Ob Herzklappen-Affäre, Millionenbetrug mit Zahnersatz aus China oder Luftbuchungen für Patienten, die längst im Jenseits sind – solche Skandale können den Bremer Pharmakologen Peter Schönhöfer kaum noch verwundern. Schließlich, konstatiert der emeritierte Medizinprofessor, biete das deutsche Gesundheitssystem seit Jahren "weit offene Tore für Korrumpierung, Betrug und Ausbeutung".

Wer jedoch wie er den Finger in die Wunden legt und Konflikte offen austragen will, muss sich auf einiges gefasst machen. Das bekam der Pharmakritiker oft genug in seiner Laufbahn zu spüren. Immer wieder hat sich der Medikamentenexperte mit der Pharmaindustrie angelegt. Das tut er trotz seiner Pensionierung als Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie am Bremer Zentralkrankenhaus vor drei Jahren auch heute noch, und zwar mit sichtlichem Vergnügen. Als Mitherausgeber des pharmakritischen Newsletters arznei-telegramm (at) in Berlin meldet er gemeinsam mit einem Dutzend Kollegen jeden Monat neu entdeckte Arzneimittelgefahren, schildert perfide Marketingtricks der Pillenhersteller und legt milliardenschwere Geldverschwendereien im Gesundheitssystem offen. Im vergangenen Herbst verlieh ihm die internationale Antikorruptionsorganisation Transparency International ihren jährlichen "Integrity Award".

Immer ein knackiges Zitat parat

Nicht zuletzt durch Schönhöfer hat sich der "Informationsdienst für Ärzte und Apotheker" hohes Renommee erworben. Der Querdenker habe "einen Haufen Probleme viel früher erkannt als andere", urteilt der Präsident der Berliner Ärztekammer Günther Jonitz – Missstände, die "dank Leuten wie Schönhöfer inzwischen offenkundig sind". Und oft waren die Experten des at die Ersten, die von einem heraufziehenden Debakel Wind bekamen und schon Monate vor den Publikumsmedien über schwerwiegende Nebenwirkungen oder gezielte Irreführung von Ärzten und Patienten durch gefälschte Arzneimittelstudien berichteten.

Dann ist Schönhöfer immer ein gefragter und williger Interviewpartner – der Pharmakritiker hat stets ein knackiges Zitat parat. In Deutschland könne "buchstäblich jeder Dreck Arzneimittel werden", schimpfte er vor Jahren. Und sei ein Medikament erst einmal auf dem Markt, müssten heute "schon ein paar Tote im Hof abgeladen werden, bevor im Arzneimittelinstitut jemand reagiert" – so groß sei inzwischen der Einfluss der millionenschweren Pharmakonzerne gegenüber den Behörden.

Derlei Kritik trauen sich hierzulande nicht mehr viele Medizin-Journale. Die nämlich finanzieren sich heute überwiegend durch Anzeigen von Pharmafirmen. Zusammen mit dem Arzneimittelbrief und der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft ist das at eine Bastion der Pharmakritik. Dabei ist die Gazette sicher das lauteste Organ. So laut, dass selbst Pharmakologie-Kollegen sich bisweilen etwas weniger aggressive Töne wünschen.

Ein Paradebeispiel für Schönhöfers mediale Omnipräsenz in Zeiten von Arzneimittelkrisen ist der Fall Lipobay. Im Sommer 2001 war der Cholesterinsenker von Bayer mit dem Tod von mehr als 50 Menschen in Zusammenhang gebracht worden. Wenige Monate später nahm der Leverkusener Konzern das Mittel aufgrund seiner riskanten Nebenwirkungen vom Markt. Viel zu spät, wie Schönhöfer findet. Denn schon im November 2000, also fast ein Jahr bevor die Probleme mit Lipobay öffentlich bekannt wurden, "bekamen wir plötzlich so viele Meldungen über Nebenwirkungen von unseren Lesern und vom Bundesinstitut für Arzneimittelsicherheit, dass wir Verdacht schöpften. Im März 2001 waren die Hinweise dann so deutlich, dass wir sie im at meldeten." Trotz der offensichtlichen Probleme verkaufte Bayer das Mittel jedoch erst einmal weiter. "Viele setzen darauf", sagt Schönhöfer, "dass sich die Gefahren lange genug herunterspielen lassen – und währenddessen kann man an dem Präparat ja schon gut verdienen."

Kein Wunder also, dass sich die Branche heftig dagegen wehrt, wenn man ihr das Geschäft verhagelt, und unliebsamen Kritikern den Hausjuristen auf den Hals hetzt. Schönhöfer gehört dabei seit Jahrzehnten zu einem ihrer besten Feinde. "Mit Sicherheit über ein Dutzend Mal", schätzt er, stand er in seinem Berufsleben deswegen vor Gericht. Mitunter gingen die Verfahren bis vor den Bundesgerichtshof. Ein bisschen stolz darauf ist er, das ist unübersehbar. "Verloren habe ich keines davon", sagt Schönhöfer.