Am Wochenende stündlich Friedman im Internet, im Bildschirmtext. Ist er schon aufgeschlagen, oder stürzt er noch? Neue Vorwürfe. Schwächeanfall. Aus Deutschland geflohen. Prostituierte zum Drogenkonsum gedrängt. Die Zeitungen zitieren andere Zeitungen, und was der Berliner Justizsprecher dementiert, steht gleich wieder als wahr in einem anderen Blatt. Focus zitiert Bild, Bild beruft sich auf Focus. Strukturen einer Zusammenarbeit werden sichtbar. Uns treibt die Lust an Friedmans Untergang. Ein paar Fragen bleiben ungestellt.

Was darf man in Deutschland? Und was darf man in Deutschland als Jude? Darf man gut aussehen und Politikern im Fernsehen scharfe Fragen stellen? Darf man eine große blonde Freundin namens Bärbel haben, klug sein und das Bundesverdienstkreuz tragen? Darf man sich so weit aus dem Fenster lehnen? Die persönlichen und fernsehöffentlichen Details wie Eleganz, Hautbräunungsgrad und Bildung des Talkmasters Michel Friedman gewinnen nun eine neue Bedeutung. So kann man bei uns auf Dauer nicht auftreten, sonst macht man sich verdächtig.

Der Skandal fand seinen Höhepunkt vorerst im Auftritt des Bundesgrenzschutzes im Schlafzimmer des Stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden. Im Wahlkampf 2002 hatte dieser Skandal mit antisemitischen Anwürfen des FDP-Politikers Möllemann begonnen. Möllemann unterstellte, die Juden seien selbst am Antisemitismus schuld, besonders der "gehässige" Anwalt, CDU-Politiker und Fernsehtalker Michel Friedman. Bald stilisierte sich Möllemann medienwirksam zum Opfer seiner eigenen Ungeheuerlichkeiten und erklärte, man dürfe heutzutage ja nicht einmal mehr Juden kritisieren. Da sieht man es ja.

Jürgen Möllemann lebt nicht mehr, er hat vermutlich Selbstmord begangen. Sein Name wird in Verbindung gebracht mit illegalen Parteispenden, Waffenhandel, Betrug – und Antisemitismus. Dankenswerterweise hat seine Witwe bisher nur behauptet, die FDP-Spitze habe ihren Mann in den Tod getrieben, nicht der arrogante Jude Friedman. Aber nun kam die Berliner Staatsanwaltschaft mit einem Durchsuchungsbefehl zum gehässigen Einsatz und fand bei ihm zwei leere und ein etwas weniger leeres Tütchen, "szenetypisch", mit weißem Pulver – ein "Kokaingemisch", dessen Kokainanteil nicht ermittelt werden könne, "weil die Reste zu geringfügig waren".

Hier war also offenbar Gefahr im Verzug. Hier hat der Bundesgrenzschutz in letzter Sekunde unaussprechliche Verbrechen verhindern können. Die Umstände sind geheimnisvoll, aus "ermittlungstaktischen Gründen" darf darüber nur geraunt werden. Offenbar geht es um ukrainische Zuhälterbanden, in deren Umfeld Friedmans Stimme aufgetaucht sei oder auch nur sein Name. Es drängte die Berliner Staatsanwälte so schnell, Friedmans Büro und Wohnung zu durchsuchen, dass sie die mitzuständige Frankfurter Staatsanwaltschaft gar nicht mehr ordnungsgemäß benachrichtigen konnten.

So wurden drei kleine Papiertütchen mit weißpulvrigen "Anhaftungen" sichergestellt, einem "Staubfilm". Hängen bleiben wird an Friedman, gründlicher Pressearbeit sei Dank: Drogen, Russenmafia, Menschenhandel. Drei Tütchen mit Anhaftungen von Kokain? Halten zu Gnaden, das könnte der Alltagsverbrauch auch irgendeines arischen Fernsehmoderators sein. Natürlich, wenn die Staatsanwaltschaft von Verdachtsmomenten erfährt, muss sie tätig werden. Die Durchsuchungen bei Friedman waren sicher unanfechtbar rechtens, denn ein deutscher Beamter handelt immer legal. Wo genau er aber Rechtsbrüche zu ahnden begehrt, bleibt gelegentlich ihm überlassen.

Als Sat.1-Reporter im Herbst 2000 behaupteten, auf den Reichstagstoiletten Kokainspuren gefunden zu haben, wurde trotz eines gewissen Anfangsverdachts gegen zahlreiche Prominente intensiv nicht ermittelt. Unzählige Büros und Privaträume wurden gründlich nicht durchsucht. Stattdessen waren die Boten der schlechten Nachricht an allem Unglück schuld, und der Sat.1-Moderator Ulrich Meyer erhielt Hausverbot. Die Berliner Zeitung hat in einem klugen Kommentar darauf hingewiesen, dass Friedman seine Moderatorentätigkeit bis zur Klärung der Vorwürfe niederlegt, während der unter Anklage der Untreue stehende Vorstandschef der Deutschen Bank weiter arbeitet und fröhlich ein deutscher Altbundeskanzler in der Gegend herumläuft, der öffentlich erklärt hat, sein Ehrenwort stehe über dem Gesetz. Friedman aber wird nun einer peinlichen Haarprobe unterzogen.

Es geht hier weniger um die Beweislage, die noch wissenschaftlich erhärtet wird – haarspalterisch! –, während diese Zeitung in Druck geht. Die sozialpsychologische Gesamtperformance aller Beteiligten ist das eigentliche Thema. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat das positive Untersuchungsergebnis der Tütchen zeitgleich mit der Beerdigung Jürgen Möllemanns verkündet. Die Beerdigungsberichte zeigten zahlreiche weinende Menschen. "Ein tapferer, mutiger Mann", sagten Bürger auf Kabel 1. Und: "Ich denke, dass er ohnehin in den Herzen der Menschen weiterleben wird." Am Vortag eine Mahnwache vor der FDP-Zentrale in Berlin. Die Berliner Morgenpost zitiert einen ehemaligen Vorsitzenden der Tempelhofer FDP: "Dieser Mann ist tot, weil er seine Meinung gesagt hat." Möllemann wird zur Ikone eines Widerstands, von dem man nicht recht weiß, wogegen er sich richtet. Über den Toten und seine völlig verzeihlichen, millionenschweren Kavaliersdelikte also nichts Schlechtes, während Tütchen-Friedman szenetypisch in Schande zusammenbricht.