ddr Pullover für ViereckigeSeite 3/3

Ein solches System hatte durchaus seine humanen Seiten: Auch an Arbeitskräften herrschte immerzu Mangel, weshalb es keine offene Arbeitslosigkeit gab. Im Betrieb hatten die Vorgesetzten wenig in der Hand, um ihre Untergebenen anzutreiben. Und speziell in der DDR hatte der 17. Juni 1953 bei der Parteiführung einen langfristig wirksamen Schock ausgelöst: An „Normerhöhungen“ und Ähnliches traute man sich nur noch selten heran, die Fließbänder liefen erheblich langsamer als in westdeutschen Betrieben. All dies gab den meisten DDR-Bürgern im Alltag ein Gefühl von Job-Sicherheit und Beschaulichkeit, von dem die stressgeplagten Brüder und Schwestern in Westdeutschland oft träumten. Nur hatte das warme Betriebsklima wieder seine Schattenseite: geringe Produktivität.

Ließ sich ein solches System nicht reformieren? Sie haben es versucht. Anfang der Sechziger machte sich ausgerechnet SED-Generalsekretär Walter Ulbricht, oft als Prototyp des verknöchterten Apparatschiks geschildert, mit viel Elan daran, die DDR-Wirtschaft als erste im Ostblock auf Reformkurs zu bringen. Inspiriert von dem sowjetischen Ökonomen Ewsej Liberman, erklärte er auf dem SED-Parteitag im Januar 1963: „Was der Gesellschaft nützt, muss auch dem einzelnen sozialistischen Betrieb und den Werktätigen des Betriebes nützen!“

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In Ulbrichts „Neuem Ökonomischen System“ (NÖS) sollten höhere Gewinnbeteiligungen und andere „ökonomische Hebel“ die Direktoren und Belegschaften dazu bringen, flexibler und billiger zu produzieren. Produktsortiment und Verkaufspreise konnten sie in gewissem Umfang selbst bestimmen. Aber die Reform brachte nicht die erhofften Ergebnisse, sie konnte dies auch gar nicht. Noch immer konnte kein Betrieb Pleite gehen, die Budget-Restriktionen blieben „weich“. Und die Dosis Kapitalismus war viel zu sparsam bemessen, um auch nur halbwegs marktwirtschaftliche Preise hervorzubringen.

Viele SED-Funktionäre sahen mit Unbehagen, dass die Werksleitungen größeren Spielraum bekamen, der Partei schien die Kontrolle über die Betriebe zu entgleiten. Ulbrichts Nachfolger Erich Honecker kehrte Anfang der Siebziger schließlich wieder zur direkten Kommandowirtschaft zurück. Doch nicht nur aus Fantasielosigkeit: denn wie sich in den achtziger Jahren zeigte, endeten ähnliche Reformexperimente in Polen und dann in der Sowjetunion in der Tat mit dem Auseinderfallen des Systems. Wie nicht zuletzt János Kornai in seinen Analysen gezeigt hat: Kapitalismus kann funktionieren, kommunistische Kommandökonomie kann lange Zeit auch irgendwie funktionieren, aber Mischformen sind nie stabil.

Im Oktober 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, bestellte Honeckers Nachfolger Egon Krenz eine „ungeschminkte“ ökonomische Bestandsaufnahme. Der Verbrauch sei schneller als die eigene Produktion gewachsen, war da zu lesen. Die Verschuldung im „nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“ habe sich um zwei Milliarden Valuta-Mark [DM] 1970 auf 49 Milliarden Valuta-Mark 1989 erhöht: „Allein ein Stoppen [des Schuldenanstiegs] würde im Jahre 1990 eine Senkung des Lebensstandards um 25–30 Prozent erfordern.“ Das war natürlich völlig unrealistisch.

Zum Zeitpunkt also, als Handwerksmeister Bartsch keine Schuko-Steckdose und keine Glühlampen mehr bekommen konnte, war die DDR schlicht und einfach pleite.

 
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