DIE ZEIT: Kommt es oft vor, dass Kinder ein Elternteil fälschlich beschuldigen, sie misshandelt oder missbraucht zu haben?

Heribert Giebels: Misshandlung und Missbrauch von Kindern werden nicht mehr so tabuisiert wie früher: Das ist die gute Konsequenz aus der öffentlichen Präsenz des Themas. Aber die Hauptgefährdung der Kinder ist ihre Vernachlässigung durch die Eltern – Missbrauch oder Misshandlung sind Ausnahmeerscheinungen, auch wenn man die Dunkelziffer berücksichtigt.

Was die falschen Beschuldigungen angeht, kann ich nur sagen: Sie sind die schlechte Konsequenz aus der öffentlichen Präsenz des Themas. Ich kann keine Zahlen nennen, aber aus eigener Erfahrung und der von Kollegen weiß ich: Es kommt zu oft vor. Leider. Es gibt Kinder, die erheben erfundene Vorwürfe. Das kann verschiedene Gründe haben, vielleicht hat sie jemand dazu ermuntert oder es ihnen eingeredet, vielleicht steckt ein ganz anderer Konflikt der Kinder mit den Eltern dahinter, vielleicht wollen sie dem Vater oder der Mutter auch nur eins auswischen. Der Fall Müller ist in dieser Hinsicht durchaus kein Einzelfall, deswegen kommt es bei solchen Vorwürfen besonders auf professionelles Verhalten des Jugendamtes an.

ZEIT: Erleben Sie es oft, dass Kinder, die lange Zeit von ihrer Familie getrennt wurden, nicht mehr nach Hause wollen?

Giebels: Das hängt vom Alter des Kindes und der Dauer seiner Abwesenheit ab. Es wachsen ja auch Bindungen zur Pflegefamilie. Je mehr in der Trennungsphase die leiblichen Eltern ausgeklammert und von den Betreuern vor dem Kind herabgesetzt werden, je weniger im Kind der Gedanke und der Wunsch heimzukehren wach gehalten werden, desto weniger verlockend scheint ihm die Rückkehr, wenn es dann so weit ist.

ZEIT: Kommt auch das, was dem Ehepaar Müller durch das Jugendamt widerfuhr, häufiger vor?