Mitten im Sozialismus wollte Uwe Bartsch ein bisschen Marktwirtschaft wagen. Das war 1981 in Ost-Berlin, und Bartsch durfte mit behördlicher Erlaubnis einen privaten Elektroinstallationsbetrieb aufmachen. In der DDR waren im Prinzip alle Betriebe "volkseigen", also verstaatlicht, aber beim Handwerk machte man seit Ende der siebziger Jahre wieder eine Ausnahme.

Die Illusion von der Eigenständigkeit starb schnell. Zwar gab es für Bartsch viel zu reparieren und zu installieren, aber von Anfang an hatte er Schwierigkeiten, an die nötigen Ersatzteile zu kommen, und im Laufe der Jahre wurde es noch schlimmer. "Ich kann mich noch genau erinnern", erklärte Bartsch 1997 vor einer Enquete-Kommission des Bundestages, "die Materialengpasslisten waren 1981 so zwei bis drei Seiten lang. Da waren ausgesuchte Sachen drauf. 1989 waren es dann schon fast Bücher. Die Schuko-Steckdose, die Glühlampe, die Sicherung, die Schraubkappe, das Kabel, alles war Engpass."

Sich an die offiziellen Stellen zu wenden hatte wenig Zweck. Vom zuständigen Stadtbezirksbauamt bekam Bartsch zur Antwort: "Es wird durch uns alles unternommen, um ständig auf die akutesten Probleme der Materialwirtschaft hinzuweisen, aber eine Entspannung bei der Bereitstellung von Elektromaterial ist derzeit nicht zu erwarten. Mit sozialistischem Gruß, Dammerow, Stadtbezirksdirektor, 13. 3. 1989."

Wieder Bartsch: "Die Betriebe haben natürlich, wenn sie dann Material beziehen konnten, bestimmte Materialien ganz deutlich gehortet, um sie irgendwo tauschen zu können. Es war zum Schluss eine sehr starke Tauschgesellschaft entstanden. Man durfte ja auch auf die Rechnung nicht schreiben ‚Tauschgeschäft‘, man musste ‚sozialistische Hilfe‘ draufschreiben, damit es durch die Steuer anerkannt wurde." Und weiter: "Ähnliches spielte sich in anderen Werken ab. Die Autoschlosser hatten keine Teile für Autos, … die Rohrleger kein Rohr, die Maler keine Farbe, keine Tapete, die Tischler kein Holz, und so könnte man fast alle Handwerksbetriebe nennen."

Die Beschreibung des Handwerksmeisters Bartsch war nicht übertrieben. Die DDR-Wirtschaft war eine Mangelwirtschaft – nicht nur vor dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953, nicht nur zeitweilig, nicht nur auf bestimmten Gebieten, sondern permanent und überall. Der Mangel war Teil des Systems. Gewiss, abgesehen von den Nachkriegsjahren musste niemand hungern, und im Prinzip war alles Lebensnotwendige vorhanden. Nur, in welchen Mengen und in welchem Zustand?

Eine Verkaufsstellenleiterin aus Hoyerswerda zum Beispiel schrieb im Januar 1986 an die Redaktion der Sendung Prisma des DDR-Fernsehens: "Beiliegend übersenden wir Ihnen als Anschauungsmaterial dieses ‚wunderschöne‘ Modell eines Damenpullovers, an uns ausgeliefert in den Größen 46–52. Wir hinter dem Ladentisch wagen uns kaum, diesen Pullover den Kunden anzubieten… Der mit der Größe 48 bezeichnete Pullover hat die Breite einer Größe 54 und die Länge einer Größe 40. Wir wissen nicht, wie die Mitarbeiter von Mülana zu diesen seltsamen Abmessungen kommen, in Hoyerswerda leben jedenfalls keine … viereckigen Menschen."

Derartige Zuschriften erhielt die Prisma- Redaktion zuhauf, denn anders als in den meisten anderen Medien beleuchtete Prisma auch Probleme des "sozialistischen Alltages". Die systembedingten Ursachen blieben allerdings auch dort im Dunkeln.

Nach dem Fall der Mauer hat die Ethnologin Ina Merkel die bei Prisma eingegangenen Berichte veröffentlicht – und aus eigener Erfahrung ergänzt: "Meinem Sohn passten schon mit elf Jahren keine ‚Kinderhosen‘ mehr und die ‚Jugendmode‘ war zu weit und zu lang. Ein ewiges Drama, dem nur mit Westgeld abzuhelfen war… Kinderkriegen war in der DDR eine Entscheidung mit Folgeproblemen ohne Ende: Ewige Wartezeiten bei der monatlichen Pflichtvorstellung bei der Schwangerenberatung, altmodische Umstandskleidung, keine Hosen, keine Baumwollwindeln, überfüllte Entbindungskliniken, nicht funktionierende Duschen,…"