Neve Zuf

Nach Neve Zuf führt von der Mittelmeerküste nur ein Weg. Wer die letzten 25 Kilometer zur Siedlung durch das Westjordanland nicht mit dem Auto riskieren will, lässt es auf dem eigens eingerichteten Parkplatz am Checkpoint stehen und nimmt den Bus. Der hat zumindest gepanzerte Scheiben. Die Fahrt geht durch eine verlassene, steinige Hügellandschaft. An einer Stelle dicht an der Straße holzte die Armee vor kurzem 200 Olivenbäume ab und gab damit dem Drängen der Siedler nach. Die Bäume hatten palästinensischen Heckenschützen als Versteck gedient. Drei Einwohner von Neve Zuf sind in den vergangenen zweieinhalb Jahren auf dem Weg nach Hause erschossen worden.

In Neve Zuf reden die Menschen viel davon, wie sehr die bewaffnete Intifada ihr Leben verändert hat – als hätte mit ihr eine neue Zeitrechnung begonnen. Vergangene Woche gab es eine weitere Zäsur: Israels Premier Ariel Scharon sagte, die "Besatzung" sei eine schreckliche Sache. Dass ausgerechnet seine rechte Koalition einen amerikanischen Friedensplan gebilligt hat, der einen palästinensischen Staat in Aussicht stellt, schockierte die Siedler. Die Folgen sind allen klar. Sollte es tatsächlich so weit kommen, würde die Siedlung Neve Zuf von der Landkarte verschwinden.

Diese Nachricht habe sie so wütend gemacht, sagt Amy Rosenbluh, dass sie sofort empört im Büro des Ministerpräsidenten angerufen habe. Sie könne sich keinen Reim auf die Politik Scharons machen. War nicht Scharon der Architekt des Siedlungswesens? Der jeden Stein in der Umgebung kennt und immer gern auf die strategische Wichtigkeit der Siedlungen verwiesen hatte? War es nicht Scharon, der noch als Oppositionschef 1999 die Siedler aufgerufen hatte, verbleibende Hügel im Westjordanland zu besetzen? Und jetzt sollen seine einstigen Lieblinge auf einmal böse Okkupanten sein? "Unser Misstrauen ihm gegenüber hat sich verstärkt", sagt Amy Rosenbluh. "Aber wir wissen nicht, ob er sich wirklich geändert hat oder ob er vielleicht nur darauf wartet, dass jemand auf der anderen Seite die ganze Sache explodieren lässt."

Noch gibt ihr der Alltag Halt. Die 51-jährige Mikrobiologin forscht an der Tel Aviver Universität über Alzheimer. Nach wie vor fährt sie die ganze Strecke zur Arbeit mit ihrem Auto – jeden Tag. Erst vor fünf Jahren war sie mit ihrer Familie nach Neve Zuf gezogen, fasziniert von der Schönheit der Landschaft und getrieben von der national-religiösen Überzeugung, mit ihrer Anwesenheit hier oben die langfristige Existenz Israels zu wahren. Von ihrer dreistöckigen Villa aus lässt sich an klaren Tagen im Westen die Küste ausmachen, auf der anderen Seite kann sie bis zur palästinensischen Bir-Zeit-Universität bei Ramallah sehen.

Gegen eine linke Regierung zu demonstrieren wäre leichter

Rund zweihundert Familien leben in Neve Zuf, mit drei Synagogen, einer Grundschule und einem schweren Eisenschiebetor am Eingang der Siedlung, das von Soldaten bewacht wird. Die meisten Bewohner verdienen ihren Lebensunterhalt im Großraum Tel Aviv und pendeln wie Amy Rosenbluh. Zwar seien einige Siedler seit Ausbruch der Intifada fortgezogen, aber "nicht viele und nicht allein wegen der Sicherheitslage", spielt Rosenbluh den Bevölkerungsschwund in Neve Zuf herunter. Die gebürtige Amerikanerin schwärmt von der sauberen Luft, von den Vögeln und den gepflegten Gärten, dem neuen Schwimmbad, und – vor allem – vom Zusammenhalt unter den Menschen, der in letzter Zeit noch enger geworden sei. Ein idyllisches, exklusives jüdisches Dasein mitten im Westjordanland – wäre da nicht die politische Realität ringsumher.

Das neuerdings wieder leicht entspannte Verhältnis zu den Palästinensern, das in Israel erstmals seit Jahren zu spüren ist, setzt die Siedlerbewegung unter Druck. Schon vor vielen Monaten reiste Amy Rosenbluh mit einer Delegation nach Washington. Nachdem Präsident Bush im vergangenen Juni seine Vision von einem Palästinenserstaat dargelegt hatte, wollten sie im amerikanischen Kongress ihren Protest vortragen. Der Stapel frisch gedruckter Aufkleber, der in Rosenbluhs geräumiger Küche liegt, hat eine klare Botschaft: "Nein zu einem Palästinenserstaat".