Gaza-Stadt

Ismail Hanijeh stoppte mitten im Satz. Er müsse das Interview beenden, er höre einen Hubschrauber, entschuldigte sich das prominente Hamas-Mitglied bei dem Reporter von al-Dschasira und legte den Hörer auf. Dann tauchte er erst einmal ab.

Hamas, die "islamische Widerstandsbewegung", ist ins Zentrum des Nahostkonflikts gerückt. Bisher genossen die Vertreter ihres politischen Flügels ein gewisses Maß an Sicherheit. Aber vorige Woche entkam ihre Nummer zwei, Abd al-Asis Rantisi, nur knapp einem israelischen Raketenanschlag. Die Kriegserklärung Ariel Scharons gegen die Hamas-Führung habe diese Leute "sehr nervös" gemacht, bestätigt ein Sprecher der Autonomiebehörde. "Sie halten sich in sicheren Häusern auf und haben den Kontakt mit der Außenwelt auf ein Minimum reduziert."

Nach einer Serie von "außergerichtlichen Exekutionen" schworen die Gejagten mit bombastischer Rhetorik Rache. Sie riefen alle Ausländer auf, Israel zu verlassen. Der Anschlag auf den Jerusalemer Bus sei nur der Anfang gewesen, hieß es in einer ihrer Erklärungen, "wir rufen alle militärischen Zellen dazu auf, wie ein Erdbeben zu agieren und das zionistische Gebilde in Stücke zu reißen".

Wer sich mit diesen Herren trifft, ist oft erstaunt über ihr freundliches Auftreten. Knallharte islamistische Ideologie, die für einen palästinensisch-muslimischen Staat an der Stelle Israels eintritt, kann durchaus mit einem hohen Maß an Bildung einhergehen. Rantisi, der sich in besseren Zeiten mit Vorliebe in Anwesenheit seiner Enkelin interviewen ließ, ist Kinderarzt; Mahmud al-Sahar ist Chirurg; der Ingenieur Ismail Abu Schanab verweist gern beiläufig auf seine Promotion an einer Universität in Texas. Er liebe die Vereinigten Staaten, räumte er einmal im Gespräch mit der ZEIT ein, nur eben nicht die Regierung in Washington. In den Augen der Hamas ist jede Verhandlung mit Israel Verrat an der palästinensischen Sache und die von George W. Bush initiierte "Roadmap" eine zionistische Verschwörung, die es zu bekämpfen gilt.

Überraschend kommt das für niemanden. Wann immer sich im Nahen Osten auch nur die leiseste Hoffnung auf Versöhnung abzeichnet, melden sich die Extremisten mit Waffengewalt zu Wort. Natürlich gehört auch der neue palästinensische Premier zu den erklärten Feinden, genau wie Arafats PLO und die Autonomiebehörde. In seiner Rede auf dem Gipfel von Akaba am 4. Juni hatte es Machmud Abbas sogar gewagt, den Krieg der Hamas gegen Israel als Terror zu bezeichnen. Weniger als 24 Stunden später brach die Hamas alle Kontakte zu ihm ab. Die Bemühungen um ein Waffenstillstandsabkommen waren damit vorerst gescheitert.

"Wenn sie mich töten, werden Hunderte meine Stelle einnehmen"

Der gemeinsame Anschlag der drei Terror-Organisationen Hamas, Islamischer Dschihad und der Al-Aksa-Brigaden, bei dem vier israelische Soldaten am Checkpoint Eres ums Leben kamen, formulierte eine klare Botschaft an das palästinensische Kabinett: Keine Verhandlungen, der Kampf geht weiter. Abbas’ Versuch, seine umstrittene Rede in einer Pressekonferenz zu korrigieren, machte die Hamas jedoch nicht gesprächsbereiter. Dann eröffnete Scharon, der ohnehin nicht an einen Dialog mit den Extremisten glaubt, die Jagd.