Ein Mann kommt nach Salzburg und stellt die Zeit zurück. Er hat eine lange Reise des Erinnerns hinter sich, auf der es fortwährend funkelte, und in dem Licht steckte ein Geheimnis: Es klang wie die Geige seiner Kindheit. Sie hatten weder Fernseher gehabt noch Plattenspieler in dem lettischen Nest, am Horizont stand die Rote Armee, im Hafen schlief die Ostsee, das schöne stolze Riga war weit weg. Die Violine war sein Trost, ihre Saiten konnten verliebt glühen und urig kratzen. Jetzt hat ihr der Mann ein Konzert geschrieben und ihr lauter Streichergeschwister zur Seite gestellt. Und Salzburgs Festspielpublikum staunt, dass es im Jahr 1997 noch tönende Paradiese gibt.

Das Violinkonzert von Peteris Vasks (geboren 1946) heißt Fernes Licht.

Zyniker und Gegner der Neo-Tonalität könnten es für eine Funzel halten, die ein gefallsüchtiger Vereinfacher auf trüb gedimmt hat. Aber Vasks spricht (ähnlich dem Georgier Kantscheli oder dem Polen Górecki) mit einer Stimme, die sich von den Anfängen und der Heimat nie entfernt hat und die er nicht zurückkrümmen musste. Das Vokabular des Letten ist archaisch, seine Grammatik fein, sein Formgefühl streng - und die Wirkung gewaltig. Über dem gar nicht säuselnden, sondern zupackenden Klang des Streichorchesters erhebt sich die Violine so expressiv, als wolle sie das Ensemble durch Süße hypnotisieren - wie eine mythische Sirene im Baltikum. Dieses Vorhaben gelingt frappierend - es entstehen Inseln des Flimmerns, ein luxuriöser Wohlklang. Gern entschließt man sich, ihm nicht zu misstrauen.

Vasks ist Lettlands führender Komponist, aber hier bedarf es kurioserweise einer konzertierten finnischen Gefälligkeit, dass das Violinkonzert in globale Zirkulation gerät. Der prächtige Geiger John Storgårds und das Ostrobothnian Chamber Orchestra unter Juha Kangas haben im kleinen baltischen Grenzverkehr beim Label Ondine (CD 1005, Vertrieb: Note 1, Heidelberg) Erweckungshilfe geleistet. Mütterlich füttern sie uns mit köstlichem Streichermanna. Der Solist lässt sich Himmlisches natürlich nicht entgehen.

Wie zum Nachweis, dass Vasks' Klangsprache sich auch in größeren Dimensionen verständlich machen kann, bietet die CD außerdem die herbgroßartige 2.

Symphonie. Sie beginnt, als sei Anton Bruckner mal im Nordosten auf Urlaub gewesen: Ein schwerer Schub setzt das Blech des Tampere Philharmonic Orchestra in Gang, choralhaft singen sich die Linien aus - packend orgelt der Apparat. Doch sind die Entladungen bei Vasks nur Versuche, die Stille der Natur zu bändigen. Die kommt dann in mystischen Pianissimo-Zonen um so gewalttätiger zum Ausdruck. Abermals sagt Vasks alles auf einfache, elementare Weise. Ein Mann im Einklang mit Heimat, Natur und Erinnerung.