Was ist von einem 60-Jährigen in knallengen Hosen zu halten, der sich im Schritt kratzt und dabei versichert, er könne und könne und könne nun mal keine Befriedigung finden – hat der etwas besonders falsch gemacht oder besonders richtig? Würde man ihn zum Vater haben wollen, zum Patenonkel, Bewährungshelfer, Konkursverwalter? Wäre man womöglich selbst gern so einer, forever young, forever hot? – Leicht ist es, über die Stones zu spotten, und über Mick Jagger am allerleichtesten. Dabei ist er doch längst eine tragische Figur.

Das Spotten über die Stones hat Tradition. Bereits im Juni 82, als ich ihren spektakulär schlechten Auftritt im Münchner Olympiastadion aus 15 Meter Entfernung miterlebt hatte, notierte ich, dass außer Bill Wyman nichts gewesen war: "Jagger einfach nur peinlich", "Sogar Peter Maffay (im Vorprogramm) besser" – die Stones hatten sämtlichen Kredit bei mir verspielt. Nie wieder, schwor ich mir, nie wieder. Dabei hatte ich bloß nicht begriffen, dass die Stones schon seit Mitte der Siebziger unglaubwürdig waren, Schauspieler ihres niederen Selbst, gesegnet mit dem Talent, das Prinzip Jugend in all seinen aufmüpfigen Facetten idealtypisch darzustellen. Und hatte erst recht nicht begriffen, dass die Stones mittlerweile nicht etwa zur härtesten und lautesten Rockband der Welt mutiert waren, wie ihre PR-Maschine suggerierte, sondern zu einer Lookalike-Combo, die eine Marktlücke entdeckt hatte: die härteste und lauteste Rockband für die Welt zu spielen.

Dass die Stones schon 1982 zu keinem Zeitpunkt des Konzerts an ihre auf Vinyl dokumentierte Benchmark herankamen, war für die restlichen 59999 begeisterten Zuschauer kein Einwand. Sie feierten ihre Idole als Inkarnation einer Weltanschauung. Musik galt den Stones schon damals eher als Mittel zum Zweck, ihre musikalische Mission war mit Exile On Main Street beendet, der Rest ihrer Karriere zielte in letzter Konsequenz auf Außermusikalisches, auf wertkonservatives Hüten eines Weltkulturgutes. Selbstredend unter ständigem Rekurs auf jene frühere Mission und des darin inkorporierten Lebensprinzips – bereits als 40Jährige demonstrierten sie am liebsten "ungebrochene" Virilität, inszenierten ihren grandios potenten Gegenentwurf zum "seriösen" Älterwerden: Bloß nicht weise werden und impotent!

Heute, gut 20 Jahre später, tun sie’s noch immer, gerieren sich nicht etwa als gut gelaunte alte Säcke wie beispielsweise die Herren von ZZ Top, sondern weiterhin als die bad boys , die ihre beneidenswerte Stellvertreter-Existenz für uns alle führen, auch um den Preis – wie Mick Jagger unlängst bekannte –, sich mit Kräutertee und Ballettstunden in Form halten zu müssen.

Viel Spaß beim Seniorenabend, wünscht man mir denn auch sarkastisch, als ich mich nun doch wieder aufmache ins Münchner Olympiastadion. Meine Entfernung zur Bühne beträgt diesmal 100 Meter, absurd klein ist die Realität des Ereignisses gegenüber seiner medialen Vermittlung auf einer Riesenvideoleinwand: Fernsehen mit Live-Charakter, Deutschland besucht seine Superstars. Alles an diesem Abend ist programmiert, einschließlich Mick Jaggers peinlicher Anbiederungsversuche auf Deutsch ("Ihr seid ein geiles Publikum!") wie seines kurzen Ausflugs zu den Hüften der Background-Sängerin. Und am Ende, nach einem zweistündigen Potpourri "Unsre schönsten Erfolge" samt abschließendem Konfettiregen? 60000 begeisterte Zuschauer, o ja, diesmal bin ich mit von der Partie, und obwohl ich noch nie eine solch schwache Fassung von Jumping Jack Flash (als Zugabe) gehört habe, rutsche ich aufgeregt dazu in meiner Sitzschale. Wie konnte das passieren?

Mick Jagger reloaded

Sicherlich ein gutes Omen war es, dass sich Keith Richards schon beim allerersten Riff vergriff, das hat Kultcharakter, und auch dass Mick Jagger im Silberblouson auflief, darunter ein bauchfreies T-Shirt in Stones-Zungen-Rot, bediente die Erwartungshaltung perfekt: hier der große Untote der Rockgeschichte, der sein verwittertes Äußeres mit allerhand Glitzerschmuck Richtung Voodoo-Zombie überhöht hatte; da der tuntenhaft herumgockelnde Berufsjugendliche, die große Animierdame für den Mittelstand und gleichzeitig doch auch der Uli Hoeneß der Musikbranche, der seine Band FC-Bayernhaft von einem Erfolg zum nächsten zwingt.

Dass das Rollenmodell "Keith Richards" auf den Beliebtheitsskalen der Internet-Foren stets am höchsten notiert, wird den ehrgeizigen Jagger schmerzen. Als ob die Fans trotz aller medialen Indoktrination wüssten, dass die Stones ihr einstiges Talent, "die Kunst zu beherrschen, jung zu sein" (so ihr damaliger Manager), längst verloren haben, dass sie allenfalls noch die Kunst beherrschen, jung zu wirken. Und in der Tat, wie lustlos Mick Jagger da über die Riesenbühne zappelt, immer ein Beckenkreiseln hinter seinem eignen Mythos her, ist schmerzlich anzusehen. Wieso tut er sich das an? Dekonstruiert sich schamlos in den Stadien der Welt, und wo man früher verächtlich über ihn schreiben durfte, er bewege sich wie ein "schwuler Schimpanse" (Charles Shaar Murray), befürchtet man jetzt im Stillen, er werde genau das auch noch in fünf oder fünfzehn Jahren versuchen.