Glosse Wundermann, geh du voran
Bitte setzen Sie sich eine dunkle Sonnenbrille auf, damit Sie nicht allzusehr geblendet werden von der neuen Lichtgestalt des deutschen Kulturbetriebs. Sie heißt Andreas Mölich-Zebhauser und kämmt sich das graumelierte Haupthaar, getränkt mit dem Thomas-Haffa-Erfolgsgel, am liebsten stromlinienförmig in den Nacken. Mölich-Zebhauser ist Intendant des Festspielhauses in Baden-Baden. Der stern nennt ihn den „Wundermann an der Oos“. Einen wie ihn hat die Welt der klassischen Musik noch nicht gesehen: Er lässt sich in der Öffentlichkeit als wandelnder Optionsschein auf die Zukunft der Künste präsentieren, als smarter New-Economy-Mann in einer altmodisch vor sich hin dümpelnden Branche. Vollmundig verkündet er, sein Baden-Badener Musentempel sei inzwischen „das erste europäische Opern- und Konzerthaus“, das ganz ohne öffentliche Zuschüsse auskomme. Er sagt es so triumphierend, dass jeder Bürgermeister sich fragen muss, warum eigentlich sein städtisches Dreispartenhaus noch so viele Subventionen braucht, wenn es an der Oos doch auch anders geht.
Dabei ist es noch nicht so lange her, dass sein Klassik-Spielcasino vor allem eins war – ein Kultur-Luftschloss von großmannssüchtigen schwäbischen Kunst-Bankrotteuren. Und bis heute ist es ein Musterbeispiel dafür, wie man im Kapitalismus Verluste sozialisiert und Gewinne privatisiert. Im Frühjahr 1999, nur ein Jahr nach der Eröffnung, hatte sich bereits ein verheerender Schuldenberg angesammelt (den Mölich-Zebhauser noch nicht zu verantworten hatte). Das Land Baden-Württemberg und die Stadt Baden-Baden trugen ihn mit Finanzspritzen – keine Subventionen? – in Höhe von insgesamt 6,5 Millionen Euro ab. Gleichzeitig aber blieb der lukrative Immobilien-Leasingfonds mit dem schönen Namen Tanja, mit dem das Festspielgebäude finanziert wird, von allen Verlusten verschont und ist nach wie vor eine renditefreundliche Investition in die Kunst.
Die Fondbesitzer vermieten das Gebäude an den Betreiber und erhalten dafür 22,5 Jahre lang garantiert und verbrieft jährlich 4,3 Millionen Euro, egal, ob und wie der Laden läuft. Und wer überweist die Mietkosten? Natürlich das Land und die Stadt, also der Steuerzahler. Lothar Späth wollte den Fonds einst als Volksaktie für die Kultur unter viele Anleger streuen. Aber dafür war sie offenbar zu lukrativ. Tanja blieb in den Händen der Südwest-Landesbank, ein Hamburger Boulevardverleger soll einen erklecklichen Prozentsatz der Anteile halten. So ganz ohne Subventionen geht es in Baden-Baden eben doch nicht. Abgesehen davon, dass Mölich-Zebhauser sich nur zwei eigenproduzierte Opern im Programm leisten kann, die jeweils nur zweimal gespielt werden. Der Rest der Klassik-Herrlichkeit besteht aus Gastspielen von per se hoch subventionierten Symphonieorchestern und Opernhäusern, neben Gala-Events und gehobenem Entertainment, mit denen private Veranstalter in jeder anderen Mehrzweckhalle der Republik auch Gewinne machen müssen. Jetzt können sie die Sonnenbrille wieder abnehmen.
- Datum 12.06.2003 - 14:00 Uhr
- Serie feuilleton-glosse
- Quelle (c) DIE ZEIT 12.06.2003 Nr.25
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