Biografie Ernsthafter Umgang mit Satire

Erste Biografie von Harald Schmidt! Da gibt es nichts zu lachen

Unter Literaturkritikern kursiert gelegentlich die Behauptung, ein guter Autor sollte auf den ersten 30 Seiten seines Buches dargelegt haben, wer er ist, was er will und vor allem: was er kann. Überträgt man diesen Satz auf die Autorin einer Biografie über Harald Schmidt, so könnte man die Neuerscheinung getrost beiseite legen. Denn bis zu Seite 30 gelingt es Mariam Lau, einen Klops aufzutischen, der sich nur mit viel Sinn für unfreiwillige Komik schlucken lässt.

Brav beginnt der Text dort, wo es ungefähr auch mit Harald Schmidt begonnen hat: in Nürtingen, jenem behaglich schwäbischen Städtchen, dem Hölderlin, Härtling und Schmidt übereinstimmend ins Poesiealbum schrieben, es sei ein arg provinzielles Nest. So viel Häme möchte nun Frau Lau denn doch nicht auf Nürtingen sitzen lassen, und so weist sie mit betulicher Correctness nach: „Niemand hat Grund, die Nürtinger Jazz-Tage zu belächeln…“

Anzeige

In diesem Buch tobt sich unerbittliche Ernsthaftigkeit gegenüber dem Nonsens der Satire, der Nonchalance des Humors und den so herrlich frei fliegenden Gedanken des Spottes aus. Der Kabarettist und Satiriker Harald Schmidt hat eine Biografin, die ihm den Jux nicht lassen will. Und wir ahnen, warum wir den Humor so lieben: Er ist oft so kurz und voller Würze.

Der Verfasser einer Biografie, so lernen wir anhand dieses Beispiels, ist gut beraten, wenn er vorab alles in den Müll wirft, was er über das Objekt seines hoffentlich vorhandenen Interesses zu wissen glaubt. Weg mit den Klatschspalten. Fort mit den Sensatiönchen in den Meldungen der Boulevardpresse. Beiseite die fixen Interviews in der Künstlergarderobe und auch mit Vorsicht zu genießen die Aussagen einstiger Schulkameraden. Lieber hin zu dem Mann, der ja glücklicherweise lebt, ihn reden lassen. Dann braucht man ihn nicht mit blanken Vermutungen zu psychologisieren („Kann es sein, dass dieses Kleinreden [von Nürtingen] stattfindet, um den eigenen Aufstieg noch ein wenig erstaunlicher zu machen?“). Denn wenn Schmidt für sich selbst einstehen darf, würde auch der Leser sich eine eigene Meinung leisten können – anstatt von der Autorin pädagogisierend in ein läppisches Gedicht des einstigen Schülers eingeführt zu werden im Stile von: „Man beachte die geschickte Wahrung des Abstands zum Volk und zu seinem Fest, bei gleichzeitig beherzter Teilnahme.“

Viel erfahren wir also vom Weltbild der Biografin. Erfahren wir auch etwas von Harald Schmidt? Auf ein Vis-à-vis hat er sich nicht eingelassen. „Von ihm“ ist also nichts zu haben. Dann doch wenigstens „über ihn“? Das lässt sich auf 226 Seiten nicht vermeiden. Sauber chronologisch läuft der Lebenslauf ab, getränkt mit Mutmaßungen. Hat Schmidt die deutschen Bildungsbürger deshalb so oft aufs Korn genommen, weil er selbst kein Abitur oder Studium absolviert hat? Entwickelte er gar seinen beißenden Hohn, weil ihm im Leben nicht alles gelang, wie etwa sein erstes Engagement als Schauspieler in Augsburg? Beneidet er den unbekümmerten Thomas Gottschalk, weil dem immer alles zufällt, während er, der „Dirty Harry“, sich stets alles erarbeiten muss? Naive Fragen. So blauäugig wie etwa die politische Einordnung der Ära des Theatermannes Claus Peymann in Stuttgart, bei dem Schmidt lernte – „Das Theatralische der RAF wird Harald Schmidt nicht entgangen sein“.

Harald Schmidt sagt keinen Pieps zu diesem Buch. Doch hin und wieder sagt er ja Dinge, die aufhorchen lassen. Zum Beispiel: Er wisse nach Monaten nächtlicher Sendungen manchmal nicht mehr so genau, wer er als Privatmensch sei. Hier hätte eine Biografie beginnen und fragen können. Wenn’s denn sein muss. Diejenigen, die ihr Leben nicht öffentlich über den Zaun hängen wollen, sind oft nicht die Schlechtesten.

Service