Um kurz vor halb eins am Donnerstagmittag vergangener Woche, nachdem der Bundestag gerade die Immunität Jürgen W. Möllemanns aufgehoben hatte, klingelte Oberstaatsanwalt Heinrich Stenert bei Familie Möllemann in Münster. Der Beamte traf auf die Haushälterin und eine von Möllemanns Töchtern. Die schien nicht überrascht. Seit dem Morgen schon warteten vor dem Haus Journalisten darauf, dass etwas geschieht. Stenert bat die Tochter, ihre Mutter zu informieren, die an einer Schule in der Nähe unterrichtete. Noch bevor Möllemanns Ehefrau zu Hause eintraf, klingelte dort das Telefon. Die Tochter nahm ab. Ein Redakteur einer Nachrichtenagentur erkundigte sich: Stimmt es, dass Jürgen Möllemann einen Fallschirmsprung nicht überlebt habe?

Seit einem halben Jahr ermittelten Staatsanwalt Stenert und seine Düsseldorfer Kollegen gegen Möllemann. Vier Verfahren haben sich angesammelt, seit Möllemann im vergangenen September acht Millionen Exemplare seines umstrittenen Wahlkampfflugblatts in Nordrhein-Westfalen verteilte. Steuerhinterziehung, Untreue, Betrug und Verstoß gegen das Parteiengesetz. Die offizielle Version. Inoffiziell geht es um einen älteren Verdacht: Möllemann, fast zwanzig Jahre lang Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, könnte an schmutzigen Geschäften im Nahen Osten beteiligt sein. Schlimmer noch: Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister, der 1991 im Bundessicherheitsrat für die Lieferung von 36 deutschen Fuchs-Spürpanzern an Saudi-Arabien gestimmt hatte, könnte persönlich von diesem Geschäft profitiert haben.

Das erste Mal stießen die Strafverfolger Anfang der achtziger Jahre auf den Namen Möllemann, als sie im ersten großen Parteispendenskandal der Republik die Gehaltslisten der Firma Flick untersuchten. Möllemann war dort von 1978 an ein Jahr lang als Direktionsassistent eines Tochterunternehmens geführt worden, mit 60000 Mark Jahresgehalt und einem Dienstwagen – was auf eine ungewöhnliche Nebentätigkeit schließen ließ. Der Bundestagsabgeordnete Möllemann war damals erst 32 Jahre alt. Neben seiner politischen Karriere entwickelte er schon früh einen Sinn fürs Geschäftliche. Anfang der achtziger Jahre gründete er eine Werbeagentur und war stiller Gesellschafter einer Consultingfirma. Seit 1995 bezahlte ihn auch Leo Kirch als Berater, bis zum Sommer vorigen Jahres soll Möllemann insgesamt zwei Millionen Mark bekommen haben – "für politische Arbeit in Brüssel", wie ein ehemaliger Freund des gestürzten Medienfürsten der ZEIT erklärte.

36 Panzer für die Saudis

Politisch lief für Möllemann zunächst alles wie am Schnürchen. 1982, nach dem Regierungswechsel in Bonn, wurde er Staatsminister im Auswärtigen Amt, später Bildungsminister. 1991 wurde Möllemann vor dem Plenum des Deutschen Bundestags als Wirtschaftsminister vereidigt – einen Tag nachdem die alliierten Streitkräfte unter amerikanischer Führung den Irak angegriffen hatten. Kaum im Amt, musste Möllemann eine der schwerwiegendsten Entscheidungen seiner Karriere treffen. Hinter den Kulissen wurde heftig um ein spektakuläres, 446 Millionen Mark umfassendes Rüstungsgeschäft gerungen.

Seit mehreren Monaten bemühte sich die Firma Thyssen Henschel um eine Genehmigung für die Lieferung von Fuchs-Spürpanzern an Saudi-Arabien. Aber die Bundesregierung, die dem Waffenexport zustimmen musste, tat sich schwer mit der Entscheidung. Das Auswärtige Amt unter Hans-Dietrich Genscher sperrte sich gegen die Ausfuhr von deutschen Panzern in die Krisenregion. Auch das Wirtschaftsministerium meldete Bedenken an. Erst unter dem Eindruck des Kriegsbeginns – und nach Möllemanns Wechsel an die Spitze des Wirtschaftsministeriums – änderte sich die zögerliche Haltung. Am 14. Februar 1991 notierte der neue Minister auf einem internen Vermerk: "Ich stimme zu und bitte, das BM Genscher mitzuteilen!" Am 27. Februar genehmigte der Bundessicherheitsrat, der bei Rüstungsexporten das letzte Wort hat, die Lieferung von 36 Fuchs-Spürpanzern an Saudi-Arabien – mit den Stimmen der FDP-Minister Genscher und Möllemann.

Auf den ersten Blick war das Votum Möllemanns wenig verwunderlich. Schon als Mitglied des Verteidigungsausschusses und als Staatsminister im Auswärtigen Amt hatte er sich offensiv für Rüstungsexporte eingesetzt – insbesondere für die lange Zeit umstrittene und schließlich gescheiterte Lieferung des Panzers Leopard II an Saudi-Arabien. "Leo", argumentierte Möllemann damals, müsse man auf Arabisch lesen, von rechts nach links: Oel. Verständnisvoll notierte er noch Anfang dieses Jahres in seinem Buch Klartext, wie verärgert die Saudis damals reagierten, als erst Helmut Schmidt und später auch Helmut Kohl das Geschäft verhinderte. Nein, verdächtig erschien Möllemanns Rolle bei dem Panzergeschäft 1991 erst, als dabei der Name Rolf Wegener auftauchte.

Bereits 1984 hatte der Spiegel ausführlich über die Kontakte zwischen dem Geschäftsmann Wegener und Möllemann berichtet. Später schrieb die Süddeutsche Zeitung von der "Geschichte einer wunderbaren Freundschaft". Möllemann selbst äußerte sich öffentlich nicht über den Geschäftspartner Wegener. Überhaupt wurde der beredte Selbstdarsteller sehr wortkarg, wenn die Rede auf seine Geschäfte kam. Wegener wiederum meidet die Öffentlichkeit aus Prinzip, weshalb man bei allen Informationen über diese "wunderbare Freundschaft" auf die Erzählungen Dritter angewiesen ist – und auf die Erkenntnisse der Ermittler.