Wie wäre es zum Einstieg mit ein paar echten japanischen Walfleisch-Rezepten? Da kommt in die zwei Vertreter Japans Bewegung. Takao Anzawa, Erster Konsul in Hamburg, rutscht erregt auf seinem Stuhl umher und rät: "Das ist zu provokativ, das lassen Sie besser." Dennoch hat er für das ungewöhnliche Ansinnen ein verhaltenes Lächeln übrig. Walfleisch sei eine Köstlichkeit, in der Tat. Er selbst habe es früher gern gegessen. "Aber hier in Europa handeln Sie sich nur Ärger ein."

Und gerade in diesen Tagen droht besonderer Ärger. In Berlin trifft sich kommende Woche die Internationale Walfangkommission (IWC) zum rituellen Schlagabtausch zwischen Fängern und Fanggegnern. Tagelang werden die Fischereinationen Japan und Norwegen, die es wagen, friedlich singende Meeressäuger zu harpunieren, im Rampenlicht stehen – und damit beschäftigt sein, sich gegen das Image des Bösewichts zu wehren. Aus leidvoller Erfahrung weiß Konsul Anzawa, dass dann wieder "so genannte Walschützer" vor japanischen Einrichtungen militant demonstrieren werden. Daher will er vor der IWC-Tagung Japans Sicht der Dinge den ZEIT- Redakteuren darlegen und hat sich sachkundige Verstärkung geholt: Takao Shinobu, seines Zeichens erster Botschaftssekretär, ist extra von seinem Amtssitz an der Berliner Hiroshimastraße zum Hamburger Speersort gereist.

Shinobu mag die Frage nach den Rezepten dann doch nicht unbeantwortet lassen. Aus seiner Aktenmappe zieht er eine bunte Broschüre voller japanischer Schriftzeichen. Steckbriefe verschiedener Walarten sind darin zu finden, ferner technische Daten der Schiffsflotte, die für Japan im Dienst der Wissenschaft Wale tötet. Dann blättert er zu einer Seite voller Fotos mit säuberlich hergerichteten Tellern. Dunkelrot glänzt das Filet eines Zwergwals an grüner Genua-Sauce mit Süßkartoffeln in Zitrone. Als Vorspeise empfohlen: Blattsalat mit Saisongemüse, Obst und kurz gegarter Walhaut an weißer Sesamsauce. Daneben lockt die jüngste Kreation der globalisierten italienischen Küche: Spaghetti mit Peperoni und Walspeck.

Tod im Geisternetz

Doch Konsul und Botschaftssekretär wissen, dass das Entzücken über die diversen Zubereitungsarten der maritimem Forschungsobjekte nicht viele teilen. Einen Wal zu erlegen gilt in vielen Ländern der Erde als ähnlich frevelhaft wie das Schlachten einer heiligen Kuh. Japan aber möchte seinen Walfang nicht nur formaljuristisch legitimiert als Wissenschaft betreiben, sondern kommerziell und offiziell mit dem Segen der IWC. Ein solcher Entscheid erfordert allerdings eine Dreiviertelmehrheit – und die wird Japan auf der Berliner Tagung kaum bekommen.

Dabei sind die Differenzen unter den Experten weit weniger groß, als die offiziellen, nationalen Fronten vermuten lassen. Stetig mehren sich die Stimmen jener, die von der bisher praktizierten Politik eines sturen Jagdverbots abrücken möchten. Denn bei nüchterner Betrachtung ist das seit 1986 gültige Walfang-Moratorium, das die Jagd auf sämtliche Großwalarten vom 35-Meter-Riesen bis zum 10 Meter kleinen Zwergwal unterschiedslos verbietet, überholt. Der Beschluss lässt einerseits viele Schlupflöcher offen und vermag andererseits den Walbestand nicht nachhaltig zu schützen. Diese Ansicht vertreten mittlerweile selbst Tierschützer. "Lieber ein gutes Ressourcenmanagement als ein schlechtes Moratorium", sagt Petra Deimer, Vorsitzende der Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere. Tatsächlich verdecken die alljährlichen Debatten pro und contra Jagd wesentlich wichtigere Probleme des Walschutzes.

So konnte das internationale Jagdverbot bislang nicht verhindern, dass jährlich mindestens 60000, nach pessimistischen Schätzungen gar 300000 Meeressäuger (Wale, Delfine, Tümmler) getötet werden – durch den ganz gewöhnlichen Fischfang. Die Tiere verenden in Schlepp- und Stellnetzen oder verheddern sich in Verbindungsleinen zu Hummerkörben am Meeresboden. Andere werden Opfer von Geisternetzen, verloren gegangenem Fanggerät, das herumtreibt und herrenlos weitertötet. Außerdem kollidieren langsame, stark bedrohte Walarten wie der Nordkaper mit den immer schnelleren und zahlreicheren Schiffen, die durch die Meere pflügen.

Der so genannte Beifang ist für die Tierschutzorganisation WWF die "größte Bedrohung von Walarten weltweit". Derzeit sterben jährlich möglicherweise "mehr Wale als vor einigen Jahrzehnten zur Hauptzeit des Walfangs", befürchtet der WWF. Die Fangquoten der Norweger und Japaner sind dagegen aus der Sicht des Artenschutzes fast Peanuts: 1301 Zwergwale, 10 Pottwale, 50 Seiwale und 50 Brydeswale wollen die beiden Nationen dieses Jahr fangen.