Die Schweinebande auf der Farm der Tiere war die stalinsche KP, der Staat Ozeanien Prototyp eines technologisch hochgerüsteten Elendskommunismus und George Orwell ein Autor für die Lesebücher der Oberstufe, ein halbes Jahrhundert lang. Wegen seines vorbildlich klaren Englisch – und als Waffe im Kalten Krieg. "Aber ich muss Ihnen sagen", so schrieb er einem Leser, "ich glaube, diese Dinge sind insgesamt im Vormarsch." Die Herrschaft "anglo-amerikanischer Millionäre" oder des "100%-Amerikanismus" sei "so totalitär", wie es sich nur denken lässt. Orwell hat über die Jahre unseren Blick für "diese Dinge" geschärft, für Gehirnwäsche, Folter, Loyalitätsaufmärsche. Aber auch für deren freiheitlich-demokratische Äquivalente: fabrizierte Lügen, die zum Krieg führen, die Ausrufung nationaler Gebetstage, die Erscheinungsformen unverordneter Zensur oder Behörden, die unsere E-Mails überwachen.

Wir haben von Orwell gelernt, die saisonalen Ergänzungen der newspeak, der "Neusprache", zu dechiffrieren: "Gerechtigkeit ohne Grenzen" etwa oder "Reform". Wer noch mit Gedächtnis begabt ist, kann das alles durchschauen. Aber es verstärkt nur das Gefühl der Ohnmacht. Wir haben uns an "diese Dinge" gewöhnt. Auch an die neuen Formen des Big Brother, des allgegenwärtigen Großen Bruders, die Orwell kommen sah. Noch während er an Neunzehnhundertvierundachtzig schrieb, polemisierte er gegen die "Vergnügungszentren der Zukunft", diese Fit-for-Fun-Konglomerate aus Schwimmbad, McDonald’s, Kegelbahn, Konzerthalle und vor allem Musik, Musik, Musik, in alle Ritzen der Welt geschmiert. Das wirke darauf hin, "unser Bewusstsein zu schwächen, die Neugier zu trüben und uns ganz allgemein den Tieren anzunähern".

"Das tödliche Ding": Der Verrat an der Klempnerstochter

So zivilisiert dem mitteleuropäischen Wohlstandsbürger sein komfortabler Erdenwinkel auch erscheinen mag – die Welt, als Ganze genommen, sieht gar nicht so viel anders aus als Orwells perfide Wohlfahrtsdiktatur in Neunzehnhundertvierundachtzig . Ozeanien heute, das ist der Turbofeudalismus, ein grenzenloses Reich aus Multis, Finanzmärkten, Medien und US-Marines. In den Weltmarktburgen leben die Kernarbeiter des Kapitals, mit allen Privilegien versehen, darum herum die Zone der Zulieferer, die mit reduzierten Löhnen und Sicherheiten leben müssen. Und noch weiter draußen die geplünderten Südregionen, die Slums und Sweatshops der Megametropolen, in denen das Heer der proles im Dunkeln vegetiert.

Eric Arthur Blair wurde am 25. Juni 1903 als Sohn eines Steuereintreibers in Motihari, in Indien, geboren; ein Jahr später zog die Mutter mit ihm und seiner Schwester nach England, wo sich die Familie in Henley-on-Thames ein Haus kaufte. Erwar ein Kind jener schäbig vornehmen Unterschicht der Oberschicht, die von wenig mehr zusammengehalten wurde als von bröckelnden Werten: Ehre, Ehe, anständiges Englisch, Soldatentugenden und dem Dünkel gegenüber der Unterklasse. 1948, zwei Jahre vor seinem Tod, notiert George Orwell im Krankenhaus ein Gedicht über die Klempnerskinder, die Spielkameraden seiner frühen Tage: "Wie lange währte dies Paradies / nicht mal ein Frühling verging / es war, glaub ich, immer noch Mai / da beging ich das tödliche Ding. // Ich traf die Kinder auf der Straße / und ich sagte es, ja, ich sagte es / Ich darf nicht länger mit euch spielen / meine Mutter sagt: Ihr seid gewöhnlich. // Ich selbst bin bis heut ungewöhnlich / wie irgend nur jemand im Land / solid wie der Fels von Gibraltar / und in Oxford-Englisch gewandt. // Doch seit jenem Tag hab ich niemals geliebt / nur solche, die mich nicht liebten."

"Das tödliche Ding" – der Klempnerstochter auf Geheiß der Mutter zu sagen, sie sei "gewöhnlich" –, dieser dreifache Verrat des Sechsjährigen an den Freunden, an der Lust und am eigenen Willen schmerzte immer noch. Die Erinnerung an die Einübung in die Klassengesellschaft, an die körperliche Trennung der Oberen von den Unteren, an die Furcht und den Ekel der Erwachsenen vor ihren Angestellten ("They smell"– "Sie riechen"), an die Unterdrückung der Wildheit und jeder Umarmung –, sie ist der Untergrund von Orwells Lebensthema. Der tausendfache Verrat ist das Futter, mit dem die Machtapparate und Hierarchien aller Art sich speisen. Die Macht lebt vom Verrat der Ohnmächtigen untereinander, vom Mord am Gefühl und am Gewissen. Diese Lektion steckt im schwarzen Kern von Neunzehnhundertvierundachtzig . Erst als er sein tiefstes Gefühl verrät, seine Liebe zu Julia, wird Winston Smith, der Protagonist des Romans, zum Victory Gin saufenden Ausführungsorgan der Machthaber. Nur weil die Winstons die Julias verraten, und die Julias die Winstons, können die Großen Brüder leben, und weil alle voneinander wissen, dass sie Verräter sind, wachsen das Misstrauen und die Einsamkeit. Die Furcht vor der Folter ist das totalitäre Extrem. Aber der Verrat hat seine demokratische Normalzeit: Die Angst, aus dem Netz der Gesellschaft zu fallen, trennt die Menschen; der Kampf im Rattenrennen macht uns füreinander unempfindlich.

Er habe, schrieb Orwell gegen Ende seines Lebens, "die Sklavenseele Stück für Stück aus sich herausgeprügelt". Fotos aus der Internatszeit in St.Cyprian’s in Sussex (zur Vorbereitung auf Eton – ein Stipendium hatte es möglich gemacht) zeigen einen weichen, pausbäckigen Jungen, der oft weinte, das Bett nässte, heimlich dichtete. "Ich bezweifelte nicht die herrschenden Regeln", erinnert er sich später. "Wie konnten die Reichen, die Starken, die Eleganten, die Schicken, die Mächtigen Unrecht haben? Ich rebellierte nie intellektuell, nur dem Gefühl nach." Der Internatszögling Eric Blair taucht ab, um "in der Mitte seines Herzens ein unkorrumpierbares Selbst" zu schützen. Und dieses Selbst weiß: Was immer er äußerlich zu tun gezwungen ist – das "einzige echte Gefühl", das er gegenüber dieser Gesellschaftsmaschinerie hat, ist "Hass".

Die Zeit in Eton verliest, verträumt, verliebt er. Die Abschlussnoten reichen nur für eine Karriere als Polizeibeamtenanwärter in Birma. Dort, in Mandalay und später im Irawadi-Delta rund um Rangun, beobachtet der 20-Jährige, wie der Reichtum des Empire erprügelt, erschossen, erpresst wird. Er blickt genau hin, auch wenn er Exekutionen kommandiert. 1927, nach fünf Jahren, beim ersten Heimaturlaub, kommt er um seine Entlassung ein. "Die Gesichter haben mich verfolgt", schreibt er, die Gesichter derer, die er geschlagen, gedemütigt, missachtet hat, "ich hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen".