sich der Zusammenhang dieses Lebens entfaltet? Wer danach sucht, sollte sich lieber auf die 1000-seitige Biografie werfen, die Hermione Lee vor einigen Jahren über die Autorin vorgelegt hat (ebenfalls bei S.Fischer), sie ist eine geniale Annäherung nach Themen wie Häuser oder Ehe oder Verluste, die durch die Stationen des Lebens und der Bücher verfolgt werden. Das Tagebuch leistet anderes. Es lässt uns teilnehmen an jenen überraschenden Momenten und Prozessen, aus denen die Kunst der Woolf entsteht.

„Ich habe“, heißt es, „in diesem Augenblick, während ich mein Bad nahm, ein völlig neues Buch konzipiert – eine Fortsetzung von A Room of Ones Own – über das Sexualleben von Frauen…“

Ihre Bücher entwickeln sich aus Visionen. Sie wachsen aus Gefühlslagen heraus, aus Ahnungen, die sich verdichten von Thema über Stimmung zu Tempo. Aber wie? Das beantworten ihre Tagebücher minutiös, fast im Sekundenstil, jedenfalls von Tag zu Tag. Eine Künstlerin ringt um die rechte Verfassung zur Verfertigung von Gedanken und Sätzen.

Es braucht: Anregung und Ruhe. Geselligkeit und Rückzug. Den Tagesablauf streng geregelt halten, morgens schreiben, nach dem Essen weit ausschreiten, Korrespondenz, Lektüre, auch wer das nicht leben, sondern nur lesen muss, kann das als mühsam empfinden. Die Woolfs kultivieren das einfache Leben (wenn auch der Warmwasser-Bereiter im Badezimmer kindlich begrüßt wird) – aber sind doch zugleich Mitspieler jener großen Inszenierung aus Teegesellschaften und Dinner-Einladungen, Picknick in Glyndebourne, Oper zu Lachs und gekühlten Himbeeren, Konzerten, Theater.

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