zeitungDie gelbe Gazette

Wie sieht die Zeitung des 21. Jahrhunderts aus? Vielleicht wie die „Rheinische Post“. Sie hat in der Krise 170000 Leser hinzugewonnen von 

Mehr als 350000 Deutsche haben im vergangenen Jahr die Lust verloren, eine Zeitung zu lesen. Sie surfen, chatten oder schauen fern. Oder lesen sie gar ein Buch? Nur zu dem bedruckten Bündel Papier greifen sie nicht mehr. Vor allem das Desinteresse junger Leser macht den Zeitungsmanagern Sorgen, die noch dadurch verstärkt werden, dass die Anzeigenerlöse seit drei Jahren sinken.

Eine Zeitung wie die Rheinische Post (RP) will da so gar nicht ins Bild passen. Sie hat laut Medienanalysen in den vergangenen fünf Jahren 170000 Leser hinzugewonnen.

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Das kann kein Zufall sein.

Elf Uhr am ersten Mittwoch im Juni: Eine Stunde lang dauert die große Konferenz der Redaktion . Am Ende legt Chefredakteur Ulrich Reitz fest, wie die Titelgeschichte des nächsten Tages aussehen soll. Der Wechsel liegt in der Luft wird sie heißen und die Chancen einer Großen Koalition in Nordrhein-Westfalen beschreiben. Irgendwo zwischen dieser Konferenz und dem Kiosk liegt das Geheimnis des Blattes, warum es sogar in der Gruppe der 14- bis 19-Jährigen stärker als bisher genutzt wird. Zwar stagniert die verkaufte Auflage bei 415000 Exemplaren. Aber die werden mittlerweile von fast 1,2 Millionen Menschen gelesen, weil sich mehr Leser als früher ein Exemplar teilen.

Nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland fürchten die Zeitungsmanager derzeit am meisten um die Reichweite und Auflage ihrer Blätter. Beides ist ihnen wichtiger als der konjunkturell bedingte Rückgang im Anzeigenmarkt. So schreibt es der amerikanische Medienwissenschaftler Leo Bogart in einer Studie, die in dieser Woche auf dem Kongress der World Association of Newspapers in Dublin vorgestellt worden ist. Der Grund dafür lässt sich vermuten: Neue Leser hingegen können auch im Aufschwung nur mühsam gewonnen werden.

Aber wie lässt sich die gegenwärtige Krise überhaupt bekämpfen? Und gibt es so etwas wie ein Rezept? Oft berufen sich Journalisten auf ihr Bauchgefühl, wenn sie Zeitung machen, und dementsprechend glauben viele, dass sich nicht herausfinden lässt, was die Leser wirklich wollen. Diese Ansicht ist hier und da auch in der Rheinischen Post zu hören.

Der deutsche Medienforscher Klaus Schönbach hat eine empirische Antwort auf die Frage nach der idealen Blattmischung gesucht. Er ist Professor an der Universität von Amsterdam und hat in den vergangenen Jahren mehr als 500 Regional- und Lokalzeitungen in den USA, Nordeuropa und Deutschland analysiert. Zunächst hat er die Tageszeitungen systematisiert, in statistische Werte übersetzt, sie vergleichbar gemacht. Dann hat Schönbach seine Ergebnisse mit dem Zuspruch der Leser verglichen und daraus ihre Vorlieben abgeleitet. Inzwischen glaubt er, ziemlich zu wissen, was ein erfolgreiches Blatt auszeichnet.

Der Forscher beschreibt sein Ergebnis: "Anders als früher wählen die Leser gnadenlos aus, ob ihnen die Lektüre etwas für ihr Leben bringt oder nicht. Vor allem die Jungen." Sie duldeten "kein optisches Boulevard, nicht zu viele Infografiken und auch keine flapsige Sprache". Stattdessen wünschen sie ihre Zeitung "seriös, eindeutig und nachrichtenorientiert, optisch luftig und farbig, aber gleichzeitig klar und kühl."

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