schule Der dritte LehrerSeite 3/3
Die Gesamtschule erfüllt damit sämtliche Forderungen, die Otto Seydel an zeitgemäße Schulbauten stellt: Große und kleinere Räume wechseln sich ab und ermöglichen individuelles wie gemeinsames Lernen; es gibt Nischen zum Rückzug, aber auch Zentren, wo viele zusammen spielen und feiern können. Trotz der Raumvielfalt fällt es den Schülern leicht, sich zu orientieren. Und nicht zuletzt können sie an der Schule erfahren, wie mit Licht, Farbe und Holz ein schützender und zugleich offener Ort hervorgebracht werden kann.
„Die Architektur kann im Schulbetrieb nicht alle Wunden heilen“, sagt Harald Lehmann, „aber sie hat die Identifikation mit der Schule erhöht.“ Der EEG-Schulleiter muss inzwischen mehr als die Hälfte der Eltern, die ihre Kinder anmelden wollen, ablehnen, und das, obwohl die Gesamtschule im größten Problemstadtteil Gelsenkirchens liegt.
Einen identitätsstiftenden Ort zu schaffen – darum geht es auch Arno Lederer mit seinen Schulbauten, in Ostfildern auf einem ehemaligen Kasernengelände beispielsweise oder beim Salem College in Überlingen, einem Ergänzungsbau für die zwölften und dreizehnten Klassen des Renommier-Internats am Bodensee. Der Stuttgarter Architekt setzt dabei weniger auf Partizipation der Nutzer als auf eine Architektur, welche durch Materialien und Formensprache die „Unverwechselbarkeit des Orts“ stärke.
Lederer hat die drei Elemente, aus denen sich das Salem College zusammensetzt, deshalb so in die hügeligen Streuobstwiesen oberhalb von Überlingen gelegt, dass sie den Blick auf den See akzentuieren. Das so genannte Forum, in dem Speisesaal, Verwaltung, Aula und Bibliothek untergebracht sind, strahlt mit seiner Fassade aus rauen Ziegelsteinen Bodenständigkeit und Verlässlichkeit aus; die „Klassenschlange“ hingegen mit den Unterrichtsräumen, die das Zentrum auf drei Seiten umgürtet, kommt als weißer Holzständerbau heiter und erfrischend daher. „Wir wollten das Lernen als etwas Leichtes darstellen“, sagt Lederer. Jenseits davon liegen die Wohnräume der Internatsschüler. Wer vom Forum in die Wohnhäuser gelangen will, muss die „Klassenschlange“ passieren – Leben und Lernen sind miteinander verwoben.
Dem Architekten gelang es, aus vertrauten Materialien wie Holz und Ziegel einen einmaligen, weil perfekt auf die Umgebung abgestimmten Ort zu schaffen. Aber vielleicht ist er einen Tick zu perfekt? Die Internatseleven jedenfalls treffen sich in ihrer spärlichen Freizeit außerhalb des Schul-Ensembles – in einem ausrangierten Speisewaggon der Deutschen Bahn, den sie sich als „Clubcafé“ hergerichtet haben.
- Datum 18.06.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 18.06.2003 Nr.26
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