lebenszeichen Gott, gib uns schöne Socken
Harald Martenstein entdeckt, dass Kirchentagsbesucherinnen sexy sind
Während des ökumenischen Kirchentages hatten wir einen Pfarrer als Schlafgast. Beim Abendbrot erzählte er: »Wisst ihr, dass der junge Günther Jauch wegen einer Kirchentagsreportage mal fast den Job verloren hat? Er war live auf Sendung und hat sinngemäß gesagt: ›Hey Leute, ich bin hier auf dem Kirchentag, das merke ich daran, dass um mich herum tausend Frauen sind, und keine finde ich attraktiv.‹ Da hieß es, er hätte auf widerliche Weise religiöse Gefühle verletzt, außerdem sei es sexistisch. Die Kirche, die Linken und auch die Feministinnen waren wütend, aber, ha, ha, er hat ja Recht gehabt, obwohl, heute ist es in Hinsicht auf attraktive Frauen bei uns besser geworden.«
Ich dachte: »Schau an, die Pfarrer von heute.«
Aber warum es religiöse Gefühle verletzt, etwas Negatives über die Attraktivität von Kirchentagsbesucherinnen zu sagen, verstehe ich nicht. Erstens ist so was Geschmackssache. Und wäre es aus kirchlicher Sicht etwa wünschenswert, wenn Günther Jauch öffentlich erklärte: »Den Anblick von engagierten Christinnen finde ich sexuell erregend«? Das würde die Kirche auch nicht gern hören. Oder ist es etwa grundsätzlich verboten, Christentum und sexuelle Gedanken in einen Zusammenhang zu bringen? Das hieße, wegzuschauen, einen Aspekt des Lebens totzuschweigen. Wegschauen, totschweigen – wir in Deutschland haben geschworen, genau das nie wieder zu tun.
Dann war ich auf dem Kirchentag. Ich habe versucht, die Katholischen von den Evangelischen an der Optik zu unterscheiden. Generell kann man sagen, dass die Katholischen dicker sind als die Evangelischen. Sehr viele Evangelische tragen lange Haare, Zottelbart und Birkenstock-Schuhe, wie damals die Alternativbewegung. Man denkt »Christen tragen Birkenstock, ein Klischee«, aber es ist wirklich so. Mit »Zottelbart« meine ich, dass sie keine Menjoubärtchen tragen, denn das wäre ja im weitesten Sinne hip.
Engagierte Christen sind nicht unattraktiver als Atheisten oder Muslime, im Gegenteil, es ist für jeden Geschmack etwas dabei, sie sind nur dreißig Jahre zurück. Engagierte Christen achten grundsätzlich nicht auf ihre Sockenfarbe, wie früher fast alle. Dabei möchten sie durchaus gefallen. Sie stehen nicht auf dem Standpunkt, dass alles Irdische Tand sei, nein, sie brezeln sich mit Ohrringen, Siegelringen und Rüschenblusen auf, es ist aber fast alles siebzigerjahremäßig.
Unser Pfarrer meint, dass sich für das Ignorieren der Sockenfarbe kein Anhaltspunkt in der Bibel findet. Die Bibel sei im Grunde nicht modefeindlich, sie sei auch nicht gegen das Setzen von sexuellen Signalen. Es heißt ja ausdrücklich »Mehret euch«, ein Vorgang, bei dem Äußerlichkeiten oft nützen. Andererseits sind fette goldene Armbanduhren ein nahezu untrüglicher Hinweis auf Zugehörigkeit zum islamischen Glauben, und meine Gewährspersonen versichern mir, dass es nirgendwo im Koran heißt: »Tragt extrem hässliche Armbanduhren, und ihr werdet das Paradies sehen.« Wahrscheinlich gibt es eine geheime gemeinsame Erklärung des Gottes der Christen und des Gottes der Muslime. »Ihr, die ihr Uns folgt, sollt fragwürdige Socken tragen und lächerliche Uhren, ihr sollt allerlei Spott erdulden müssen, aber im Himmelreich werden Wir euch zum Lohne komplett neu einkleiden, eure alte Garderobe aber wird in die Hölle zu den Heiden geschickt, und es wird Heulen und Zähneklappern sein bei denen.«
- Datum 27.07.2006 - 05:05 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.06.2003 Nr.25
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