In Richard Wagners Ring des Nibelungen sitzen die Walküren am Schluss des ersten Tags angstschlotternd in der Götterburg Walhall und fürchten Wotans Zorn. Ungehorsam sind sie gewesen, waren nicht mehr einverstanden mit dem Willen des Göttervaters. Und dessen Strafe droht fürchterlich zu werden. Wie den Walküren geht es auch den Wagner-Fans am Grünen Hügel: Sie zweifelten an der Allmacht ihres betagten Festspielprinzipals, glaubten, der alte Wotan Wolfgang Wagner habe sich von der Gegenwart verabschiedet und könne die Zeichen der Zeit nicht mehr richtig deuten. Aber jetzt naht die Rache von Wolfgang Wotan: Mit der Gegenwart schlägt er erbarmungslos zurück. Erst hat er den bösen Buben des Regietheaters Martin Kusej als Inszenator für einen neuen Parsifal bei den Bayreuther Festspielen verpflichtet und nun (nachdem man sich schnell wieder wegen "Nichtvereinbarkeit der Arbeitsprinzipien" voneinander getrennt hat) noch einen draufgesetzt: Christoph Schlingensief soll einspringen und sein Bayreuth-Debüt mit Parsifal geben. Schlimmer hätte es nicht kommen können.

Schlingensief! Der schon einmal Namibia mit Richard-Wagner-Musik beschallen wollte! Wahrscheinlich wird er, wie in seinem Züricher Hamlet, geläuterte Rechtsradikale als Wagner-Statisten auf die Bühne bringen! Oder "Tötet Richard Wagner"-Transparente hochhalten lassen! Oder, noch schlimmer, erstarrt in Ehrfurcht vor dem Ort, nur eine gleichgültige brave Stehoper abliefern! Alle Wolfgang-Wagner-Kritiker schlagen entsetzt die Hände vors Gesicht und stammeln: "Das haben wir nicht gewollt", und: "So war es nicht gemeint." Aber es wird nichts nützen. Wotans Rache ist unerbittlich. Auch die Besetzung des neuen Rings im Jahr 2006 mit dem Filmregisseur Lars von Trier ist als Zornesblitz zu verstehen. Von Trier hat in der vergangenen Woche nämlich bekannt, überhaupt noch nie in einer Oper gewesen zu sein.

Schlingensief und Trier - zwei reine Toren. Bringen sie am Ende doch durch ihr Nichtwissen den Gral zum Leuchten. Erlösung dem Erlöser!