Galapagos Streichelzoo der Schöpfung

Mit Charles Darwin unterwegs auf den Galápagos-Inseln

Nicht die Menschen, die Tiere sind aus dem Paradies vertrieben worden. Und nur wenige entlegene Ecken blieben von dieser Säuberung verschont, darunter ein paar Vulkaninseln im östlichen Pazifik, die Galápagos, die als einer der letzten Erdenflecken überhaupt vom Menschen aufgespürt worden sind. Doch heute pilgern jährlich bis zu 80000 Touristen dorthin.

Und ich, Charles Darwin, trage die Schuld daran.

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Gut, sicherlich nicht allein. Doch ohne meinen folgenschweren Besuch 1835 würden diese Inseln Ihnen vermutlich so viel sagen wie die Alëuten oder die Nikobaren, nämlich herzlich wenig. So aber stehen sie auf Ranglisten über die Naturwunder der Welt regelmäßig ganz oben. Für jeden, der sich auch nur etwas für Naturgeschichte interessiert, kommt eine Reise auf die Galápagos einer Wallfahrt gleich. Denn just hier habe ich, der allgemein berühmte, wenn auch nicht allgemein begriffene Darwin die entscheidenden Indizien für meine Abstammungslehre gefunden.

Entsprechend bin ich auf den Inseln allgegenwärtig, vom Wandgemälde bis zum T-Shirt. Meist als viktorianischer Patriarch mit Rauschebart und gütig wissendem Blick, als Gottvater der Biologie. Dabei war ich damals 24 Jahre jung, glatt rasiert und wenig mehr als ein verkrachter Medizinstudent. Trotzdem wurden hier eine Insel, ein Vulkan und eine Bucht nach mir benannt, auch die Darwin-Finken natürlich, dazu ein Fledermausfisch, welchen zu entdecken ich die Ehre hatte, und nicht zuletzt die Forschungsstation in Puerto Ayora, wo jährlich an die hundert Wissenschaftler in meinem Geiste die Betriebsgeheimnisse der Natur ergründen.

Auf die Galápagos gelangen Sie heute fast umstandslos. Anderthalb Stunden Flug vom ecuadorianischen Festland, und Sie betreten einen anderen Stern, der ebenso fremdartig wie verzaubert anmutet. Selbst wenn Sie glauben, alles schon gesehen zu haben, wenn jede Reise Sie nur an eine frühere erinnert, hier werden Sie eines Besseren belehrt. Der Bischof von Panama brauchte 1532 noch eine geschlagene Woche, während der sein Schiff in einer Flaute hierher trieb. »Wir trafen«, so meldete er, »nichts als Seelöwen und Schildkröten an, die so groß waren, dass jede einen Mann auf ihrem Rücken tragen konnte.« Ansonsten nur »Steine und Disteln«, womit der geistliche Herr wohl die drei endemischen Kakteenarten meinte.

In den folgenden Jahrhunderten nutzten Korsaren, Wal- und Robbenfänger die Galápagos als Schlupfwinkel und Proviantstation. Ein früher Gast war 1708 Alexander Selkirk, das Urbild des Robinson Crusoe. 1832 wurde der Archipel dann von Ecuador in Besitz genommen, und drei Jahre später machte ich mit der H.M.S. Beagle hier Station.

Nichts könnte weniger einladend sein als der erste Anblick dieser kargen, widerborstigen Welt. So empfanden es noch alle historischen Besucher, so etwa mein Kollege William Beebe, der 1923 den ersten Bestseller über die Inseln schrieb: »Als ich das Land betrat, überwältigte mich ein sonderbarer Eindruck von Hoffnungslosigkeit.« Das heutige Klischee von den Galápagos als einer sanften Idylle am Äquator stellt ein typisch neumodisches Phänomen dar. Doch ich bitte Sie: Trauminseln fast ohne Süßwasser? Tropenstrände ohne Palmen? Eine Arche Noah so gut wie ohne Säugetiere?

Wir blieben damals nur fünf Wochen, von denen ich keine drei an Land zubrachte. Dafür kamen mir die Forschungsobjekte hier buchstäblich entgegen. Handelt es sich doch um ein Land ohne Furcht, dessen Geschöpfe sich durch unsere Anwesenheit nicht im Geringsten stören lassen. Sie sehen uns allenfalls mit großen Augen an, als wollten sie fragen: »Wer bist du denn?«

Kein Feindbild, keine Fluchtdistanz – das wirkt schlicht unnatürlich. Die Seeräuber und Walfänger lachten sich denn auch ins Fäustchen angesichts der grotesk leichten Beute, die hier zu machen war. Sie massakrierten die Schildkröten zu Tausenden, verschmähten aber auch fette Leguane nicht und dezimierten die Pelzrobben fast bis zur Ausrottung. Just diese unbegreifliche Zutraulichkeit lässt freilich auch die Besucher von heute in Verzückung geraten – endlich Tiere, die uns fast so gern zu haben scheinen wie wir sie. Die uns für so herzensgut halten, wie wir es niemals sind. Und die obendrein keinerlei Kamerascheu kennen. Hier brauchen Sie kein Teleobjektiv, kein Glück, ja noch nicht einmal Geduld. Hier wird jeder Stümper zum Sielmann.

Die meisten Neuankömmlinge landen auf Baltra, setzen mit der Fähre nach Santa Cruz über und brausen dann in einem lebenden Fossil von Autobus nach Puerto Ayora. Noch bis 1926 war diese Insel unbewohnt, heute beherbergt sie die Hälfte der bald 20000 Galápagueños. Die meisten leben in Puerto Ayora, das beinah das Flair eines karibischen Fischerstädtchens besitzt, mit Yachthafen, übermütigen Teenagern und Straßencafés, in denen ein Bier mehr kostet als auf dem Festland ein Mittagessen.

Wie kamen Kakteen, Eidechsen und Heuschrecken über den Pazifik?

Unsere kleine Ausstellung in der Forschungsstation weiht Sie in die Geheimnisse des Archipels ein. Die verhältnismäßig jungen, im Westen noch aktiven Vulkaninseln verfügen nur über einen Bruchteil jener Lebensfülle und Artenvielfalt, die wir in tropischen Gefilden vorzufinden gewohnt sind. Eine Ursache dafür liegt im komplizierten Kräftespiel verschiedener Meeresströme, den Hauptgrund bildet indes die Abgeschiedenheit des Archipels: Alles Leben musste erst einmal hierher gelangen. Für Seelöwen oder Albatrosse kein Problem – aber wie kamen Kakteen, Eidechsen oder auch nur Heuschrecken über den Pazifik? Sie alle müssen einst als Treibgut gestrandet oder, wie Sporen und Samen, als blinde Passagiere der Vögel hierher verfrachtet worden sein. Hier brauchten sie sich nicht in einer engen Nische einzurichten, hier gehörte ihnen die Welt. Kakteen mutierten zu Bäumen, unscheinbare Kräuter zu wuchtigen Stauden. Aus einem grazilen, wenige Kilogramm wiegenden Urahn entwickelten sich bis zu fünf Zentner schwere Riesenschildkröten.

Im Freigelände der Station können Sie diese Ungetüme bestaunen, wie sie auf ihren Klumpfüßen durchs Gestrüpp schreiten. Sie werden hier ebenso erfolgreich nachgezüchtet wie die Drusenköpfe, feiste Landleguane mit der Haut eines Kartoffelsacks und dem stieren Blick eines Lüstlings. Bei den vermeintlichen Nisthäuschen an jeder Ecke handelt es sich übrigens um Spendenkästen – Opferstöcke des Naturschutzes.

In Hafen begeben Sie sich dann vermutlich an Bord einer der achtzig Motoryachten und Motorsegler. Die klassische Kreuzfahrt dauert acht Tage und verläuft kaum anders als unsere Sondierung mit der Beagle. Nach einem vorher festgelegten Turnus laufen Sie eine Reihe großer und kleiner Inseln an, die Sie unter der Leitung eines ausgebildeten Führers erkunden. Da Sie die größeren Strecken nachts zurücklegen, steht Ihnen eine gemütliche Odyssee bevor: Neben ein oder zwei Landgängen pro Tag bleibt zum Schwimmen und Schnorcheln ebenso Gelegenheit wie zum Faulenzen an Deck.

Wir kochten Schildkröten, sezierten Leguane, fingen Finken mit dem Hut

Ich will die Litanei der Inseln – 13 größere und an die 100 Mini-Eilande und Felsen – jetzt nicht herunterbeten, versichere Ihnen jedoch, dass keine der anderen gleicht. Einige sind flach, andere so hoch wie der Schwarzwald. Hier herrschen wüstenähnliche, dort subtropische Verhältnisse. Jede wird von anderen, ebenso arglosen wie drolligen Maskottchen bevölkert: Die Albatrosse nisten nur auf Española (dafür gleich 12000 davon), die Rotfußtölpel fast nur auf Genovesa (140000!). Seymour Norte gehört ganz den Fregattvögeln, Fernandina den Meerechsen. Und auf Bartolomé hält alles Ausschau nach den Pinguinen, die hier am Äquator anzutreffen geradezu etwas Märchenhaftes hat.

Unter Tauchern gelten die Galápagos als Geheimtipp, erweisen sie sich doch unter Wasser als nicht weniger einmalig bestückt denn an Land. Ich konnte seinerzeit nur 15 Fische fangen, doch jeder war von einer anderen, oft noch unbekannten Art, mehr Farbe als Fisch. Rochengeschwader kreuzen durch die türkisgrün schillernden Buchten, Seeschildkröten ziehen wie schwere Engel ihre Bahn. Zwischen den Felsen verstecken sich Seepferdchen und buntscheckige Harlekinbrassen, und in der Tiefe kreisen Hammerhaie. Immer wieder schießen Seelöwen heran, beglücken und beschämen die plumpen Taucher mit ihrer schwerelosen Akrobatik.

Mein Hauptinteresse auf den Galápagos war zunächst erdgeschichtlicher Natur – es geht doch nichts über Geologie. Diese Prozession von Feuerbergen inmitten des Ozeans, diese brachialen Kräfte, die überall vorherrschen, das rotschwarz erstarrte Inferno auf Isabela etwa, das alles zog mich an.

Das Sammeln von Tieren und Pflanzen war zunächst bloße Routine. Die Legende will es, dass ich dabei die Erleuchtung empfangen und ausgerechnet am Ende der Welt die Weltformel gefunden hätte. In Wahrheit beging ich erst einmal eine Reihe von Fehlern. Obwohl mir die Kolonisten etwa berichteten, dass die Schildkröten der jeweiligen Inseln nicht nur unterschiedlich geformt wären, sondern sogar anders schmeckten, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass hier auf jedem Eiland andere Spielarten ein und derselben Stammform vorkommen. Jene Darwin-Finken etwa, die heute in keinem Biologiebuch fehlen, hielt ich anfangs gleichsam für Amsel, Drossel, Fink und Star, so sehr divergieren sie äußerlich. Andere Arten wiederum vermochte ich nicht auseinander zu halten, so sehr ähneln sie einander. Ich packte alle in eine Schachtel. Erst in England eröffnete mir ein hinzugezogener Spezialist, dass es sich um verschiedene Arten handelte. Diese Scharte wollte ich auswetzen, und so gerieten die anfänglichen Schnitzer zu den fruchtbarsten Fehlern meines Forscherlebens. So viel zur Evolution der Evolution.

Ich war angetreten, das »Rätsel aller Rätsel« zu ergründen, das Auftauchen neuer Arten. Aber erst ein Vierteljahrhundert nach meiner Reise auf der Beagle rang ich mich schließlich, von Skrupeln gehemmt und von immer neuen, aufregenden Problemen gefangen genommen, dazu durch, mein grundlegendes Werk über den Ursprung der Arten zu veröffentlichen. Es erklärt die Entwicklung allen Lebens aus sich selbst heraus, mittels Mutation, Anpassung an die Umwelt und natürlicher Auslese. Eine entscheidende Rolle bei der Herausbildung neuer Arten spielt ihre Isolation. Und wahrhaftig, die Galápagos lehrten mich, was Isolation bedeuten kann.

Für fast alles, was wir auf unseren Streifzügen unternahmen, würden wir heute umgehend arretiert: Wir kochten Schildkröten, sezierten Leguane, knüppelten Falken vom Ansitz und fingen Finken mit dem Hut. Mittlerweile wird der Besucherverkehr streng reguliert. Denn die größte Gefahr für die Galápagos bilden die eingeschleppten Menschen. Wobei die Touristen sich heutzutage weitgehend zu benehmen wissen. Mehr zu schaffen macht den Inseln der Zustrom neuer Siedler, darunter arme Teufel aus dem Hochland, die nicht einmal schwimmen können. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Bevölkerung verdoppelt und mit ihr verdoppelten sich Müll, Abwasser, Verkehr und Landverbrauch. Auch die Fischer machen uns zunehmend Ärger. Vor den Risiken durch eingeführte Nahrungskonkurrenten, Raubtiere und Krankheiten schließlich habe ich damals schon gewarnt. Und die verheerende Gefräßigkeit von Ziegen, Hunden, Ratten & Co. hat meine Befürchtungen bestätigt. Nicht von ungefähr las ich damals auf der Beagle Miltons Paradise Lost.

Der Tourismus ließ die Galápagos zu Ecuadors neuem Eldorado werden. Bis dahin bildeten sie höchstens ein Paradies für Misanthropen und zogen bevorzugt schräge Vögel an, Aussteiger, Desperados und frohgemute Pioniere. Ob Menschenschinder oder Weltverbesserer, je inbrünstiger sie zu Werke gingen, desto schmählicher scheiterten sie. Die Namen ihrer Kolonien – Progreso, Esperanza oder Asilo de Paz – klingen da wie Hohn. Galápagos, das war keine Verheißung, sondern ein Verdikt.

Am längsten hatten noch die Gefängnisse Bestand. Isabela etwa diente bis 1959 als Strafkolonie. Davon zeugt die monumentale »Mauer der Tränen«, eine unvollendete Bau- und vor allem Strafmaßnahme. Dieser Albtraum aus schwarzen Lavabrocken ragt mitten in idyllischem Buschland auf – ein Sinnbild der Sinnlosigkeit. Mit etwas Glück begegnen Sie hier dem alten Don Jacinto, dem früheren Gefängnispfarrer, einem echten, zähen Insulaner, einem Rebellen und Pionier. Nachdem er auf endlosen Strandwanderungen mit sich, Gott und der Welt gehadert hatte, brach der ehemalige Franziskaner mit der Kirche und heiratete eine Einheimische.

Im selben Jahr, 1959, als die Strafkolonie aufgelöst wurde, erklärte Ecuador die Galápagos zum Nationalpark. Äußerer Anlass war das 100-jährige Jubiläum des Erscheinens meines Hauptwerks. Wenig später sattelte Don Jacinto um und wurde zu einem der ersten und eifrigsten Mitarbeiter der Forschungsstation. Niemand verkörpert besser als er diese erstaunliche Evolution der Galápagos: vom Niemandsland zum Naturheiligtum und von der Strafkolonie zum Streichelzoo der Schöpfung.

Information

Anreise: Zum Beispiel mit Iberia oder KLM nach Quito, derzeit ab 800 bis 850 Euro. Von Quito und Guayaquil aus fliegt TAME mehrmals täglich für 390 US-Dollar auf die Galápagos-Inseln

Unterkunft: Auf Santa Cruz das idyllische, freilich etwas überteuerte Red Mangrove in Puerto Ayora, Tel. 00593-5/527011, www.redmangrove.com (Doppelzimmer ab 100 US-Dollar). Auf Isabela die mediterran anmutende Casa de Marita in Puerto Villamil, Tel. 00593-5/529238, www.galapagosisabela.com (Doppelzimmer ab 70 US-Dollar). Bei einem Zwischenaufenthalt in Quito das Hotel Mercure Alameda, Roca 653 y Av. Amazonas, Tel. 00593-2/2562345, www.mercure.com (Doppelzimmer um 90 US-Dollar)

Veranstalter: Das kleine Schweizer Unternehmen Tucán Travel ist seit 15 Jahren auf Ecuador und die Galápagos-Inseln spezialisiert und unterhält auch eine eigene Filiale in Quito. Bahnhofplatz 1, CH-8001 Zürich, Tel. 0041-1/2111616, info@tucan.ch

Studienreisen nach Ecuador/Galápagos unter anderem von Windrose, Neue Grünstraße 28, 10179 Berlin, Tel. 030/2017210, www.windrose.de: 19 Tage »Galápagos Spezial«, davon 15 Tage Kreuzfahrt, Grundpreis inklusive Flug, Verpflegung, Reiseleitung 4995 Euro. Nächster Termin: 31. Juli bis 18. August (Saisonzuschlag 220 Euro)

Literatur: Charles Darwin: »Sind Affen Rechtshänder?«. Aus den Notizbüchern; Friedenauer Presse, Berlin 1998; 192 S., 19,50 Euro. Wolfgang Bittmann/Brigitte Fugger: Reiseführer Natur »Galápagos«. BLV Verlag, München 2002; 159 S., 15,95 Euro

Auskunft: Botschaft der Republik Ecuador, Kaiser-Friedrich-Straße 90, 10585 Berlin, Tel. 030/2386217, kanzlei@botschaft-ecuador.org , www.botschaft-ecuador.org

 
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