FDP Eine Überdosis Politik: Der Fall Möllemann
Ein deutscher Meister der medialen Selbstinszenierung sprang aus einem Flugzeug und starb beim Aufprall. In seinem öffentlichen Leben hat der Populist Jürgen Möllemann Standpunkte dem Spektakel geopfert. Damit eilte er seiner Partei, der FDP, voraus
"Unser Freund Jürgen Möllemann ist tot." Möllemanns Parteifreund Wolfgang Kubicki hat diese Zeitungsanzeige aufgegeben. Die Reaktion der FDP stand ein paar Zentimeter daneben. Ein schwarzer Rahmen, darin ein verschachtelter Satz, in der Mitte die Worte ein Leben, am Ende die Freie Demokratische Partei, dazwischen Rückschläge. Technokratischer hätte man die Trauer nicht ausdrücken können. Die erboste Witwe Carola Möllemann hat die Kondolenzbriefe der FDP-Funktionäre Westerwelle und Pinkwart ungeöffnet zurückgeschickt. Kubicki sagt: Bei mir melden sich den ganzen Tag Parteifreunde, die fragen, ob sie bei der Beerdigung erwünscht sind. Wer diese Frage stellen muss, hat sie schon beantwortet. Was von Jürgen Möllemann bleiben wird? Der Streit um seine Person jedenfalls geht über den Tod hinaus.
Wahrscheinlich wäre Jürgen Möllemann heute noch am Leben, hätte es im Mai 2002 die Karsli-Affäre nicht gegeben. Damals holte der nordrhein-westfälische FDP-Vorsitzende den Landtagsabgeordneten der Grünen in die Düsseldorfer FDP-Fraktion. Karsli hatte sich hemmungslos über Israel geäußert. Und Jürgen Möllemann begann mit dem antisemitischen Tabu zu spielen. Die Wogen schlugen hoch. Aber Möllemann ließ sich nicht beeindrucken, im Gegenteil. Statt seinen Fehler zu revidieren, wiederholte er ihn. Er kritisierte auf infame Weise Michel Friedman. Und er brachte unmittelbar vor der Bundestagswahl ein Flugblatt millionenfach unter die Wähler, in dem noch einmal Ariel Scharon, Michel Friedman und die israelische Politik angegriffen wurden. Hatte er wirklich geglaubt, für seinen letzten goßen Anlauf zur Macht alle Möglichkeiten ausreizen zu müssen?
Vielleicht hat sich das Leben von Jürgen Möllemann stets um die Frage des angemessenen Ortes gedreht. Vielleicht machte er deshalb meist diesen ruhelosen, leicht flackernden Eindruck. Immer jedenfalls gab es ein Ziel, das er ins Auge fasste, einen Platz, den er für sich beanspruchte und um den er kämpfte. Jürgen Möllemann war ein hartnäckiger Kämpfer, wenn es darum ging, sich mit seinen Ansprüchen durchzusetzen. Oder zu scheitern.
Ganz zu Anfang seiner Bonner Jahre hatte das alles noch etwas Jugendlich-Spaßiges. „Zu meinem Bedauern muss ich Ihnen heute mitteilen“, schrieb da der Parlaments-Neuling an Bundestagspräsidentin Annemarie Renger, „dass ich mich aus organisatorisch-technischen Gründen außerstande sehe, mein Mandat als Abgeordneter des 7. Deutschen Bundestages in angemessener Weise wahrzunehmen.“ Der FDP-Neuzugang vermisste sein Abgeordnetenbüro. Er musste bei einem Kollegen gastieren, weil die stark geschrumpfte Unions-Fraktion nur widerwillig auf angestammte Räume verzichten wollte. Es überrascht nicht, dass der Brief damals schnell den Weg an die Öffentlichkeit fand. Allzu lange wollte Jürgen Möllemann eben nicht damit warten, sich in Bonn bekannt zu machen. Und am Tag nach Willy Brandts Regierungserklärung am 20. Januar 1973 erhielt auch der 27-Jährige sein eigenes Büro.
Seither gehörten die Platzkämpfe Möllemanns zum politischen Alltag der Bundesrepublik. Drei Jahrzehnte lang: vom einfachen Abgeordneten zum Minister bis zum Vizekanzler unter Helmut Kohl. Und dann der lange Weg zurück. Mit immer neuen Anläufen, hochfliegenderen Ambitionen und tieferen Abstürzen. In diesen Jahren ist Jürgen Möllemann für die deutsche Politik zum Phönix aus der Asche geworden. Randständigkeit war ihm eine schwer erträgliche Vorstellung.
Noch bevor er mit Politischem auf sich aufmerksam machte, stach bereits der Spaß des Jungpolitikers an Spektakel und Selbstinszenierung hervor. Schon 1972 warb Jürgen Möllemann mit dem Fallschirm für seine politische Karriere. Er machte Wahlkampf zu Pferde, zu Wasser oder als Flugblatt verteilender Dauerläufer: Er musste eben „Popularitätsdefizite ausgleichen“.
Er wurde zum Inbegriff des ungeniert PR-orientierten Politikers, der unterhaltsam-provokativ und witzig, gelegentlich aber auch nur laut und marktschreierisch daherkam. Das bescherte ihm früh eine paradoxe Erfahrung: Die Prominenz, die ihm seine rastlose Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache eintrug, gefährdete zugleich sein Ansehen als ernst zu nehmender Politiker. Schnell hatte sich der junge Bundestagsabgeordnete Expertise in der Bildungspolitik, dann im Bereich Sicherheits-, Außen- und Europapolitik verschafft. Aber das wurde von seinen vielfältigen, oft auf Effekt berechneten Aktivitäten eher verdeckt. Als 1982 seine eigentliche politische Karriere begann, war Jürgen Möllemann eine der schillernden Figuren des Bonner Betriebs geworden.
Zwanzig Jahre später in seinem letzten Buch hat er den Typus scharf kritisiert, dem er selbst so früh entsprach. „Diese Sorte Politiker ist der Ruin des Landes. Sie haben keine politischen Ziele, sondern inszenieren nur sich selbst. Bei ihnen ist der Weg tatsächlich das Ziel.“ Fiel ihm gar nicht auf, dass sich das wie eine Selbstcharakterisierung las? Er hatte schließlich seinen prominenten Beitrag zur Entwicklung des bundesdeutschen Polit-Entertainments geleistet. Nun pries er sich als Problemlöser der neuen Art. War es nicht eher ein Ausweis von Naivität gewesen, nach der politischen Substanz zu fragen, die in der Möllemann-Show augenzwinkernd präsentiert wurde? Inhalte wirkten bei ihm nie wie die Hauptsache, eher wie das Material, ohne das die Inszenierung nicht auskam.
- Datum 12.06.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.06.2003 Nr.25
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