Medien Mit Gott für Viecherl und VaterlandSeite 4/4
Die größte und bislang letzte Erschütterung erlebte die Krone , als Dichand seine Nachfolge als Chefredakteur regelte. In klassisch autokratischer Art informierte er Anfang des Jahres, er habe einen geeigneten Kandidaten gefunden. Eine Entscheidung, die die WAZ nicht nur deshalb unakzeptabel fand, weil sie nichts davon wusste, sondern auch wegen der erwählten Person. Es war sein Sohn Christoph. In der Folge vollzog die WAZ in aller Öffentlichkeit die Trennung. Nach Jahren, in denen die WAZ die Absonderlichkeiten der Krone stillschweigend akzeptiert hatte, glänzten ihre Aussagen plötzlich durch Schärfe: Die Krone sei „kein monarchisches System“, der Sohn Dichands „Jurist, kein Journalist“ und daher „nicht geeignet, diese schwierige Aufgabe und Nachfolge anzutreten“. Zudem gehöre die Krone „zu den schlechtestverdienenden Zeitungen in der Gruppe“, wofür „Herr Dichand verantwortlich“ sei, dessen Zeit in den Führungspositionen der Krone „abgelaufen“ sei, „nicht nur weil er 82 Jahre alt ist, sondern weil wir der Meinung sind, dass er die Zeitung nicht gut geführt hat“. Dichand antwortete mit der Verkündung eines deutsch-österreichischen Glaubenskriegs, in dem ihm willfährige österreichische Politiker beisprangen: „ Kronen Zeitung muss in österreichischer Hand bleiben!“
Mittlerweile haben zwar beide Parteien ihren Streit offiziell beendet, doch die Binnenverhältnisse sind komplizierter denn je: Vater Hans zog sich aus der Chefredaktion zurück, sein Sohn durfte an seine Stelle treten, bekam aber einen altgedienten (österreichischen) Krone- Redakteur als geschäftsführenden Chefredakteur an die Seite gestellt, den die WAZ aus einer von Dichand senior vorgelegten Liste hatte auswählen dürfen. Der ehemalige Chefredakteur Dragon wiederum wurde von der WAZ als „Einzelprokurist“ wieder ins Verlagshaus entsandt.
Diese Konstellation gleicht mehr einer Schlachtordnung denn einer harmonischen Gruppe, die sich daranmacht, das Kunstwerk Krone zu erhalten. Während die profilierten Redakteure auf dem Weg in die Pension sind, fehlt es dem neuen Chefredakteur Dichand junior nicht nur an Erfahrung. Schwerer wiegt, dass es kaum eine persönliche Eigenschaft zu geben scheint, die ihn dafür prädestiniert, ein Medium wie die Krone zu leiten. Zurückhaltend sei er und kultiviert, ein Mann, der es genieße, anonym zu bleiben, Taucher, Segler, Porsche-Fahrer, Gemäldesammler, erfolgreicher Geschäftsmann. Das sagt der Verleger der Medienzeitschrift ExtraDienst, Christian Mucha. Mucha ist einer der wenigen, die den 38-Jährigen näher kennen gelernt haben und denen gegenüber er sich erklärt hat. „Die Lust daran, Macht auszuüben, wie das der alte Dichand tut, habe ich an ihm noch nicht entdeckt“, beschreibt ihn Mucha, „vielleicht kommt er noch auf den Geschmack. Derzeit sehe ich freilich, dass er ihn als schal empfindet.“ Und dann meint er noch: „Der junge Dichand erfüllt die Rolle des Chefredakteurs wie die eines Thronfolgers. Er sagte mir: ,Die Familie hat beschlossen, dass ich es mache. Also mache ich das.‘“
Welche Ironie des Schicksals! Hätte die WAZ nur gekonnt, wie sie wollte, säße heute auf dem Stuhl des Krone- Chefredakteurs ein zweiter Dichand: jung, dynamisch, pragmatisch, ein neuer Meister des Boulevards, der die bittersüße seelische Pein der Österreicher um ein paar Jahrzehnte prolongiert hätte. So aber sitzt dort, unsichtbar und still, ein junger Dichand, der über „Persönlichkeitsschutz im Mediengesetz“ promovierte und eher geeignet scheint, eine seriös-verschnarchte Wirtschaftszeitung zu leiten denn ein Blatt wie die Krone . Vielleicht also wird es bald nicht mehr wiederzuerkennen sein. Und mit ihr die Seelenlage der Österreicher.
- Datum 12.06.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.06.2003 Nr.25
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