Kaum war die deutsche Einheit 1990 zum zweiten Mal (und diesmal endgültig) erlangt worden, hatten die Deutschen in Ost und West nichts Eiligeres zu tun, als ihr Gedächtnis zu korrigieren. Der Tag der Deutschen Einheit wurde einer gesamtdeutschen Ritual-Wäsche unterzogen. Seither wird des ostdeutschen Arbeiteraufstands und seiner Niederschlagung am 17. Juni 1953 (also vor nunmehr fünfzig Jahren) nicht mehr offiziell gedacht, wie dies bis 1989 im Westen der Republik der Brauch gewesen war; die so genannten "Brüder und Schwestern" im Osten schauten schweigend zu oder sahen weg. Bevor das wiedervereinigte Volk es recht bemerkte, war von oben, also von den beiden deutschen Regierungen im Einigungsvertrag dekretiert worden: "Der 3. Oktober ist als Tag der Deutschen Einheit gesetzlicher Feiertag." Der Staatsakt verdrängt den Volksaufstand: So denkt Deutschland über seine Revolutionen – genauer, so dachte die Regierung Kohl.

Die deutschen Tabus

Weshalb konnte "der 17. Juni" vor 13 Jahren so schnell in der nationalen Requisitenkammer verschwinden? Und weshalb wirkt heute der 17. Juni 1953 so faszinierend, dass die ostdeutsche Bürgerrechtlerin Marianne Birthler emphatisch von einer "Neuentdeckung" spricht? Mit den Worten "Eindeutig ja!" quittierte Birthler jüngst die Frage, ob dieses Ereignis nicht jahrzehntelang der Geringschätzung anheim gefallen war.

Der amerikanische Historiker Fritz Stern hatte vollkommen Recht, als er in der Gedenkstunde des (westdeutschen) Bundestages im Jahr 1987, also zwei Jahre vor dem Fall der Mauer, feststellte: "Dieser Feiertag rührt an Tabus, an denen die deutsche Geschichte reich ist, an noch unklare oder verdrängte Prozesse der Geschichte." Stern sprach überdies davon, dass die Beurteilung dieses Gedenktages sich in der Nachkriegsgeschichte grundlegend geändert habe – zu Zeiten des Kalten Krieges festgelegt, erinnere er nun, 1987, nicht nur an die Opfer des Aufstands, sondern auch "an die Kraft und Dauer des rein Provisorischen".

Was aber wäre heute zu sagen, und zwar über beides – über das Verschwinden des Gedenkens und über die Wiederkehr der Erinnerung?

Aus der westdeutschen Sicht: Die jährlichen Feiern zum 17. Juni waren von Anfang an mit der Hypothek belastet, dass sich die Bonner Republik für ihr eigenes Selbstverständnis eines Ereignisses bemächtigte, zu dem ihre Bürger nichts beigetragen hatten und auch nichts beitragen konnten. Außerdem hatte die Bonner Regierung – aus Gründen, über die sich reden ließ, über die aber so offen nicht geredet wurde – jene nationale Einheit, die sie am 17. Juni zu feiern anordnete, aus ihrem praktischen Zielkatalog gestrichen: Freiheit vor Einheit, sichere Westbindung statt ungewisser Neutralität – so lautete die wahre Entscheidung. Acht Jahre nach der Arbeiterrevolte stand die Berliner Mauer, und wiederum acht Jahre nach dem Mauerbau begann die neue Ost- und Deutschlandpolitik. Nun galt es, die Teilung zu respektieren, um ihre Folgen zu überwinden. Und das hieß: mit dem SED-Regime verhandeln, anstatt allzu direkt an seinen misslungenen Sturz zu erinnern. In der Tat: Dieser Feiertag rührte an die Tabus der politischen Ohnmacht…

Aus ostdeutscher Sicht: Bis zum Sturz der SED-Herrschaft gab es hinter der Mauer keinerlei offene Aussprache über den Volksaufstand, keine objektive Forschung, keine ehrliche historische Darstellung, keine offen erzählte Erinnerung. Was die Propaganda noch nicht entstellt hatte, wurde vom machtvollen Tabu unterdrückt – und von der angstvollen Erinnerung an den Ungarn-Aufstand von 1956, den Einmarsch in Prag 1968 und das Kriegsrecht in Polen 1981. Als dann aber endlich offen hätte geredet werden können, überdeckte das Selbstbewusstsein der erfolgreichen und friedlichen Revolution von 1989 die Erinnerung an die gewaltsam unterdrückte und gescheiterte Revolte von 1953. Es brauchte seine Zeit, bis jemand wie Marianne Birthler heutzutage resümieren konnte: In Ostdeutschland "gab es 1953 und 1989 zwei Freiheitsbewegungen. Das muss uns erst einmal einer nachmachen."

Es gibt allerdings ein gemeinsames Tabu, das die ostdeutsche wie die westdeutsche Sicht miteinander verbindet – das Tabu der nationalen Frage. Wie viel Mühe war doch darauf verwendet worden, immer wieder herauszustellen, dass die Aufständischen des 17. Juni 1953 jedenfalls nicht für die nationale Einheit demonstriert hatten und dass deshalb der "Tag der Einheit" stets eine Lebenslüge fortgeschrieben habe. Selbst Fritz Stern konstatierte 1987: "Es war kein Aufstand für die Wiedervereinigung." Aber was wäre aus diesem Aufstand geworden, wäre er nicht auf der Stelle unter dem Schutz sowjetischer Panzer niedergeschlagen worden? Etwa nur ein Streik für höhere Löhne, allenfalls für eine mildere Regierung? Noch 1989 dauerte es eine Weile, bis aus dem Ruf "Wir sind das Volk!" die Parole wurde "Wir sind ein Volk!" – und noch etwas länger dauerte es, bis der Zusammenhang von "Einigkeit und Recht und Freiheit" auch in der deutschen Perspektive als legitim akzeptiert war, wenngleich mit einem bleibenden Rest von Unbehagen.