Erlebt Amerika derzeit, was es in Deutschland vor über sieben Jahrzehnten gab: eine "Konservative Revolution"? So nannte und nennt man jene Bewegung der intellektuellen Rechten, die in den Jahren vor und nach 1930 zum Sturm auf den liberalen Zeitgeist aufrief. Einer ihrer einflussreichsten Vertreter war der Staatsrechtler Carl Schmitt. 1927 legte er einen seiner berühmtesten Essays, Der Begriff des Politischen, vor. Die spezifisch politische Unterscheidung sei die zwischen Freund und Feind, so lautete die alsbald leidenschaftlich diskutierte Kernthese. Der Rezensent, der sich am gründlichsten auf Schmitt einließ, war der deutsche Philosoph Leo Strauss. An der Freund-Feind-Lehre fand er nichts auszusetzen. An Schmitts Liberalismuskritik aber bemängelte er, sie sei nicht radikal genug, weil sie sich noch im "Horizont des Liberalismus" bewege. Zur Vollendung könne diese Kritik nur kommen, wenn es gelinge, "einen Horizont jenseits des Liberalismus" zu gewinnen.

Von 1937 bis zu seinem Tod im Jahre 1973 lehrte Strauss in den USA, am längsten an der Universität von Chicago. Er wurde zum Mittelpunkt einer Schule, die sich Neoconservatives nennt und unter Bush dem Jüngeren fand, was Carl Schmitt letztlich vergeblich gesucht hatte: den "Zugang zum Machthaber". Zu den bekanntesten Straussianern gehören heute der stellvertretende Verteidigungsminister Paul D. Wolfowitz, der Begründer des neokonservativen Zentralorgans Weekly Standard, William Kristol, und Gary Schmitt aus der Chefetage des Project for the New American Century, eines der neokonservativen Think Tanks. Sie sind auf dem Weg, den ihnen Strauss gewiesen hat: der Vollendung der Liberalismuskritik von Carl Schmitt.

Abkehr von den Gründervätern

Natürlich ist der amerikanische Neokonservativismus nicht einfach eine Kopie der deutschen Konservativen Revolution. Die jungkonservativen Gegner der Weimarer Republik verachteten die westlichen Werte, die amerikanischen Neokonservativen halten sie hoch. Sie wollen diesen Werten, die ja in erster Linie aus der amerikanischen Revolution stammen, in der ganzen Welt zur Geltung verhelfen. Aber die Art, wie sie es tun, bringt sie mit ebendiesen Werten in Konflikt. In der Unabhängigkeitserklärung vom 4.Juli 1776 bekannten sich die Gründerväter der USA zur "geziemenden Rücksichtnahme auf die Meinung der Menschheit" ("a decent respect to the opinions of mankind"). Davon ist bei den Wortführern der heutigen Neokonservativen nichts übrig geblieben. Wer sich ihrer voluntaristischen Weltsicht nicht anschließt, den verachten sie. In ihrem Freund-Feind-Denken sind sie würdige Nachfolger des Deutschen Carl Schmitt.

Die Neokonservativen wären nicht ins Zentrum der Macht gelangt, hätten sie nicht einflussreiche Verbündete, obenan den protestantischen Fundamentalismus mit dem "wiedergeborenen Christen" im Weißen Haus an der Spitze. Viele dieser Fundamentalisten glauben an den heilsgeschichtlichen Auftrag Amerikas, die Welt von der Tyrannei des Bösen zu erlösen, und sie leiten daraus den Gedanken einer Weltmission im Dienste von Fortschritt, Freiheit und Demokratie ab. Dieser Glaube ist älter als die Vereinigten Staaten selbst. Es ist der Geist des radikalen Puritanismus, der schon die Pilgrim Fathers beflügelte.

Der politische Messianismus der zweiten Ära Bush hat also viele Väter. Das Sendungsbewusstsein der Neokonservativen und der christlichen Fundamentalisten verstärkt sich wechselseitig. Die "reinen" Machtpolitiker, zu denen man Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld rechnen muss, halten zwar nicht viel von ideologischer Politik, ob sie nun im christlichen oder im neokonservativen Gewand auftritt. Aber solange es um geostrategische und um Erdölinteressen geht, fallen die Unterschiede zwischen den "rechten" Denkschulen nicht sehr stark ins Gewicht. Beim Irak-Krieg waren, in der Nahostpolitik sind sie sich im Wesentlichen einig. Ihr gemeinsamer Nenner ist der Unilateralismus: die Überzeugung, dass Amerika so stark ist, dass es auf internationale Organisationen und widerspenstige Bündnispartner im Zweifelsfall keine Rücksicht mehr nehmen muss.

Außer Außenminister Colin Powell gibt es kaum noch ein maßgebliches Mitglied der Administration, das man, wenn auch nur sehr bedingt, zu den Multilateralisten, den Anhängern einer engen Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen und den europäischen Mitgliedern der Nato, zählen kann. Jenseits des Regierungslagers haben die Multilateralisten mehr Einfluss. Doch die Europäer sollten sich keine Illusionen machen. Multilateralismus wird in Amerika anders buchstabiert als in Europa. Der renommierte Völkerrechtler Michael J. Glennon, der alles andere als ein "Bushist" ist, hat im neuesten Heft der Zeitschrift Foreign Affairs zustimmend den Neokonservativen Francis Fukuyama zitiert: "Die Amerikaner neigen dazu, keine höhere Quelle demokratischer Legitimität anzuerkennen als den Nationalstaat." So ist es, und so wird es wohl auch bleiben, wenn der Präsident nicht mehr George W. Bush heißt: Die USA sind die einzige weltweit agierende Supermacht, und sie sind ein uneingeschränkt souveräner klassischer Nationalstaat.

Darin liegt der fundamentale Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten und Europa. Die Europäische Union ist keine Supermacht, und ihre Mitgliedsstaaten sind, auch wenn es noch nicht alle eingesehen haben, keine klassischen Nationalstaaten mehr. Sie sind postklassische, supranational eingebundene Nationalstaaten, die ihre Souveränität teilweise gemeinsam ausüben. Ihr Bekenntnis zum Multilateralismus entspricht ihren historischen Erfahrungen und ihren politischen Interessen. Sie werden folglich immer wieder versuchen, Amerika im Sinne einer multilateralen Politik zu beeinflussen. Aber eines wird ihnen schwerlich gelingen: eine europäische reeducation der USA. Dass Amerika zugunsten supranationaler Institutionen auf wesentliche Souveränitätsrechte verzichten wird, ist eine ehrenwerte, aber keine realistische Hoffnung.