Können Kinder ihre Schule selbst entwerfen? Sie können. Die rund 750 Schüler der Evangelischen Gesamtschule in Gelsenkirchen-Bismarck (EGG) erhalten ihren Unterricht in so genannten Klassenhäusern, die nach ihren Vorstellungen gebaut worden sind. Seit 1999 entwirft jede fünfte Klasse zusammen mit Architekten ihr Traum-Klassenzimmer. Die Klassenhäuser eines Jahrgangs bilden eine Häuserreihe. Die Jungen und Mädchen zimmern eigenhändig Holzmodelle im Maßstab 1:10 und helfen sogar auf der Baustelle mit. Inzwischen sind vier Jahrgangshäuser fertig, bis 2004 sollen noch zwei weitere folgen.

Keines der jeweils fünf Häuschen eines Jahrgangs gleicht dem anderen: Spitz geformte Giebel wechseln sich mit Flachdächern, mal ist das Fassadenholz naturbelassen, mal mit Farbe behandelt. Jedes Haus verfügt über einen eigenen Eingang und Flur sowie über ein Maisonette-Klassenzimmer. Auch die darin eingezogenen Galerie-Etagen, die für Gruppenarbeit oder als Rückzugszone genutzt werden können, haben in jedem Haus einen anderen Zuschnitt – ganz nach Gusto der Schüler.

Fünftklässler als Architekten? Was das Büro des Architekten Peter Hübner aus Neckartenzlingen praktiziert, ist vielen seiner Kollegen suspekt: Angesichts der Beteiligung der späteren Nutzer am Entwurfsprozess sehen sie ihren ästhetisch-formalen wie konzeptionellen Hoheitsanspruch in Gefahr. Viele Pädagogen indes sind von Hübners Ansatz begeistert, verspricht er doch ein Höchstmaß an Kindgerechtigkeit.

Wie hat ein gutes Schulgebäude auszusehen? Möglichst bunt, weil Kinder es gern farbig mögen? Bloß nicht rechteckig, mit den immer gleichen geraden Kanten, und schon gar nicht aus kaltem Beton, weil das der zarten Kinderseele schadet? Oder ist ein guter Schulbau einer, der zwar streng und puristisch daherkommt, dabei aber seine Konstruktionsweise nachvollziehbar macht? Ein Bau, in dem die Räume so geordnet sind, dass Orientierung leicht fällt? Der seine Materialien sprechen lässt und deshalb auch mal den nackten Beton zeigt?

Das Berliner Architektenduo Almut Ernst und Armand Grüntuch etwa hat an den Decken von Fluren, Therapieräumen, aber auch in der großen, lichtdurchfluteten Aula der Förderschule Mummelsoll in Berlin-Hellersdorf den Beton nicht verdeckt, „um die Fertigteilbauweise ablesbar zu machen“, sagt Almut Ernst. Nachdem die Schule nun ein Jahr in Betrieb ist, möchten die Lehrer die Decken farbig anstreichen.

Almut Ernst nimmt es locker: „Da finden wir eine Lösung. Wenn ein Architekt ein Gebäude abliefert, ist es eben längst noch nicht fertig.“ Mit Bedacht gesetzte Farbtupfer hat der Bau, in dem rund 150 behinderte Kinder zur Schule gehen, schon reichlich vorzuweisen. So sind die schmalen, gläsernen Vitrinenbänder, die in die Wand eines jeden Unterrichtsraums zum Flur hin eingelassen sind, farbig umrahmt – in jedem Stock in einem anderen Rotton, um die Orientierung zu erleichtern. Grün, gelb und blau getönte Glasscheiben umhüllen einen Verbindungsgang zwischen den zwei Gebäudeteilen, aus denen sich die Schule zusammensetzt. Das vermittelt Schutz vor zudringlichen Blicken, ohne die Schüler abzuschotten.

Wenn sich Lehrer oder Eltern und Architekten über den Einsatz von Beton oder Farbe streiten, mag das nach oberflächlichen Geschmacksfragen aussehen. Doch letztlich geht es dabei um die Grundsatzfragen, die sich beim Bau eines Schulhauses stellen. Was muss ein Schulgebäude leisten? Kann der Raum, wie es in einem schwedischen Sprichwort heißt, „der dritte Lehrer“ sein? (Der erste seien die anderen Kinder, der zweite sei der Lehrer.) Wenn ja, mit welchen Mitteln schafft die Architektur dies? Dient ein formal stimmiger Entwurf nicht per se dem Nutzer, ob mit oder ohne Farbe? Kurz: Was überhaupt ist gute Schularchitektur, heute und in Zukunft?

Um diese Frage zu beantworten, hatte die Wüstenrot Stiftung im vergangenen Jahr einen Architektenwettbewerb, den Gestaltungspreis Schulen in Deutschland, ausgelobt. Angesichts der Qualität der mehr als 400 eingereichten Entwürfe zeigt sich der Jury-Vorsitzende, der Stuttgarter Architekt Arno Lederer, überrascht: „Die Zahl der mediokren Lösungen war erstaunlich hoch. Allzu oft wird kindgerecht mit kindlich verwechselt, das sind dann diese Schulhäuser mit Zipfelmützen.“