Roman Ein Chor von Stimmen, die sich ins Wort fallen

Der Schriftsteller Peter Kurzeck setzt seine erstaunliche Romanserie fort

Peter Kurzeck schreibt zeit seines Lebens an einem einzigen Buch. Er veröffentlicht dieses Buch stückweise, mit in sich geschlossen scheinenden Einzelausgaben, doch wenn man näher hinschaut, merkt man, dass sowohl der Anfang als auch der Schluss offene Ränder hat. Sie knüpfen an etwas an, was schon da war oder noch kommen wird. ist mittlerweile das sechste Buch Kurzecks, der seit der Veröffentlichung seines ersten Buches im Jahr 1979 zu den Ausnahmeerscheinungen der deutschen Gegenwartsliteratur gehört.

Das neue Buch wird als der zweite eines auf vier Bände angelegten autobiografischen Romans angekündigt, doch autobiografisch war immer schon alles, was Kurzeck geschrieben hat. Der erste Band des Projekts, Übers Eis aus dem Jahr 1997, spielte im Januar 1984, Als Gast nun im März 1984. Bei Kurzeck ist immer alles gleichzeitig da und löst sich in vielen, bis ins Detail ausgeschilderten Alltagsbeobachtungen auf. Obwohl das Jahr 1984 den Rahmen bildet, nimmt das Jahr 1948 einen breiten Raum ein. Und auch die Gegenwart schiebt sich dazwischen, der Moment des Schreibens, der nicht benannt wird, aber alles bestimmt.

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Der völlig mittellose Ich-Erzähler zieht nach der Trennung von seiner Freundin Sibylle und der gemeinsamen Tochter Carina in ein kleines Frankfurter Dachgeschoss ein. Der Rhythmus des Lebens wird von der Tochter bestimmt. Er holt sie vom Kinderladen ab, er geht mit ihr durch die Straßen, er gibt sie wieder ab: ein Ritual, das das Leben skandiert. Das führt zu wunderbar kleinteiligen Beschreibungen des Frankfurter Alltags jener Tage, der stillen Straßen des Westends mit alten Schreibwarenläden und Kiosken. Aber auch Fußgängerzonen und die Einkaufsszenerien zwischen Konsum und Outdrops haben es dem Erzähler angetan, die Konstablerwache und die Zeil. Bei seinen Beobachtungen fällt er sich immer selbst ins Wort – haben die Bier trinkenden Kumpel am Stehtisch in der Unterführung nun Streit, oder hat jeder nur seine eigene Meinung? –, doch währenddessen entsteht ein filmisch-naturalistisches Porträt dieser Spezies, das in seiner Genauigkeit wie von selbst einen Zug ins Absurde und Groteske bekommt.

Als Flüchtlingskind kam der Erzähler, der wie sein Erfinder 1943 geboren wurde, in einem hessischen Dorf am Vogelsberg an. Und die Bilder dieses Dorfes nach dem Krieg, aufgenommen im Kindesalter, mischen sich mit denen von der Frankfurter Wohnung in der Eppsteiner Straße. 1948 und 1984: diese beiden Jahre werden kurzgeschlossen, es ist dieselbe Spiegelung wie bei George Orwell – doch mit gesellschaftlichen Analysen, Utopien oder Anklagen hat Kurzecks 1984 nichts zu tun. Es geht vor allem darum, aufzuschreiben, was ist. Das Sprachbewusstsein Kurzecks rührt von der Konfrontation des jungen Flüchtlingskindes, das einen österreich-böhmischen Dialekt sprach, mit dem Hessischen her. Mit dem fremden Blick, der überscharfe Konturen entwickelt, stellt sich der Alltag dar: Schule, Handwerker, Bauern. Die Frau des Schuldieners, die den Häschen etwas zu fressen bringt, tritt vor die Augen wie eine Fotografie, der Sonntagsspaziergang der Hausfrauen wird genauestens geschildert, und einmal, als der Erzähler Badewasser einlässt, erinnert er sich daran, wie damals in einem großen Kessel Dampfkartoffeln gekocht wurden, wie man sie mit den Händen aß und das Salzfass von Hand zu Hand wanderte.

Es ist ein mitleidloser Blick. Die viereinhalbjährige Tochter 1984 und das junge Flüchtlingskind nach dem Krieg sind durch die Zeit, die dazwischen liegt, nicht getrennt – das Schreiben stiftet eine gemeinsame Erfahrungswelt.

Die einzelnen Sequenzen wechseln sich nach einem losen Assoziationsprinzip ab und springen in den Zeitabläufen unbeirrt hin und her. Genauso gibt es zwischen den Subjekten, die in den verschiedenen Erzählketten ins Blickfeld treten, keine Grenzen. Sie sind nichts weiter als Stimmen, die sich im Text sammeln, und zu diesen Stimmen treten mitunter Dinge, die sich beleben: Kurzeck kann unvermittelt ein Mauerwerk sprechen lassen oder ein Stofftier. Im Schriftbild gibt es keine An- und Abführungsstriche, keine Dialoge, sondern ein ununterbrochenes Kontinuum von Stimmen, die einander ins Wort fallen – das Ich ist nur eine davon.

„Schreiben, immer von der Hand in den Mund“ heißt es einmal – das bezieht sich auf die Lebensumstände, in denen der Schriftsteller „als Gast“ untergekommen ist und sich von Lesung zu Lesung durchschlägt. Es bezieht sich aber auch auf das Schreiben. Einen beträchtlichen Raum nimmt die Schilderung ein, wie in jenem zurückliegenden Jahr 1984 der Erzähler ein Buch schreibt, das mittlerweile längst veröffentlicht worden ist.

Das Erstaunlichste am Erzähler Kurzeck, der scheinbar inbeirrt von den Zeitabläufen seit Jahrzehnten sein Schreiben vorantreibt, ist die akute Zeitgenossenschaft, die sich in der Musikalität seiner Bücher ausdrückt. In der Gleichberechtigung aller Stimmen, in der immer gleich hohen Energiedichte dieser Texte gibt es Gemeinsamkeiten zur aktuellen elektronischen Musik: Das Hören der kleinen Unterschiede wird zur eigentlichen, unverwechselbaren Erfahrung, zu einem eigenen Genuss – Lesen ist hier fast so wie Musikhören, die Dinge werden wiederholt und leicht moduliert.

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  • Serie belletristik
  • Quelle (c) DIE ZEIT 12.06.2003 Nr.25
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  • Schlagworte Roman | Chor | Literatur | George Orwell | Westend | Fotografie
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