Der 20. April ist kein Tag wie jeder andere. Der 20. April ist der Geburtstag Adolf Hitlers. Und es ist der Tag, an dem man als Leser der österreichischen Kronen Zeitung jahrelang darauf gefasst sein musste, dass sich Redaktionsdichter Wolf Martin etwas Besonderes hatte einfallen lassen. Er reimte 1994: "Ich feiere, wenn man mich läßt, / heut jenes Adolfs Wiegenfest, / der einst in unserem schönen Land / an allererster Stelle stand" – um erst in der letzten Zeile klarzustellen, von welchem Adolf er da redete, dem sozialdemokratischen Bundespräsidenten Adolf Schärf.

Nein, nicht dass die österreichische Boulevardzeitung auf die Idee gekommen wäre, Herrn Hitler hochleben zu lassen – das würde niemandem dort einfallen. Das tägliche Gedicht, dieser Leitartikel in Poesiealbumformat, dient einem anderen Zweck: Es soll die kalten Themen aus Geschichte und Politik in kleine, liebe Sprüche verwandeln, in Familienwitzchen, die nur missverstehen kann, wer sie missverstehen will. Wie ernst die Fragen, wie mies die Unterstellungen dieser Lyrik auch sein mögen – kaum schlägt Wolf Martin die Leier, sieht sich der Leser in eine Kinderwelt versetzt, die bevölkert ist von Regierungerln, Kriegerln und Inflationerln – und einer Tageszeitung, die ihm die große weite Welt aufs Schema von Gut und Böse zurechtfabuliert: "Im Zweifelsfalle sicherlich / bin für die USA auch ich. / Denn besser noch von Bush beengt / als von den Mullahs aufgehängt. / Und lieber noch konzerngepeinigt / als von den Taliban gesteinigt."

Während Wolf Martin fürs Aufhängerln zuständig ist, kümmert sich Maggie Entenfellner, die Redakteurin der Tierecke , um die Hunderln, ein Professor Reinald Hübl um das Menschlich betrachtet , der Herr Dr. Zilk um… So könnte man sie nun alle zum Gruppenfoto bitten, die lieben Menschen von der Krone, sie porträtieren, wie sie sich für ratsuchende Leser einsetzen, 50 Zeilen mit Gott versuchen und Komplexes einfach erklären. Es gäbe das Bild einer bunten Großfamilie, auf dem sogar für einen Exzentriker wie Robert Löffler Platz wäre, der sich in einer Kolumne schon mal Ludwig van Beethoven und "dem Hodensacke" widmet.

Das Blatt ist eine Bauchgeburt, und aus dem Bauch Österreichs steigt manche Blase auf

Der Wiener Essayist Franz Schuh meint: "Die Grundpfeiler des Kronen-Zeitung -Journalismus sind seine beständige Familialisierung, seine Intimisierung der Öffentlichkeit und seine Aggressivität." Großmeister auf diesem Gebiet war ein gewisser Richard Nimmerrichter, der 37 lange Jahre täglich eine Kolumne verfasste, deren ausgewählte Lektüre einen selbst heute noch, da der Mann seit zwei Jahren Vergangenheit ist, in Aufregung versetzt. Nimmerrichter hat keinen würdigen Nachfolger gefunden, dafür ist die Grundbereitschaft, ausfällig zu werden, ins gesamte Blatt diffundiert. In die Titelzeilen, die Kommentare des Herausgebers, die Kolumnen und hinten, in die Tiefen des Regionaljournalismus, ohnehin.

In der Wahl ihrer Opfer ist die Krone nicht originell, die obligaten Ausländer gehören ebenso dazu wie politische Gegner, Künstler oder Mitbewerber. Genauso unoriginell sind die Ausdrücke, mit denen sie belegt werden: "Sozialschmarotzer", "Humanitätsdilettanten", "Kryptokommunisten", "linksfortschrittliche, gackerlgrüne und klerikale Kreise", "Altpapier". Diese Mischung aus treuherzigen Familiengeschichten, grimmigem Gebelle, xenophoben Ausfällen und kautziger Kolumnistenprosa ist natürlich nichts Besonderes. Sie gehört zur klassischen Möblierung eines Boulevardblatts, wie es auf dieser Welt unzählige gibt.

Die Krone wäre nicht der Rede wert, erschiene sie in einem großen, weiten Land mit viel Luft zum Atmen, einer richtigen Metropole, dem Sound einer funktionierenden Öffentlichkeit, einem guten Kartellgesetz und ein paar Konkurrenten. Das ist aber nicht so. Die Krone erscheint in Österreich, und dieses Österreich, das im Grunde nur aus Wien besteht, ist klein, und wie es kleine Länder so an sich haben, herrscht in ihnen eine drangvolle Enge mit all ihren Vor- und Nachteilen. Man kennt, verdrängt, braucht einander. Und man kann einander nicht aus dem Weg gehen.

Einer, der seit Jahrzehnten geübt ist, sich in dieser Enge zu bewegen und ihr immer wieder Dinge abzutrotzen, die niemand für möglich gehalten hätte, ist Oscar Bronner. Der 60-jährige Wiener gründete das österreichische Pedant zum Spiegel , das profil. Und er gründete den Standard , eine Tageszeitung, die es eigentlich nicht geben dürfte in diesem Österreich ohne liberale Tradition. Jetzt sitzt Bronner im Wiener Café Central und ist es müde, über die Krone nachzudenken, weil er das schon seit Jahrzehnten tun muss. Dann sagt Bronner aber doch etwas: "Das Schreckliche für Österreich ist weniger, dass die Krone ist, wie sie ist, sondern dass sie Alleinherrscherin auf weiter Flur ist."